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Niedersachsen Siebte VW-Golf-Generation wird gebaut
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Siebte VW-Golf-Generation wird gebaut
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20:33 08.08.2012
Von Lars Ruzic
Der neue VW Golf ist noch ein Phantom. Quelle: dpa
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Hannover

Wer zum erlauchten Kreis gehört, muss aber noch lange nicht wissen, wie das Auto in Gänze aussieht. Denn noch sieht der Spezialist im Presswerk nur „seine“ Karosserieteile, der Kollege in der Montage nur „seine“ Fertigungsabschnitte. Allein die Endkontrolleure am „Zählpunkt 8“ gehören zum Kartell der Kenner.

Das alles ist normal für den Beginn der Serienfertigung eines neuen Modells, den sie in der Autobranche recht schmucklos „SOP“ (Start of Production) nennen. Ein paar warme Worte von der Werksleitung, dann an die Arbeit. Wie so oft haben sie bei VW die Werksferien genutzt, um die Produktion langsam hochzufahren. Rund 5000 Beschäftigte meldeten sich freiwillig, machen ihre Ferien lieber zu einem anderen Zeitpunkt.

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Seit Montag wird die siebte Golf-Generation gebaut, doch außerhalb der Werkshallen ist von dem Wagen nichts zu sehen. Eine Übersicht der Vorfahren.

Die Geheimniskrämerei gehört zum Geschäft. Der Golf VII wird Anfang September mit großem Pomp in der Neuen Nationalgalerie in Berlin vorgestellt – da will der Hersteller vorher keine Fotos von Modellen veröffentlicht sehen, die an den Fertigungslinien zwischen den ganzen Golf VI stehen. Denn die werden ja derzeit auch noch gebaut. Erst im November wird der Generationswechsel dann endgültig vollzogen – schon nach vier Jahren.

Womit wir bei dem wären, was den „SOP“ des Golf VII zu einem zumindest in der Konzerngeschichte historischen Ereignis macht. Mit dem Modell hält eine neue Konstruktions- und Produktionsphilosophie Einzug bei Volkswagen: der modulare Querbaukasten (MQB). Dahinter eine Weiterentwicklung der Plattformstrategie – und intelligente Gleichmacherei: Künftig sollen fahrzeug- und markenübergreifend so viele gleiche Teile wie möglich eingebaut werden. Und dennoch ist das System so angelegt, dass die Autos flexibel designt und mit Motoren bestückt werden können. Um den MQB möglichst schnell umsetzen zu können, wurde die Einführung des Golf VII kurzerhand um gut zwei Jahre vorgezogen.

Der Konzern erhofft sich davon nicht nur 20 Prozent Einsparungen bei den Herstellkosten, er will damit auch bei der Produktion flexibler sein. Möglichst viele Werke sollen künftig möglichst viele unterschiedliche Modelle bauen können. Künftig werden alle Fahrzeuge vom Polo bis zum Passat auf der MQB-Bauweise – die ihren Namen vom quer zur Fahrtrichtung eingebauten Motor hat – basieren, Schwestermodelle bei Audi, Skoda und Seat eingeschlossen.

Der Golf mit seinen zuletzt jährlich mehr als 900.000 verkauften Einheiten bildet quasi das Oberhaupt dieser Familie. Für den MQB blieb auf dem Wolfsburger Werksgelände kaum ein Stein auf dem anderen. Hunderte von Millionen wurden in neue Anlagen und verbesserte Fertigungsprozesse investiert. Bei der Vorlage der Halbjahreszahlen wies Finanzchef Hans Dieter Pötsch bereits darauf hin, dass es mit den Gigagewinnen der letzten Zeit im kommenden Quartal nicht so weitergehen könne. Und verwies dabei genau auf diese Anlaufinvestitionen.
Auch der Kunde soll etwas vom MQB haben. Zwar sei nicht davon auszugehen, dass nun die Preise sinken, heißt es im VW-Umfeld. Auch der Golf VII dürfte in der Basisversion um die 17.000 Euro kosten. Aber die Baukastentechnik ermöglicht beispielsweise einen größeren Radstand.

So gehen die Auguren davon aus, dass die neue Generation zwar nur unwesentlich größer ausfallen, aber dennoch mehr Platz im Innenraum bieten dürfte. Das hat der Wagen auch nötig – nicht zuletzt, um gegen wachsende Konkurrenz aus dem eigenen Haus bestehen zu können. Die aktuelle Polo-Generation gilt vielen Autokäufern durch ihren hochwertigen Auftritt inzwischen als probate, günstige Alternative zum Golf.

Bleibt das Geheimnis des Blechkleids. Selbst die Autopresse hat bislang nur Fotos von komplett eingepackten Erlkönigen schießen können und sich auf die üblichen „Noch“-Formulierungen beschränkt: noch länger, noch breiter, noch sportlicher. VW-Designchef Walter de Silva hat unlängst durchblicken lassen, dass er sich vor allem von der ersten und der vierten Golf-Generation hat leiten lassen, was auf eine klare Linienführung und schnörkellose Formen schließen lässt. Doch das Herausarbeiten der Unterschiede wird am Ende ohnehin den Automobilisten vorbehalten sein. Für die große Masse der Kundschaft bleibt der Golf eben ein Golf: unspektakulär, aber gefällig.

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