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Niedersachsen Wie ein Start-up aus Hannover wegen der „Höhle der Löwen“ fast insolvent wurde
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen

Start-up aus Hannover: Wegen „Höhle der Löwen“ fast insolvent

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00:20 24.05.2019
Die Macherinnen von Lenchen-Lebkuchen: Annette Rieger (li.) und Alexandra Vasquez Bea. Quelle: Rainer_Droese
Hannover

Die Mail der Produktionsfirma trifft Alexandra Vázquez Bea und Annette Rieger wie ein Schlag aus dem Nichts. Man könne ihren Auftritt vor Carsten Maschmeyer und den anderen Investoren in der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ leider doch nicht ausstrahlen, heißt es in der Nachricht, die die beiden hannoverschen Unternehmerinnen an einem Montagmorgen Anfang November erhalten.

Vázquez Bea und Rieger denken an die 35.000 Schachteln Lebkuchen, die sie extra für die Ausstrahlung produziert haben. An das Ende der Lebkuchensaison nach Weihnachten, an das Mindesthaltbarkeitsdatum im März. An ihre Mitarbeiter, an ihre Schulden bei Lieferanten, an die vielen Nachtschichten der letzten Monate. „Das kann nicht wahr sein“, sagt Vázquez Bea. Rieger weint.

Kampf ums wirtschaftliche Überleben

Eigentlich wollten die beiden Gründerinnen mit der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ den Durchbruch schaffen und ihren Umsatz vervielfachen. Stattdessen kämpfen sie nun um das wirtschaftliche Überleben, müssen Mitarbeiter entlassen, ihr eigenes Gehalt streichen, von der Unterstützung ihrer Familien leben. Wie konnte das passieren?

Die beiden Cousinen Rieger und Vázquez Bea gründen ihr Unternehmen im Herbst 2016. Ihre Geschäftsidee könnte man als Lebkuchen 2.0 bezeichnen: Sie entstauben ein 130 Jahre altes Familienrezept, verwenden edle Zutaten, entwerfen stylische Verpackungen. Außerdem wollen sie ihre „Lenchen“ international und ganzjährig vermarkten. Das erste richtige Geschäftsjahr läuft ordentlich: 2017 machen sie 65.000 Euro Umsatz.

Wie zwei hannoversche Gründerinnen das Traditionsgebäck entstauben wollen.

Im Februar 2018 geben befreundete Gründer ihnen den Tipp, sich bei „Die Höhle der Löwen“, kurz „DHDL“, zu bewerben. DHDL ist eine der erfolgreichsten deutschen TV-Show der letzten Jahre, rund drei Millionen schalten pro Folge ein. Das Konzept ist simpel: Der Reihe nach präsentieren Gründer ihre Geschäftsidee vor prominenten Investoren wie Carsten Maschmeyer und Frank Thelen. Diese hören zu, fragen kritisch nach und investieren dann in das Start-up – oder winken ab.

Entscheidung gegen Lenchen

Rieger und Vázquez Bea schreiben im März eine kurze Mail an die DHDL-Produktionsfirma Sony Pictures Film und Fernseh Produktions GmbH. Schon eine Stunde später ruft die Redaktion zurück, kurz danach werden die beiden in die Show eingeladen. Die Folge soll im April aufgezeichnet und im November ausgestrahlt werden. Rieger und Vázquez Bea unterschreiben einen Vertrag, der Sony Pictures und Vox unter anderem das Recht einräumt, auf die Ausstrahlung zu verzichten.

Beim Dreh im April zeigt nur Maschmeyer echtes Interesse an Lenchen, am Ende entscheidet aber auch er sich gegen ein Investment. Aus Sicht von Rieger und Vázquez Bea ist das allerdings kein Problem. Sie wollen keinen „Deal“ mit einem Investor, sie wollen Werbefläche.

Riesiger Lebkuchenvorrat – plötzlich hatten die Macherinnen von Lenchen ein Problem. Quelle: Rainer_Droese

Die anderen Start-ups, die sie am Drehtag kennenlernen, ticken ähnlich. Alle Gründer wissen: Normalerweise müssten sie sechs- bis siebenstellige Beträge ausgeben, um ihr Produkt zehn Minuten lang vor drei Millionen Zuschauern zu bewerben. Bei DHDL gibt es die Sendezeit gratis. Außerdem platzen viele der Investorendeals, die vor der Kamera geschlossen werden, hinterher sowieso.

Hoffnung auf die Homestory

Zwei Wochen nach dem Dreh meldet sich die Redaktion erneut bei Rieger und Vázquez Bea: Sie will nun auch noch eine Homestory mit ihnen drehen. Im Mai kommt dafür ein Kamerateam nach Hannover. Für die Gründerinnen ist es das i-Tüpfelchen: Sie bekommen noch mehr Sendezeit als die meisten anderen Start-ups.

