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Niedersachsen Primark kommt, um zu vertreiben
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Primark kommt, um zu vertreiben
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20:11 12.09.2011
Von Lars Ruzic
Das Schild hängt schon. Anfang November eröffnet Primark in Hannover. Quelle: Thomas
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Hannover

Ein eigentümlicher Shoppingtourismus hatte zuletzt Bremen erfasst. Unzählige Grüppchen meist jugendlicher Konsumentinnen machten sich – bewaffnet mit dem Niedersachsen-Ticket – auf in die Hansestadt, um dort ihr Geld loszuwerden. Ihr Ziel war nicht etwa das Schnoorviertel oder die Böttcherstraße, sondern ein Einkaufszentrum, das sie in Bremen kurz nach dem Bau schon fast wieder schließen wollten, weil es so schlecht lief. Bis der irische Modekonzern Primark dort sein erstes deutsches Haus eröffnete. Seitdem prägen die Rückkehrerinnen aus Bremen mit ihren vollen Primark-Einkaufstüten sonnabends so manchen niedersächsischen Bahnhof.

Diese Touren werden bald beendet sein. Anfang November eröffnet Primark sein mit mehr als 8000 Quadratmetern bis dato größtes deutsches Haus in Hannover – mitten in der Innenstadt im früheren SinnLeffers-Gebäude. Das haben die Iren einfach mal eben gekauft, wie auch Läden in Essen und Saarbrücken – ein bei Immobilien dieser Größenordnung in Deutschland äußerst seltener Vorgang. „Damit dokumentieren wir, dass wir den Markt nicht so schnell wieder verlassen wollen“, sagt der Nordeuropa-Chef des Konzerns, Wolfgang Krogmann.

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Primark ist gekommen, um zu bleiben. Und wenn nötig zu vertreiben. In Großbritannien ist die Tochter des Londoner Nahrungsmittelriesen Associated British Foods in ihrem Segment unangefochtener Marktführer, doch erst jetzt streckt das Unternehmen seine Fühler in den Rest Europas aus. Primark zielt auf H&M, C&A und Zara, deren Preise es meist unterbietet. Im Visier sind auch die Kunden von KiK, Takko und Co., die bei den Iren eine ansehnlichere Warenpräsentation und modischere Artikel finden sollen. „Niedrige Preise allein reichen nicht“, sagt Krogmann, „die Mischung macht’s.“

Modisch wie H&M, billig wie KiK, so umschreiben Handelsexperten das Primark-Modell. T-Shirts für 2 Euro, Handtaschen für 9 Euro, Jeans für 11 Euro – das lockt ganze Reisegruppen. „Category Killer“ nennt man das in der Branche. Darin schwingt nicht ohne Grund etwas Aggressives mit. Denn Primark dürfte sich gleich bei mehreren Marktsegmenten bedienen. Große Wachstumspotenziale hat der deutsche Textilmarkt – mit fast 50 Milliarden Euro der größte Europas – nicht zu bieten. In den vergangenen Jahren mehrten sich die Pleiten in dem Segment: Karstadt, SinnLeffers, Woolworth und so weiter.

Die frei gewordenen Flächen nutzen nun andere für sich – die Designer-Resterampe TK Maxx etwa oder die schwedische Kette Gina Tricot. Beide sitzen zum Beispiel in Hannover in einem alten Karstadt-Haus. Primark nutzt ähnliche Immobilien nun für seinen Angriff. Was vor zwei Jahren in Bremen begann, wird Ende 2011 auf sieben Filialen gewachsen sein. Mit der Umsatzentwicklung auf dem neuen Markt sei man „sehr zufrieden“, sagt der 55-jährige Handelsmanager, der einst schon die Expansion von H&M in Deutschland vorangetrieben hat. Für den Ausbau der Filialen gebe es allerdings keinen Masterplan. „Immobilien in der Größe und der Lage, die uns vorschweben, gibt es nicht gerade wie Sand am Meer.“

Auf den ersten Blick wirkt Primark mit seinem Größenanspruch wie ein Dinosaurier der Branche – angesichts der vielen kleinen Markenshops in den Innenstädten. Doch der Auftritt unterscheidet sich nur in der Breite des Angebots. Ansonsten funktioniert Primark wie viele andere auch: als vertikaler Textilkonzern. Das Modell hat sich in der Branche durchgesetzt und dominiert heute den Markt. Vertikale legen das Design selbst fest, lassen die Ware vorwiegend in Asien produzieren und verkaufen sie dann in Europa.

Bei vielen Lieferanten in Asien treffe man die eigenen Wettbewerber wieder, berichtet Krogmann. Schließlich gebe es auch dort nicht viele Produzenten, die derart große Mengen liefern könnten. Dass man trotzdem billiger sei, liege an der schlanken Struktur und der strikten Verschlankung der Prozesse. Und: „Wir kommen auch mit einer etwas geringeren Marge zurecht.“ Tatsächlich erwirtschafteten die Iren 2010 ein operatives Ergebnis von 12,5 Prozent des Umsatzes. Zum Vergleich: H&M kam auf 22,7 Prozent. Ob die Primark-Strukturen wirklich so schlank bleiben können, wird indes in der Branche bezweifelt. Wer ganz Europa beliefern wolle, werde einen ganz andere Logistikaufwand betreiben müssen als jemand, der nur auf der britischen Insel und in Irland Läden betreibe, sagt ein Handelsmanager.

Hinzu kommt der Personalaufwand: Allein in Hannover sucht Primark rund 600 Verkaufskräfte – meist auf Teilzeitbasis. Die Zahl ist so groß, weil in den Läden auch gearbeitet wird, wenn sie für die Kunden geschlossen sind – und zwar an sechs Tagen der Woche rund um die Uhr. „Wir zahlen nach Tarif – mindestens“, beteuert Krogmann. Im Zweifel verzichten die Iren offenbar lieber auf weitere Prozentpunkte bei der Marge, als in der jetzigen Angriffsphase ihre wichtigste Waffe – die niedrigen Preise – aufs Spiel zu setzen. In den ersten Monaten des bald endenden Geschäftsjahres jedenfalls stiegen die Umsätze deutlich stärker als die Gewinne.

Das Unternehmen Primark

Das 1969 in Irland gegründete Unternehmen gehört zum Londoner Nahrungsmittelriesen Associated British Foods, der den weitaus größten Teil seines Umsatzes von zuletzt gut 11,5 Milliarden Euro mit der Herstellung und dem Verkauf von Zucker, Weizen und Markenartikeln wie Mazola-Öl, Ovomaltine oder Twinings-Tee erwirtschaftet. Primark kommt auf einen Umsatz von 3 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als 32 000 Mitarbeiter in 220 Filialen. Die Tochter ist für den Mutterkonzern der wichtigste Wachstumsmotor.

Lars Ruzic