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Niedersachsen Streit um die Schokolade eskaliert
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Streit um die Schokolade eskaliert
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21:31 26.11.2013
Von Lars Ruzic
Foto: „Sowohl kontrolliert als auch dokumentiert“: Dosieranlage des Duft- und Aromenkonzerns Symrise in Holzminden.
„Sowohl kontrolliert als auch dokumentiert“: Dosieranlage des Duft- und Aromenkonzerns Symrise in Holzminden. Quelle: dpa
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Es ist die Unterschrift, die die Bedeutung des Vorgangs unterstreicht. Die eilig verfasste Garantieerklärung für das Produkt mit der Nummer 256 530, „Vanille Aroma trocken für Ritter-Sport-Vollnuss“, hat nicht irgendein Vertriebs- oder Produktionsleiter gegengezeichnet. Nein, der Brief aus Holzminden trägt die Unterschrift von Heinz-Jürgen Bertram, Vorstandschef des weltweit viertgrößten Aromenkonzerns Symrise. Das zeigt nicht nur, wie wichtig den Holzmindenern der Kunde Ritter ist. Es symbolisiert vor allem, dass es ihnen um die Ehre geht.

In der vergangenen Woche hatte die jüngste Ausgabe des „Test“-Heftes der Stiftung Warentest den Schokoladenhersteller und seinen Lieferanten aufgeschreckt. Die „Ritter Sport Voll-Nuss“ bekam in einem Vergleich der Tester die schlechtest mögliche Note „Mangelhaft“ – allerdings nicht, weil den Testern die Schokolade nicht schmeckte, sondern weil sie das Aroma Piperonal enthielt. Dieser Stoff könne „in nennenswerten Mengen zu vertretbaren Kosten“ nur auf chemischem Weg hergestellt werden, so die Tester. Ritter behaupte auf seiner Verpackung aber, man setze nur natürliches Aroma ein. Das stelle eine Verbrauchertäuschung dar, und führe deshalb in der Note zur Abwertung.

Genau diese Unterstellung treibt Ritter und Symrise auf die Palme. Noch am Tag der „Test“-Veröffentlichung ließ Bertram besagte Garantieerklärung für Ritter aufsetzen. Darin versichert Symrise, Piperonal werde „ausschließlich aus Pflanzen mit Hilfe ausschließlich physikalischer Methoden gewonnen“. Das könne auch für jede produzierte Charge „sowohl kontrolliert als auch dokumentiert werden“, versichert Bertram in dem Schreiben. Die gesetzlichen Anforderungen an ein natürliches Aroma würden voll erfüllt.

Mit dem Schreiben im Rücken will Ritter nun gegen die Stiftung Warentest vorgehen. „Wir sind aktuell dabei, geeignete Rechtsmittel einzulegen, damit der Sachverhalt richtig gestellt wird“, teilte das Familienunternehmen, das Piperonal in diversen Sorten einsetzt, gestern mit. Die Stiftung Warentest blieb bei ihrer Darstellung, will aber zunächst keine weiteren Details mehr dazu veröffentlichen.

Dass Piperonal auch auf natürlichem Wege gewonnen werden kann, streiten die Tester nicht ab. Der Stoff kommt etwa im Blütenöl von Veilchen oder Mädesüß vor, lässt sich aber auch mit rein physikalischen Methoden aus Vanille, Dill und Pfeffer gewinnen. Der Prozess ist wesentlich aufwendiger als die chemische Erzeugung. Deshalb sei natürlich gewonnenes Piperonal auch 30-mal teurer als chemisches, heißt es bei Symrise. Aber es sei eben ausreichend vorhanden. Zu den Details über seine Beschaffungs- und Erzeugungsmethoden schweigt der Duft- und Aromenkonzern allerdings – Geschäftsgeheimnis.

Klar ist nur: Die Holzmindener stehen voll hinter Ritter. Denn auch für Symrise steht viel auf dem Spiel. Der Konzern hat in den vergangenen Jahren viel Know-how und Geld in die Herstellung natürlicher Aromen gesteckt. Gut drei Viertel der in Holzminden verarbeiteten Stoffe hätten ihren Ursprung inzwischen in der Natur, sagte eine Sprecherin.

Für seine enge Zusammenarbeit mit Vanillebauern in Madagaskar hat Symrise erst vor einem Jahr den Deutschen Nachhaltigkeitspreis bekommen. Auch dort kann der Konzern jeden Schritt des Produktionsprozesses dokumentieren. So verlangen es Kunden wie Ritter schließlich vom Lieferanten. Eine „Verunreinigung“ in den Lieferketten wäre deshalb für Symrise nicht nur ruf-, sondern auch geschäftsschädigend. Das bekamen die Holzmindener noch am Tag der „Test“-Veröffentlichung zu spüren: Die Aktie drehte prompt ins Minus.

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