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Niedersachsen Otto-Bock-Chef: „Ich ärgere mich über die Politik“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Otto-Bock-Chef: „Ich ärgere mich über die Politik“
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13:16 06.06.2013
Otto-Bock-Chef Hans Georg Näder
Otto-Bock-Chef Hans Georg Näder
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Herr Näder, nach der Finanz- und Wirtschaftskrise erleben wir eine Euro-Krise. Machen Sie sich als Unternehmer Sorgen?
Ich mache mir große Sorgen um die Stabilität des Euro-Raums, und ich ärgere mich über die Politik.

Was werfen Sie ihr vor?
Die Politik streitet seit zwei Jahren über die Regulierung der Finanzmärkte. Sie hat aber keine Regeln erlassen. Deshalb trägt auch die Politik eine Schuld daran, dass wir in dieser Situation sind.

Hätte die Politik die Euro-Krise verhindern können?
Die Politik hätte bestimmte Finanzmarktgeschäfte wie Leerverkäufe verbieten und für Hedgefonds klare Regeln erlassen müssen. Hedgefonds müssen dazu verpflichtet werden, dass sie ausreichend Eigenkapital mitbringen, wenn sie spekulieren wollen, und sie sollten für ihr Tun persönlich haften. Außerdem brauchen wir strengere Verschuldungskriterien für Euro-Länder. Wenn ein Land die Anforderungen nicht mehr erfüllt, dann muss es für eine Zeit aus dem Euro-Raum austreten, eine Interims-Währung einführen und seinen Haushalt sanieren, bevor es wieder mitmachen kann.

Statt auf Regeln haben sich Europas Politiker auf ein Hilfspaket für Griechenland und andere Staaten geeinigt. Offenbar beruhigt Sie das nicht.
Nein. Nach Griechenland werden Spanien und Portugal die nächsten Baustellen sein. Irgendwann haben wir Deutschen und die Franzosen so viele Schulden gemacht, dass auch wir ein Problem haben.

Welche Auswirkungen befürchten Sie für den Mittelstand?
Wenn der Euro schwächer wird, steigt das Inflationsrisiko.

Aber ein schwacher Euro nutzt Ihnen als exportierendes Unternehmen.
Klar, für den Moment ist ein schwacher Euro eine Stütze. Der Aufschwung wird an Fahrt gewinnen, zumal die deutsche Wirtschaft mit ihrem hohen Exportanteil gut unterwegs ist. Alle deutschen Weltmarktführer haben wie wir eine Exportquote von 80 Prozent, viele machen wie wir etwa ein Drittel ihres Umsatzes im Dollar-Raum. Da hilft ein schwacher Euro. Aber nur für den Moment.

Und langfristig?
Wenn die Banken in Schieflage geraten, können sie den Mittelstand nicht mehr finanzieren. Wenn die Staatsverschuldung zunimmt, bekommen wir Steuererhöhungen, und uns droht eine Inflation, weil die Notenbanken mehr Geld drucken könnten.

Kostet es uns Wirtschaftswachstum, dass keine Steuersenkungen kommen werden?
Nein. Das ist nicht schlimm. Wir brauchen gar keine Steuersenkungen, wir brauchen stabile Finanzmärkte, wir brauchen Investitionen in Bildung und Wissenschaft: Wir haben keine Rohstoffe wie Russland, China oder Brasilien. Unser Rohstoff ist Wissen.

Bislang ist die Medizintechnikbranche gut durch die Krise gekommen. Sie konnte den Umsatz nahezu halten. Die Otto-Bock-Gruppe auch?
Ein Teil des Konzerns nicht. Wir sind auch Automobilzulieferer, wir produzieren Schaumstoff und Kunststoff für Türen, Sitze und Lenkräder zum Beispiel. Wir hatten 2009 im Automotive-Bereich einen Umsatzeinbruch von 40 Prozent. Wir haben deshalb 25 Mitarbeiter, die wir nicht beschäftigen konnten, in den Health-Care-Bereich der Otto-Bock-Gruppe gezogen. Insgesamt ist der Konzern aber deutlich gewachsen. Wir erzielten erstmals ein Betriebsergebnis von mehr als 100 Millionen Euro und stellten mehr als 250 Mitarbeiter ein. Dieses Jahr wollen wir noch mehr Leute zu uns holen und den Umsatz von rund 630 auf 670 Millionen Euro steigern.

Wo sehen Sie den Grund für das Wachstum?
Die Menschen werden älter, immer mehr leiden an den Zivilisationskrankheiten Arthrose, Diabetes oder Osteoporose. Der Markt wächst.

Der Bundesgesundheitsminister arbeitet an Sparplänen. Was raten Sie ihm?
Erstens haben wir rund 200 Krankenkassen, wir kämen auch mit 25 aus. Zweitens verbringen Ärzte mehr Zeit mit Papierkram als mit Patienten. Wenn wir die Verwaltung elektronisch machen, die Patientenakte auf einen Chip packen, dann sparen wir Geld und Zeit. Drittens würde ich in der Krankenversicherung ein Bonus-Malus-System einführen: Wenn jemand viel raucht, Alkohol trinkt, Übergewicht hat und Diabetes bekommt, sollte seine Selbstbeteiligung höher sein als bei jemandem, der gesund gelebt hat.

Sehen Sie nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen noch eine Chance für eine Gesundheitsreform?
Wir haben wieder eine große Koalition, weil die Union nur noch im Schulterschluss mit der SPD bestimmte Themen durch den Bundesrat bekommt. Das finde ich gut. In Krisenzeiten braucht es einen großen Konsens.

  • Zur Person
    Hans Georg Näder lenkt als geschäftsführender Gesellschafter die Duderstädter Otto-Bock-Gruppe, zu der neben der Medizintechnik auch eine Kunststoffsparte und der IT-Dienstleister Sycor gehören. Der 1961 geborene Näder hat bereits mit 28 Jahren Verantwortung für das operative Geschäft übernommen. In der Rangliste der reichsten Niedersachsen des „Manager-Magazins“ liegt der Unternehmer mit einem Vermögen von 750 Millionen Euro auf Platz vier.

Interview: Markus Werning