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Niedersachsen Noten werden abgeschafft
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20:26 01.12.2009
Von Dirk Stelzl
Der TÜV Nord prüft nicht nur Autos, sondern auch viele andere Produkte – auch Fonds.
Der TÜV Nord prüft nicht nur Autos, sondern auch viele andere Produkte – auch Fonds. Quelle: ddp (Archiv)
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Das Urteil eines Technischen Überwachungs-Vereins (TÜV) hat für Verbraucher ein besonderes Gewicht. Wenn der TÜV ein Auto, eine technische Anlage oder ein anderes Produkt für unbedenklich hält, kann beim Kauf eigentlich nicht viel schiefgehen, meint man.

Der TÜV Nord in Hannover prüft – neben zahlreichen anderen Produkten – auch geschlossene Fonds. Er untersucht, ob das Geschäftsmodell plausibel und die Angaben im Fondsprospekt transparent sind. Nach Ansicht von Kritikern lag er mit seinen Urteilen allerdings nicht immer richtig: Zum Beispiel gab er Fonds gute Zensuren, die die Zeitschrift „Finanztest“ wegen hoher Kosten und Risiken auf eine „Warnliste“ setzte.

Nun hat sich der TÜV Nord entschlossen, sein umstrittenes Notensystem zur „Fondsplausibilität“ abzuschaffen. Bei der bisherigen Skala wurden Anlageprodukte, die den TÜV-Test bestanden, mit „gut“, „sehr gut“, „ausgezeichnet“ oder „akzeptabel“ beurteilt. Künftig soll die Beurteilung ähnlich wie bei der Kraftfahrzeuguntersuchung ausfallen: Ein Fondsprodukt bekommt ein TÜV-Zertifikat, oder es fällt durch. Außerdem sollen die Kriterien für die Prüfung „im Sinne des Anlegerschutzes“ überarbeitet werden. Details dazu verrät die Einrichtung noch nicht.

Der TÜV Nord wolle noch klarer deutlich machen, dass er keine Ratingagentur sei, begründete er die Abschaffung des Notensystems. Man habe das Produkt „Fondsplausibilität“ überprüft und dabei „Optimierungspotenzial identifiziert“. Es stellte sich heraus, dass die Noten zu Missverständnissen führen könnten, erklärte ein TÜV-Sprecher. Es habe auch „Kritik von außen“ an dem bisherigen Prüfsystem gegeben.

Diese Kritik fiel zum Teil heftig aus: „Unqualifizierte Prüfer, ungeeignete Prüfkriterien und unrichtige Prüfergebnisse sprechen gegen die Qualität der Zertifikate des TÜV Nord für geschlossene Fonds und Fondspolicen“, bemängelte der Arbeitgeberverband der finanzdienstleistenden Wirtschaft (AfW), eine Interessenvertretung unabhängiger Finanzdienstleister. Ein vom AfW in Auftrag gegebenes Gutachten habe gezeigt, dass viel zu milde Gesamtnoten vergeben worden seien und die Kriterien für die Bildung der Gesamtnoten teilweise unterschiedlich seien.

Der TÜV Nord will zur Überwachung und Verbesserung seiner Prüfverfahren einen Fachbeirat einrichten, dem Wissenschaftler und Verbraucherschützer angehören sollen. Der Beirat soll im Januar erstmals tagen. Die Prüforganisation wies darauf hin, dass es sich bei geschlossenen Fonds trotz eines TÜV-Nord-Siegels um ein riskantes Anlageprodukt handele. Man werde Emittenten die alleinige Verwendung des Siegels nicht mehr gestatten. Es dürfe nur noch im Zusammenhang mit dem Zertifikat des TÜV Nord „oder einem entsprechenden Risikohinweis“ genutzt werden.

Der TÜV Nord fordert neue Standards beim Anlegerschutz in Deutschland. Bei Kapitalanlageprodukten gebe es erhebliche Transparenzdefizite. Gemeinsam mit Politikern, Wirtschaft und Verbraucherschützern wolle man das Thema „Finanz-TÜV“ vorantreiben, sagte Ulf Theike, Geschäftsführer bei der Tochter TÜV Nord Cert.

Der TÜV lädt für Ende Januar 2010 Experten aus der Branche zu einem „TÜV-Finanzgipfel“ ein, auf dem über strengere Prüf- und Qualitätsstandards für Finanzprodukte sowie Finanzberatung diskutiert werden soll.