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Niedersachsen „Starke Typen“ dringend gesucht
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Starke Typen“ dringend gesucht
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12:33 14.11.2009
Von Gabriele Schulte
In der „Werkstatt live“ zeigt die Auszubildende Lisa-Marie Venne Schülern, wie spannend Landtechnik sein kann. Quelle: Rainer Surrey
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Die Angst, keine Arbeit zu finden, kennt Lisa-Marie Venne nicht. Die 18-Jährige hat sich einen Job ausgesucht, der auch in Zeiten der Wirtschaftskrise krisensicher erscheint: Sie lässt sich zur Landmaschinen-Mechanikerin ausbilden. Vorher habe sie ein Praktikum in einem Kindergarten gemacht, erzählt die junge Frau aus Beelen im Münsterland. „Das Gequengel fand ich furchtbar.“ Viel besser liege ihr der handfeste Umgang mit großen Motoren. Um andere auf den Geschmack zu bringen, beteiligt sich Lisa-Marie auf der Agritechnica in Hannover mit praktischen Vorführungen an der Nachwuchswerbung.

Neue Mitarbeiter werden in der Landtechnikbranche so dringend gesucht, dass sich auf der Messe erstmals Verbände und Firmen zu einer gemeinsamen Anwerbeaktion zusammengetan haben. Dabei sind die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), der Verband Deutscher Ingenieure (VDI), der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) und die Hauptarbeitsgemeinschaft des Landmaschinenhandels (H.A.G.). Das Angebot für Schüler und Studenten reicht von Führungen und Beratungsgesprächen über Diskussionsforen bis zu den stündlichen Handwerksvorführungen mit Showcharakter in der „Werkstatt live“, bei denen Lisa-Marie Venne und andere Auszubildende zeigen, wie faszinierend es sein kann, eine Hydraulik in Gang zu setzen oder einen Fehler im Lenkungssystem zu beheben.

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Agrartechnik ist Hightech, das wird in jeder Ausstellungshalle deutlich. „Sie ist viel weiter als zum Beispiel die Autoindustrie“, sagt Heinrich Wingels von der Firma Krone, der die Nachwuchsaktion für den VDMA in die Hand genommen hat. „Aber das müssen wir den jungen Leuten erst mühsam vermitteln.“ GPS-Satellitensysteme, Pneumatik, Telematik, selbstfahrende Maschinen mit elektronischer Steuerung einzelner Räder – modernste Technik findet sich laut Wingels in Mähdreschern und anderen Landmaschinen Jahre früher als im BMW oder Ferrari. Dennoch falle es Ingenieuren, die bisher zur Agrarwirtschaft keinen Zugang hatten, weit öfter ein, sich bei bekannten Autofirmen zu bewerben. Und in Haupt- und Realschulklassen werde als Traumberuf immer wieder Kfz-Mechatroniker, nicht aber Landmaschinen-Mechaniker genannt.

Viele Stellen in der Landtechnik konnten schon in diesem Jahr nicht besetzt werden. Für die Zukunft erwarten die Verbände noch deutlich größere Lücken, sie heben die relative Krisensicherheit der Nahrungsindustrie hervor. Absatzprobleme – im globalisierten Markt – seien hier nicht von Dauer.

Die Nachwuchswerber haben daher Einladungen zur Agritechnica an mehr als 10.000 Schulen geschickt. Die Maschinenfabrik Krone aus dem emsländischen Spelle und andere Hersteller bezahlen Schulklassen aus ihrer jeweiligen Region sogar die Busfahrt zur Messe nach Hannover. Die DLG steuert Eintrittskarten bei. Der VDMA hat gezielt Gymnasien in der Region Hannover angeschrieben und bietet ihnen ein geführtes Tagesprogramm an mit Stationen bei Herstellern. So will der Verband auch Jugendlichen aus der Stadt das „Schmuddelbild“ von der Landtechnik nehmen.

Die Aktion scheint zu funktionieren. „Ich werde mich jetzt wohl auch für so was bewerben“, sagt etwa der 16 Jahre alte Janick, nachdem er in der „Werkstatt live“ beim Abbau eines Schlepperrades zugesehen hat. „Bis jetzt hatte ich eigentlich an Metallbauer gedacht.“

Die Aktion „Technik für starke Typen“ soll auch Mädchen ansprechen. Weibliche Vorbilder werden neben der Livewerkstatt auf Bildschirmen eingeblendet: Cathrina Claas-Mühlhäuser und Nicola Lemken – beide stehen heute an exponierter Stelle in den Traditionsunternehmen ihrer Familien. Muskelkraft, erzählt die Auszubildende Lisa-Marie Venne, spiele beim Reparieren von Treckern keine so große Rolle. Ganz ohne Schmiere indes funktioniere die Landtechnik nicht. „Getriebefett“, sagt sie, „aber ich liebe es, wenn ich abends aussehe wie Schwein.“

13.11.2009
Carola Böse-Fischer 11.11.2009