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Niedersachsen Sonnenstrom aus Bürgerhand
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Sonnenstrom aus Bürgerhand
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20:27 04.05.2010
Von Carola Böse-Fischer
Aus einer Vielzahl dieser Solarzellen entstehen die Minikraftwerke, die auf immer mehr Dächern zu sehen sind.
Aus einer Vielzahl dieser Solarzellen entstehen die Minikraftwerke, die auf immer mehr Dächern zu sehen sind. Quelle: dpa (Archiv)
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Deshalb gründen immer mehr Bürger Energiegenossenschaften, bevorzugt für den Bau und Betrieb von Photovoltaik-anlagen auf kommunalen Dächern, die die Sonnenstrahlen in Strom umwandeln. Für diese Art der dezentralen Energieversorgung sind, verglichen etwa mit Windkrafträdern, geringe Investitionen nötig, und geeignete Dächer, auf denen die Minikraftwerke installiert werden, finden sich rasch. Zudem fördert der Staat über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), mit dem die rot-grüne Koalition vor zehn Jahren einen beispiellosen Boom entfachte, den Solarstrom besonders üppig.

Das wiederum habe dem Geschäftsmodell der Genossenschaft eine Renaissance beschert, berichtet Martin Bonow, Vorstand des Genossenschaftsverbandes mit Sitz in Frankfurt und Hannover. Im vergangenen Jahr seien von den über 70 Neugründungen im Verbandsgebiet etwa 20 auf Energiegenossenschaften entfallen. In diesem Jahr rechnet Bonow mit „mindestens 100 Neugründungen“, 60 dürften nach seiner Schätzung Energiegenossenschaften sein, zumeist im Bereich der Photovoltaik.

Was die Genossenschaft attraktiv bei den Bürgern macht, ist ihre im Vergleich zu anderen Rechtsformen einfache Konstruktion, wie Bonow erklärt. Sie sei demokratisch, weil jedes Mitglied – unabhängig von der Zahl der gezeichneten Anteile – nur eine Stimme hat. Sie sei flexibel, weil die Mitglieder, deren Haftung auf die Anteile begrenzt ist, unkompliziert ein- und austreten könnten. Obendrein bringt die Genossenschaft in Form der Dividende noch Rendite.

Dass der Trend zur Energiegenossenschaft in Bürgerhand auch Energieversorgern ein neues Geschäftsfeld bietet, hat als einer der ersten in Deutschland die EVI Energieversorgung Hildesheim, eine Tochter der Stadtwerke Hildesheim, erkannt. „Hier entwickelt sich ein Markt“, sagt Stadtwerke-Vorstand Michael Bosse-Arbogast, zugleich Geschäftsführer der EVI. „Als regionaler Energieversorger wollen wir dabei sein.“

Bosse-Arbogast hatte eine elektrisierende Idee. Er holte die Volksbank Hildesheimer Börde ins Boot, gemeinsam lud man Anfang 2009 alle 17 Bürgermeister aus dem Landkreis Hildesheim zu einer Informationsveranstaltung ein, um ihnen das Modell der Energiegenossenschaft schmackhaft zu machen. 16 Stadtoberhäupter kamen – weil ihre Kassen leer sind und sie aus eigener Kraft keine dezentrale Energieversorgung aufbauen könnten, wie Bosse-Arbogast erklärt. „Aber sie haben die Dächer, die sie an die Genossenschaft vermieten können.“ Die EVI selbst wollte als Generalunternehmer mit dem technischen Know-how und die Volksbank als Finanzier teilhaben – und neue Kunden gewinnen.

Die Veranstaltung erwies sich als Erfolg. In ihren Gemeinden warben die Bürgermeister für die Idee – und die Bürger machten mit. Viele „aus dem Gefühl heraus, etwas Vernünftiges für die Umwelt zu tun“, sagt Bosse-Arbogast. Aber auch für die nächste Generation. So sei oft die Frage gekommen, ob die Genossenschaftsanteile vererbbar seien. Für andere sei die Geldanlage wichtig. Laut Genossenschaftsverband beträgt die Rendite auch nach der von der Bundesregierung geplanten Kürzung der Solarförderung im Schnitt noch 4 bis 5 Prozent. Mehr als etwa für Tagesgeld von den Banken gezahlt wird. „So kamen schon mal 70 Leute zu einer Gründungsversammlung und zeichneten aus dem Stand Anteile im Wert von 100.000 Euro“, berichtet der Stadtwerke-Manager.
In acht der 17 Kommunen im Landkreis Hildesheim sind bereits Energiegenossenschaften gegründet worden oder befinden sich in Gründung. Dabei greifen sie auf das „standardisierte Gründungskonzept“ zurück, das der Genossenschaftsverband anbietet. Die Bürger zeichnen Anteile zu je 100 Euro, wählen einen ehrenamtlichen Vorstand und Aufsichtsrat. Und los geht’s.

Wie in der Gemeinde Schellerten. Dort wurde in kurzer Zeit bei den 53 Genossenschaftsmitgliedern ein Eigenkapital von 220.000 Euro eingesammelt, mit allein 100.000 Euro beteiligte sich die EVI, die aber nur eine Stimme in der Mitgliederversammlung hat, wie Bürgermeister Axel Witte sagt. Zurzeit wird eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 80 Kilowatt auf dem Dach der Sporthalle errichtet, die nach Angaben von Vorstand Roland Skerhut, im Hauptberuf Techniker bei der EVI, 40 Haushalte mit dem Sonnenstrom versorgen kann.

Das Dach hat die Kommune für 20 Jahre zum Preis von 1,50 Euro je Quadratmeter monatlich an die Genossenschaft vermietet. Insgesamt will die „Bürger-Photovoltaik-Genossenschaft-Schellerten“ laut Skerhut 500.000 Euro investieren – je zur Hälfte mit dem Geld der Genossen und einem Kredit der Volksbank. Bald soll die zweite Anlage auf den Dächern der Grundschule und einer Halle folgen.

Weil immer mehr Leute Anteile bei der Genossenschaft zeichnen wollen, lässt Witte jetzt alle zwölf kommunalen Dächer vom Bauamt auf ihre Tauglichkeit für Dachanlagen untersuchen. Er kann sich vorstellen, dass die Minikraftwerke auch auf Kirchendächern Strom erzeugen, weil „sie so stabil sind“. Und angesichts des Mitgliederzulaufs denkt der Bürgermeister, der privat auch Mitglied der Genossenschaft ist, schon an eine von Landwirten betriebene Biogasanlage, die klimaschonende Wärme und Strom für seine Bürger liefern könnte.

EVI-Chef Michael Bosse-Arbogast freut sich über die Resonanz des Geschäftsmodells, das er „weiterentwickeln“ will, zum Beispiel mit Windkraftanlagen. Dezentrale Energieversorgung sei für alle Beteiligten – Bürger, Kommunen, Banken und örtliche Handwerksfirmen – eine lohnende Sache, weil auch die Risiken geteilt würden. Nicht zu vergessen die EVI selbst, die sich neue Geschäfte erschließt. Es gebe schon Anfragen von anderen Stadtwerken, die sich für das Genossenschaftsmodell interessierten, sagt Bosse-Arbogast. Noch sind es nur Nadelstiche, die die lokale Konkurrenz den großen Energieversorgern versetzt – das könnte sich ändern.