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Niedersachsen Rösler setzt auf Erdöl aus dem Wattenmeer
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Rösler setzt auf Erdöl aus dem Wattenmeer
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10:13 12.08.2012
Philipp Rösler setzt sich für Erdölförderung aus dem Wattenmeer ein - wie auf der Bohr- und Förderinsel "Mittelplate" vor Cuxhaven. Quelle: dpa
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Cuxhaven

An Bohrloch 22 öffnet Heiko Junge das Ventil, es zischt wie bei einem Mineralwasserspender. Dann lässt der Mitarbeiter des Unternehmens RWE Dea das wollig warme schwarze Gold in eine Plastikflasche strömen. Junge schnüffelt daran, es riecht nach Tankstelle, er meint: „Der ist gut der Jahrgang“. 27 Millionen Tonnen Öl sind auf Deutschlands einziger Bohrinsel Mittelplate im Wattenmeer schon gefördert worden, 23 Millionen sollen noch folgen.

Geht es nach dem neuen RWE-Chef Peter Terium, dann soll die Ausbeutung im 2009 von der Unesco zum Weltnaturerbe ernannten Wattenmmer noch verstärkt werden. Um auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler von dem lukrativen Plan zu überzeugen, hatte Terium den FDP-Politiker nach Mittelplate eingeladen. Von Cuxhaven ist es eine knappe Stunde per Schiff. Bei Ebbe könnte man theoretisch um das ein Fußballfeld große Förder-Ungetüm in der Nordsee herumspazieren.

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Oben vom Hubschrauberlandeplatz hat Rösler einen hervorragenden Ausblick auf die Nordsee, er kann den Seehunden auf den Sandbänken fast zuwinken. Hier schlummert die größte bisher bekannte Menge Öl im notorisch rohstoffarmen Deutschland. Zwar will Rösler sich nicht dazu hinreißen lassen, die Anträge des hier fördernden Konzerns RWE Dea auf eine Ausweitung der Ausbeutung von Ölreserven offensiv zu unterstützen. Er verweist auf die Zuständigkeit der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Aber durch die Blume lässt er erkennen, dass er bei seinem Besuch wenig Gründe gefunden hat, warum drei weitere Bohrungen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer und eine in der niedersächsischen Nordsee nicht möglich sein könnten. „Wir brauchen im Sinne von Versorgungssicherheit solche Öl-Plattformen“, betont er. Öl hat wegen des Bedarfs in Verkehr, Industrie und beim Heizen mit 34 Prozent weiter den größten Anteil beim Primärenergieverbrauch.

Jenseits des Ausbaus erneuerbarer Energien warnt Rösler daher, fossile Energieträger zu verteufeln. Ausführlich hat er sich den Blow-Out-Preventer erklären lassen, der anderes als bei der Katastrophe auf der BP-Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko verhindern soll, dass unkontrolliert ausströmendes Erdöl zur Naturkatastrophe führt.

Womöglich wird noch 2012 über die Anträge eine Vorentscheidung getroffen. Bei einem positiven Votum könnten neben den noch in Mittelplate zu fördernden rund 23 Millionen Tonnen Öl weitere 23 Millionen Tonnen des schwarzen Goldes der Nordseee abgerungen werden. „Das ist eine beträchtliche Menge“, so RWE-Chef Peter Terium. Während der Strompreis durch höhere Umlagen im Zuge der Energiewende steige, könne heimisches Öl dazu beitragen, gerade für die chemische Industrie „wettbewerbsfähige Preise zu kreieren“.

Mittelplate liegt im schleswig-holsteinischen Wattenmeer, das Land erhält jährlich laut RWE einen Öl-Förderzins von 80 bis 90 Millionen Euro. Bis zu sechs Kilometer tief wird in die Sandsteinschichten gebohrt. Jährlich springen so 1,4 Millionen Tonnen Nordseeöl heraus, was immerhin mehr als der Einfuhrmenge aus Saudi-Arabien entspricht.

Deutsches Öl deckt den Bedarf aber nur zu drei Prozent, 2011 stieg die Gesamtförderung um sieben Prozent auf 2,7 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Vom wichtigsten Öllieferanten Russland wurden 35,3 Millionen Tonnen Öl eingeführt. Angesichts der weltweit knapper werdenden Ressourcen ist die weitere Erschließung in der Nordsee aber auch von strategischem Interesse.

Gleiches gilt für die Erschließung der in Schiefergesteinen schlummernden Gasreserven, die mittels Chemikalieneinsatz aus dem Gestein gepresst werden („Fracking“). Gegner fürchten große Gefahren für das Trinkwasser, zwei Studien des Bundeswirtschafts- und des Bundesumweltministeriums sollen Potenzial und Risiken klären. In den USA sind die Energiepreise durch die massive Erschließung der Schiefergasvorkommen eingebrochen, hier schert man sich wenig um die ökologischen Folgen. „Warum geht Airbus jetzt in die USA“, fragt Rösler mit Blick auf die dortige Energierevolution.

Der Wirtschaftsminister sieht saubere Fördermethoden wie hier im Wattenmeer als Zukunftsmodell an und spricht von einem möglichen Exportschlager auch für andere Förderländer. Dominic Cimiotti, Wattenmeerexperte des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) warnt dagegen vor einem Irrweg und fordert, die Anträge auf vier weitere Probebohrungen abzulehnen. Es bestehe jetzt schon große Gefahr für Seehunde und Vögel. Bei neuen Bohranlagen würden Watttiere auf einer Fläche von Dutzenden Fußballfeldern getötet, befürchtet Cimiotti. 

dpa