Dass ihr Auftritt gar nicht ausgestrahlt wird, können sie sich nicht ansatzweise vorstellen, trotz der Vertragsklausel. Immer wieder bezeichnet die Redaktion Lenchen als perfektes Thema für die Vorweihnachtszeit. Im August ruft sogar eine Mitarbeiterin an, die gerade die Aufnahmen von Rieger und Vázquez Bea schneidet, und schwärmt den beiden vor, wie toll sie ihren Lebkuchen findet.

Die Unternehmerinnen beschließen, sich bestmöglich auf die Ausstrahlung vorzubereiten. Sie kennen Start-ups, die ihre große Chance vertan haben, weil sie nach der Sendung von Zehntausenden Online-Bestellungen überrannt wurden - und dann nicht liefern konnten. So einen Super-Gau wollen sie auf jeden Fall vermeiden. Auch Mitarbeiter der Produktionsfirma mahnen zur Vorbereitung.

35.000 Lebkuchen-Portionen

Ursprünglich hatten Rieger und Vázquez Bea für 2018 mit einem Umsatz von 140.000 Euro kalkuliert. Nun gehen sie davon aus, dass sie dank der TV-Show auf 600.000 bis 900.000 Euro kommen. Sie geben bei ihrer Partnerbäckerei 35.000 Lebkuchen-Portionen in Auftrag, bauen ihren Online-Shop um, mieten zusätzliche Server. Insgesamt bauen sie Verbindlichkeiten in Höhe von 140.000 Euro auf, um sich auf die Ausstrahlung vorzubereiten. Um ihr schnelles Wachstum zu finanzieren, verkaufen sie sogar Anteile ihres Start-ups an einen Privatinvestor und eine Förderbank.

Als sie Anfang November völlig überraschend erfahren, dass sie aus der Sendung fallen, haben sie nur noch knapp zwei Monate Zeit, ihren riesigen Lebkuchenvorrat doch noch irgendwie in Umsatz zu verwandeln. Denn nach Weihnachten ist die Saison vorbei.

Sie stoppen sofort die Produktion, suchen mit Hochdruck neue Vertriebspartner, aktivieren Freunde und Bekannte, nehmen auch privat Kredite auf. Nachts liegen sie wach, ihre Gedanken kreisen darum, die Insolvenz abzuwenden. Am Ende verkaufen sie rund die Hälfte ihrer Lebkuchen, zu niedrigeren Preisen als kalkuliert – den Rest müssen sie entsorgen. Sie schließen das Jahr nur mit einem Umsatz von 150.000 Euro ab.

„Wir sind immer noch da“

Und heute? „Wir sind immer noch da“, sagt Vázquez Bea. Im Winter hätten sie beide mehrmals daran gedacht, aufzugeben, „aber zum Glück immer in unterschiedlichen Momenten“. Auch jetzt ist nicht alles ausgestanden. Sie stottern immer noch Rechnungen ab, zahlen hohe Lagerkosten für Unmengen von Verpackungen und Kartons. „Aber es geht in die richtige Richtung“, sagen sie. Händler fragen an, die Auftragsbücher für die nächste Saison füllen sich.

War es nicht blauäugig, fest mit der Ausstrahlung zu rechnen? Ja, sagt Vázquez Bea. Aber es wäre auch ein Fehler gewesen, nicht vorproduzieren. Außerdem habe die Produktionsfirma nie gesagt, dass sie mehr Auftritte dreht als sie überhaupt unterbringen kann – und einzelne Start-ups dann spontan aus der Sendung wirft. Sony Pictures und Vox weisen den Vorwurf zurück: „Wir sprechen mit den Gründern natürlich noch vor Teilnahme an der Show ganz offen über diese TV-Gepflogenheit“, sagt ein Sprecher.

Die beiden Cousinen blicken nun wieder nach vorn. „Wir glauben mehr denn je an Lenchen und an uns als Unternehmerinnen“ sagt Vázquez Bea. Sie wollen sich bei keiner Show mehr bewerben, langsamer wachsen, „dafür aber nachhaltiger“. Und selbst den dramatischsten Momenten der letzten Monate können sie mittlerweile etwas Positives abgewinnen. „Tragik plus Zeit ergibt Humor“, sagt Vázquez Bea. „Uns kann so schnell nichts mehr erschüttern.“

Weiterlesen: Verbraucherschutz warnt vor Produkten aus „Die Höhle der Löwen“

Start-ups aus Hannover: Diese Projekte sorgen für Aufmerksamkeit

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Die Bloggerin: Öko, fair und trotzdem schick

Das Platzprojekt: Innovation im Container

Der Loseladen: Marmeladenglas statt Plastikbox

Das Café V17: Zeit für Kaffee und Kultur

Die Wohnzimmerkonzerte von SofarSounds: Wo anders gefeiert wird

Die Instagrammerin: Hannover in Hashtags entdecken

Der Wohlfühl-Container: Massage in der Box

Von Christian Wölbert

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