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Niedersachsen Niedersachsen stimmt gegen Tarifvertrag
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00:28 27.02.2015
Niedersachsenmetall hat gegen den neuen Tarifvertrag aus Baden-Württemberg gestimmt. Quelle: Bernd Settnik
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Hannover/Böblingen

Den Arbeitgebern der niedersächsischen Metallindustrie ist der Tarifvertrag aus Baden-Württemberg zu teuer. Der Pilotabschluss mit der IG Metall im Südwesten verursache bei den 300 hiesigen Mitgliedsunternehmen zusätzliche Ausgaben von 180 Millionen Euro, hieß es. Aus diesem Grund habe Niedersachsenmetall gegen die Einigung votiert – man sei aber überstimmt worden. Praktisch hat das Votum keine Bedeutung: Arbeitgeber und Gewerkschaft wollen den ausgehandelten Tarifvertrag im Kern für Niedersachsen übernehmen. Die Verhandlungen dazu beginnen am Freitag.

Die Tarifparteien im Südwesten vereinbarten eine Gehaltserhöhung um 3,4 Prozent vom 1. April an. Für die Monate Januar bis März sollen die Beschäftigten eine Einmalzahlung von 150 Euro erhalten, sodass sich eine Gesamtlaufzeit des  Tarifvertrages von 15 Monaten ergibt. Für die Metaller bedeutet der Abschluss das „dickste Reallohnplus“ seit Jahrzehnten. Die Gewerkschaft hatte ursprünglich eine Erhöhung der Einkommen um 5,5 Prozent gefordert.

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Südwestmetall wollte von sich aus 2,2 Prozent mehr Lohn und Gehalt zahlen. Zudem zielte der Arbeitgeberverband darauf ab, die bisherige Altersteilzeitquote von 4 Prozent der Belegschaft zu halbieren. Dies wehrte die IG Metall ab und setzte durch, dass die Bezieher geringer Einkommen künftig rund 90 Prozent ihres bisherigen Nettolohns während der Altersteilzeit bekommen. Dadurch werde ihnen der frühzeitige Ausstieg aus dem Erwerbsleben erleichtert.

Viele verdienen deutlich weniger als die Metaller

Niedersachsen unter dem Schnitt: Mit einem Durchschnittseinkommen von rund 50 000 Euro rangieren die Metaller mit an der Spitze der Gehaltstabellen in der deutschen Industrie. In Niedersachsen liegt das Bruttoeinkommen von Arbeitnehmern in Vollzeit bei 43 000 Euro im Jahr, wie aus den jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamtes für das Jahr 2013 hervorgeht. Dies sind 3585 Euro brutto pro Monat. Darin sind Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld oder Prämien enthalten, nicht aber weitere private Einnahmequellen wie aus Vermietungen oder Vermögen. Auch die Einkommen der Selbstständigen sind nicht berücksichtigt. Damit schneiden die Niedersachsen im Bundesvergleich etwas schlechter ab als der Schnitt. Das Statistische Bundesamt nennt für das Jahr 2013 rund 45 500 Bruttojahresverdienst. Am besten stehen Arbeitnehmer der Energieversorgungsbranche da: 5789 Euro im Monat erhalten sie im Schnitt. Das Gastgewerbe ist das Schlusslicht mit 1984 Euro. Zu den Spitzenverdienern – hier gibt es nur bundesweite Zahlen von 2010 – zählen Geschäftsführer und Bereichsleiter mit 97 684 Euro brutto im Jahr. An zweiter Stelle stehen angestellte Ärzte mit 91 299 Euro, gefolgt von den Luftverkehrsberufen wie etwa die Piloten oder Fluglotsen mit 86 770 Euro. Dicht dahinter folgen
Ingenieure aus dem Bergbau sowie Hütten- und Gießereiwesen mit 84 223 Euro. Ganz am Ende rangieren Friseure mit durchschnittlich 17 000 Euro und Fischverarbeiter mit 20 074 Euro. Nach wie vor ist die Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern groß: 2013 verdienten Männer im Schnitt 20 Prozent mehr als Frauen. Während die weiblichen Beschäftigten in der Industrie und im Dienstleistungsbereich einen Stundenlohn von durchschnittlich 14,63 Euro erhielten, bekamen Männer 18,34 Euro. Immerhin: Seit dem Jahr 2010 hat sich die Lücke verringert. Ausgerechnet in Berufen mit einem hohen Frauenanteil sind die Unterschiede bei den Gehältern besonders groß – etwa im Einzelhandel, in der Verwaltung oder in der Pflege. Auffällig ist auch: Bei den Akademikern und Führungskräften ist die Lücke ebenfalls groß.

Die Arbeitgeber werteten es als Erfolg, dass neben besonders belasteten langjährigen Schichtarbeitern kein anderer Personenkreis festgelegt worden sei, der Ansprüche auf einen vorzeitigen Ruhestand habe. Die IG Metall hatte hier versucht, auch andere Faktoren – etwa dauerhaften Stress bei Projektarbeit – geltend zu machen. Südwestmetall hatte hingegen mit Blick auf den Fachkräftemangel davor gewarnt, denjenigen Ansprüche auf einen vorgezogenen Ruhestand zu gewähren, die „noch können, aber nicht mehr wollen“.

„Der in Baden-Württemberg erzielte Pilotabschluss ist ein guter Kompromiss“, sagte der niedersächsische IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine. Man habe die von den Arbeitgebern beabsichtigte Verschlechterung bei der Altersteilzeit abwehren können. „Unser Ziel ist es, die Übernahme des Tarifpakets ohne Abstriche für Niedersachsen zu übernehmen“, sagte Meine. Eine Einschränkung gibt es jedoch: Die von der Gewerkschaft im Südwesten zum Teil durchgesetzte Forderung nach einer von den Arbeitgebern bezuschussten Weiterbildungsteilzeit gilt nicht bundesweit. Die Regelungen in Baden-Württemberg gehen sehr weit – mit einem Anspruch auf persönliche Weiterbildung und Freistellungsmöglichkeiten, die jetzt noch einmal verbessert wurden. Hier empfehlen Arbeitgeber und Gewerkschaft, den in Nordrhein-Westfalen erzielten Verhandlungsstand zur Grundlage für andere Tarifgebiete zu machen.

„Grundsätzlich begrüßen wir die vereinbarte Regelung zur Altersteilzeit“, sagte Niedersachsenmetall-Chef Schmidt. Dies gelte auch für den Tarifvertrag Bildung, „der entgegen den Vorstellungen der IG Metall keine tarifvertraglichen Ansprüche, keinen Demografiefonds und keine erweiterten Mitbestimmungsrechte vorsieht“.

Von Jens Heitmann & Julia Giertz

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