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Niedersachsen Reifenproduktion in Stöcken vor endgültigem Aus
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Reifenproduktion in Stöcken vor endgültigem Aus
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22:22 29.04.2010
Nur noch ein Symbol: Reifen werden in Stöcken schon seit Ende vergangenen Jahres nicht mehr gefertigt.
Nur noch ein Symbol: Reifen werden in Stöcken schon seit Ende vergangenen Jahres nicht mehr gefertigt. Quelle: dpa
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Die Hoffnung hat Bernd Müller längst aufgegeben. „Am Dienstag werde ich mir wohl mein Kündigungsschreiben abholen können“, vermutet der Reifenbäcker. Nach 20 Jahren bei Continental droht die Abschiebung in eine Transfergesellschaft. Seine weitere Zukunft ist unklar. Mit 52 Jahren sei man schließlich nicht mehr überall gefragt, meint der Garbsener. „Im Moment“, räumt er ein, „ist alles ziemlich mies.“

Wie Hunderte seiner Kollegen in der Lkw-Reifenproduktion des Traditionsstandorts Hannover-Stöcken lebt Müller seit gut einem Jahr zwischen Hoffen und Bangen. Die dramatischen Einbrüche am Nutzfahrzeugmarkt sorgten bei Conti schlagartig für eine Überkapazität von 1,7 Millionen Reifen – das ist mehr, als Stöcken in einem Jahr herstellen kann. Die Konzernspitze wollte bereits im Frühjahr 2009 die komplette Fertigung mit 780 Mitarbeitern schließen. Die Widerstände in Belegschaft und Politik ließen das Management jedoch auf eine Kompromisslösung einschwenken, die im Kern einen Aufschub der endgültigen Entscheidung vorsah.

Seit gut einem Jahr sind die Mitarbeiter auf Kurzarbeit, meist sogar Kurzarbeit null. Seit Jahresanfang stehen die Maschinen komplett still. Bis Ende April wollte man sich Zeit lassen, um zu erforschen, ob sich die Nachfrage immerhin so stark erholt, dass eine Produktionszelle mit einem Jahresausstoß von einer halben Million Reifen wieder angefahren werden kann. Das hätte immerhin für 300 Mitarbeiter den Erhalt des Jobs bedeutet.

Doch daraus wird offensichtlich nichts. „Die Märkte erholen sich, aber es reicht nicht aus“, heißt es aus dem Konzern. Nicht einmal die Schwelle von 350 000 Reifen, die Unternehmen und Arbeitnehmervertreter als Toleranzgröße ausgehandelt hatten, werde derzeit erreicht. Offiziell bestätigen will das noch keine Seite, auch weil beide immer noch über das weitere Vorgehen verhandeln. „Wir sind mit den Arbeitnehmervertretern bis zum letzten Tag in Gesprächen“, sagt eine Conti-Sprecherin. Das Ende der Reifenproduktion von Continental in Hannover scheint dabei aber nicht mehr abzuwenden sein.

Der Aderlass in der Belegschaft ist schon in vollem Gange. Gut 180 Beschäftigte haben bereits im vergangenen Jahr eine Abfindungsprämie einschließlich Bonus für Schnellentschlossene mitgenommen und sind vorzeitig in die Transfergesellschaft gewechselt. Der Betriebsrat hatte seinerzeit ein für Conti-Verhältnisse luxuriöses Abfindungsprogramm ausgehandelt, bei den sich die Prämien auf bis zu 190 000 Euro brutto summierten.

Für den Konzern war das alles andere als billig: Conti hat bereits in der Bilanz des vergangenen Jahres fast 50 Millionen Euro Kosten allein für die Restrukturierung in Stöcken verbucht, mehr als 5 Millionen Euro davon entfielen bislang auf Abfindungen. Der Haken für die Mitarbeiter: Längst nicht alle, die wollten, kamen in den Genuss dieser Regelung. Für den Fall, dass die Produktion auf kleinerer Flamme wieder anläuft, mussten alle nötigen Kompetenzen und Fertigkeiten an Bord bleiben.

Noch unklar ist, wie viele Betroffene in den kommenden Monaten tatsächlich in die Transfergesellschaft wechseln werden. Einige Dutzend sind inzwischen zu ContiTech nach Vahrenwald gewechselt, obwohl man ihnen dort nur befristete Jobs angeboten hat. Andere, deren Stellen in Stöcken ebenfalls wegfallen sollten, können sich derzeit vor Arbeit nicht retten. Der Mischsaal, in dem der Konzern ursprünglich 130 Jobs streichen wollte, ist an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr in Betrieb. Der Bereich liefert Mischungen für die Pkw-Reifenfabriken in Europa – vor allem nach Korbach und Aachen. Im Gegensatz zum Nutzfahrzeugsektor brummt das Pkw-Geschäft.

Noch unklar ist, was aus der Fabrikhalle auf dem 70 Fußballfelder großen Werksgelände werden soll. Vor einem Jahr hatte der Konzern eine Neubelebung etwa durch ein Technologiezentrum, einen Industriepark oder einen Logistikstützpunkt angekündigt. Außer der Verlagerung der eigenen Entgeltabrechnung mit 50 Mitarbeitern ist bislang allerdings wenig geschehen.

Für Bernd Müller spielt all das schon keine Rolle mehr. Er will das Jahr in der Transfergesellschaft für eine Umschulung nutzen – vielleicht zum Busfahrer, sagt er. „Schließlich kann man den Kopf ja nicht im Sand steckenlassen.“

Lars Ruzic