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Niedersachsen Reifensparte von Continental macht endgültig dicht
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Reifensparte von Continental macht endgültig dicht
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22:28 04.05.2010
Von Felix Harbart
„Du bist gekündigt zum 31. Mai“ – das hat Nooman Kordi von seiner Frau am Telefon erfahren. Als das Kündigungsschreiben per Post kam, war Kordi bereits bei der Arbeit. Quelle: Rainer Surrey
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Mitten im Gewusel vor Tor 2 ist es leer um Nooman Kordi. Noch immer tröpfeln die Kollegen aus dem Conti-Werk auf den großen Parkplatz, bleiben stehen, zünden sich Zigaretten an, legen sich Hände auf die Schultern, reden leise miteinander. Viele haben einen weißen DIN-A4-Umschlag in der Hand, in dem ihre Zukunft steckt. In manchen steht: „ ... freuen wir uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, ...“ dass sie bleiben können bei Conti in Stöcken. Im Umschlag von Nooman Kordi steht das nicht.

Jetzt sitzt er auf einem Poller vor Tor 2, als warte er, dass ihm langsam ins Bewusstsein sickert, was gerade geschehen ist. Ihm haben sie keinen Umschlag in die Hand gedrückt. Seiner kam per Post, da war er schon aus dem Haus. Seine Frau hat ihn aufgemacht. „Du bist gekündigt zum 31. Mai“, hat sie am Telefon gesagt. Schluss. Nach neun Jahren Reifenbacken bei der Conti.

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Nooman Kordi ist einer der 210 Conti-Mitarbeiter, die für ein Jahr in eine sogenannte Qualifizierungsgesellschaft überführt werden. Dort erhalten sie 90 Prozent ihres bisherigen Gehaltes und Fortbildungen, zum Gabelstaplerfahrer etwa oder zu Gott weiß was. „So einen wie mich lassen sie doch erst mal Deutsch lernen“, sagt Nooman Kordi. Nicht, dass der 38-jährige Tunesier nicht hervorragend deutsch spräche. Höchstens beim Schreiben habe er ein paar Schwächen. Und schreiben muss man, wenn man sich um einen neuen Job bewirbt. Nur wo? „Hannovers Arbeitsmarkt ist in Sachen Industriearbeitsplätze beinahe auf null“, sagt Betriebsratschef Michael Deister. „Da werden sich viele ganz neu orientieren müssen.“

Aber neu orientieren, das ist leicht gesagt. Vier und sechs Jahre alt sind Nooman Kordis Kinder, das dritte kommt im Juni zur Welt. Zurück nach Tunesien zu gehen, wollen die Kordis ihnen nicht zumuten. Und wer würde ihn schon als Koch nehmen, in jenem Job, den er einst gelernt hat, nach neun Jahren im Reifenwerk? „Jahrelang 21 Schichten im Monat“, sagt Kordi. Dreimal Früh-, dreimal Spät-, dreimal Tagschicht. Früh, spät, Tag. Reifen hochheben, brühen, runterheben. Das geht auf den Rücken und auf die Atemwege. Jetzt qualifizieren sie ihn. Zu was? Er weiß es nicht.

Ralf Becker, Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft IG BCE, sagt, man fordere, dass die „Contianer Contianer bleiben“ dürfen. Dafür solle der Autozulieferer andere Geschäftsfelder ausbauen, das Verbundstoffgeschäft etwa. Schon jetzt arbeiteten 420 Mitarbeiter der Abteilung „Vibrations Control“ an Motorhalterungen, da habe die Conti einen technologischen Vorsprung, da könne man Arbeitsplätze schaffen: „Wir wollen für die Menschen Perspektiven am Standort Hannover. Die Conti verfügt dazu über genügend Wirtschaftskraft.“ Betriebsratschef Michael Deister sagt, ein „zartes Pflänzlein“ von 50 neu geschaffenen Jobs gebe es schon. Aber er sagt auch: „Noch eine Umstrukturierung bei Continental, und es wird in Hannover keine Produktion mehr geben. Dann gehen hier die Lampen aus.“

Dann würde es wohl endgültig auch eng für Uwe Luft. Nach dem Ende der PKW-Reifen-Sparte vor zwei Jahren hatte er noch Glück und durfte in der LKW-Sparte weitermachen. Schon deswegen hatte er nicht daran geglaubt, verschont zu bleiben dieses Mal. Trotz der vier Kinder von zehn, 13, 14 und 17 Jahren. Deswegen kommt seine Frau an diesem Morgen mit zum Werk, wartet draußen, während drinnen die Betriebsversammlung beginnt. Lange Minuten beginnen für die Lufts, im Werk für ihn, auf dem großen Parkplatz davor für sie.

Als Uwe Luft herauskommt, hat er Tränen in den Augen. „Ich darf bleiben“, sagt er. Er zeigt den Zettel aus dem Umschlag. „... freuen wir uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, ...“ Sein Handy klingelt, ein Kollege ruft an. „Er muss gehen“, sagt Uwe Luft. Er will noch mehr sagen, aber es geht nicht mehr. Die Lufts wissen nicht, was sie denken sollen. Also weinen sie.

Der Bezirkschef der IG BCE sagt, die Verlagerung der Reifenproduktion auf nur noch einen Standort in der Slowakei sei ein strategischer Fehler und stark risikobehaftet. So habe die Conti im vergangenen Jahr die Produktion dort zwischenzeitlich einstellen müssen, als es durch den Streit um Gazprom Lieferschwierigkeiten beim Gas gab. Nicht lange genug habe die Geschäftsführung nach den Verhandlungen im vergangenen Jahr abgewartet, ob die Absatzzahlen bei den LKW-Reifen nicht doch noch wieder steigen würden. „Wir hätten uns an der Stelle mehr Durchhaltevermögen gewünscht“, sagt Becker. Doch die Unternehmensleitung findet, man habe lange genug gewartet. „Die Marktentwicklung bestätigt leider unsere im vergangenen Jahr getroffene Prognose“, sagt Friedrich-Wilhelm Falkenreck, Personalleiter aller Reifendivisionen bei Continental. „Unsere Entscheidung ist daher im Sinne des Gesamtunternehmens richtig.“

Paul Hoheisel darf bleiben. Nach Sozialplan und Punktesystem. Für die Altersteilzeitregelung ist der 58-jährige Wartungsschlosser ein paar Monate zu jung, also zieht er durch. Es werden noch ein paar Jahre dazukommen zu den 24, die er schon bei der Conti ist. Aber er hat Kollegen, bei denen ist Schluss, bei einem nach 27 Jahren. „Der ist Mitte 40, hat Kinder“, sagt er. Den interessiert der Hinweis auf das Gesamtunternehmen jetzt wenig.

Hinten auf dem Parkplatz haben ein paar jüngere Kollegen zwei Kisten Bier herausgestellt. Sie trinken jetzt einen. Der eine darauf, dass er noch jung genug ist und nun, wegen seiner Berufserfahrung, Maschinenbau studieren kann. Der andere darauf, dass ihm Punkte im System fehlen und deshalb der falsche Zettel in dem großen, weißen Umschlag war. Paul Hoheisel ist nicht nach Bier. Auch seine Augen haben einen feuchten Schimmer. Damit ist man lieber alleine. „Ich geh’ dann mal“, sagt er.

Nooman Kordi sitzt noch eine Weile da. Irgendwann steht er auf, er muss nach Hause, mit seiner Frau reden. Wie das wird, wenn im Juni das Baby kommt, während Papa irgendwo qualifiziert wird.

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