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Niedersachsen Stadtwerke Hannover macht immer weniger Kohle mit Steinkohle
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Stadtwerke Hannover macht immer weniger Kohle mit Steinkohle
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22:27 13.03.2013
Von Jens Heitmann
Foto: Das Steinkohlekraftwerk Mehrum der Stadtwerke läuft noch mit Gewinn, die Margen aber schrumpfen.
Das Steinkohlekraftwerk Mehrum der Stadtwerke läuft noch mit Gewinn, die Margen aber schrumpfen. Quelle: Radel
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Hannover

„Wir verdienen mit unseren Anlagen zwar noch Geld“, sagte Stadtwerke-Chef Michael Feist gestern bei der Bilanzvorlage in Hannover. „Aber es ist nicht mehr viel Luft nach unten.“  In der Düsseldorfer e.on-Zentrale sieht man die Lage noch dramatischer. Konzernchef Johannes Teyssen erwägt sogar, mit Irsching 5 das modernste deutsche Gaskraftwerk stillzulegen, das erst 2010 in Betrieb gegangen ist. Die 500 Millionen Euro teure Anlage, in der die eingesetzte Energie zu fast 60 Prozent in Strom umgewandelt wird, sei für 4000 bis 5000 Betriebsstunden pro Jahr ausgelegt, rechnete Teyssen vor – aktuell laufe sie jedoch weniger als die Hälfte dieser Zeit. Insgesamt könnte e.on europaweit 30 Gas- und Kohlekraftwerke vom Netz nehmen, die meisten allerdings aus Altersgründen.

Vor der Energiewende haben Steinkohle- und Gaskraftwerke ihr Geld vor allem in der Mittagszeit verdient, wenn der Strombedarf in die Höhe schnellt. Zu dieser Zeit erreicht jedoch auch die Sonne ihren Scheitelpunkt – und damit die Strommenge, die die Photovoltaikanlagen erzeugen; eine Kapazität von rund 32 000 Megawatt ist mittlerweile hierzulande installiert, das entspricht rund 30 konventionellen Großmeilern. Steinkohlekraftwerke seien in der Regel zu Preisen ab 35 Euro je Megawattstunde rentabel, sagte der Technik-Vorstand der Stadtwerke, Harald Noske. In der Spitze erreichten die Preise derzeit noch 52 Euro – Tendenz fallend.

Die Stadtwerke Hannover trifft das vor allem bei ihrem Kohlekraftwerk Mehrum bei Peine, das nur Strom produziert und seine Bilanz nicht durch den zusätzlichen Verkauf von Wärme aufhübschen kann. Die Stadtwerke hatten ihre Beteiligung an der 700-Megawatt-Anlage erst 2010 aufgestockt, als sie ihrem Partner e.on dessen 50-Prozent-Anteil abkauften. In der Bilanz 2012 haben sie das Paket um 20 Millionen Euro wertberichtigt – bei einem Kaufpreis „im niedrigen dreistelligen Millionenbereich“, wie Stadtwerke-Chef Feist sagte. Die Hannoveraner halten jetzt rund 83 Prozent der Anteile, knapp 17 Prozent liegen bei BS energy aus Braunschweig. Wäre der Vorstand heute vor die Wahl gestellt, die e.on-Anteile zu übernehmen, würde man darauf wohl verzichten, deutete Feist an. Die Suche nach einem weiteren Investor, der ursprünglich noch mit in Mehrum einsteigen sollte, haben die Stadtwerke wegen geringer Erfolgsaussichten eingestellt.

Neben der vermehrten Einspeisung von grünem Strom leidet die Profitabilität von Steinkohle- und Gaskraftwerken auch unter Konkurrenten, die im Zeichen der Energiewende keiner so richtig auf der Rechnung hatte – den Braunkohlemeilern von RWE und Vattenfall. Neben den erneuerbaren Energien hat die Stilllegung der ersten Atomkraftwerke vor allem den Eigentümern der größten Dreckschleudern genutzt: Sie produzieren ihren Strom ähnlich günstig wie die Nuklearmeiler und haben zuletzt Marktanteile gewonnen.

In der Theorie sollte dieser Vorteil durch die Verpflichtung zum Kauf von Verschmutzungszertifikaten wieder aufgehoben werden, doch die Preise im Emissionshandel liegen zurzeit deutlich unter dem von Umweltschützern und der Konkurrenz erhofften Niveau. „Kohlendioxidzertifikate und damit effizienter Klimaschutz haben zurzeit keinen Wert“, sagte e.on-Chef Teyssen.

Die Stadtwerke Hannover und ihr großer Bruder in Düsseldorf hoffen nun auf die Politik. Der Gesetzgeber müsse endlich ein Konzept zur Integration der erneuerbaren Energien in den Strommarkt vorlegen – und umsetzen, hieß es gestern von beiden Unternehmen. Bisher genießt Ökostrom pauschal Vorfahrt, über die Versorgungssicherheit oder die Stabilität der Netze müssen sich die Betreiber von Wind-, Solar- und Biogasanlagen bislang keine Gedanken machen. „Sie müssen aber mehr Systemverantwortung übernehmen“, sagte Stadtwerke-Vorstand Noske.

Bis zu einer Reform setzen beide Versorger aufs Sparen. Die Stadtwerke wollen ihre Investitionen mit 49 Millionen Euro stabil halten, „Neubauvorhaben für konventionelle Großkraftwerke in Europa legen wir bis auf Weiteres ad acta“, sagte e.on-Chef Teyssen.

12.03.2013
Stefan Winter 11.03.2013