Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Niedersachsen „VW-Manager Osterloh? Kein Kommentar.“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „VW-Manager Osterloh? Kein Kommentar.“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 04.06.2015
Von Lars Ruzic
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil während eines Interviews. Quelle: Holger Hollemann
Anzeige

Herr Weil, seit gut einem Monat wird der Aufsichtsrat von Europas größtem Autobauer nun von einem früheren Gewerkschaftschef geleitet. So etwas gibt es wohl nur bei Volkswagen, oder?
Diese Besonderheit ist ja nur den lebhaften Vorgängen der vergangenen Wochen geschuldet, und im Übrigen genießt Berthold Huber auch auf der Kapitalseite allgemeine Wertschätzung. Wir werden die Suche nach einem Nachfolger für Ferdinand Piëch nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag so fortsetzen. Uns ist nach dem Rücktritt von Professor Piëch als Aufsichtsratsvorsitzender an einer zügigen Nachfolgeregelung gelegen. Aber klar ist auch: Wir nehmen uns die Zeit, die für eine gute Lösung nötig ist.

Naheliegend wäre doch, dass Wolfgang Porsche als Vertreter des VW-Mehrheitseigentümers dem Gremium künftig vorsitzt. Was also ist so kompliziert?
Ich schätze Wolfgang Porsche sehr, aber zur Frage des Aufsichtsratsvorsitzes werden Sie von mir im Moment nichts hören. Wir werden uns aber sicher einigen.

Anzeige

Nachdem Ferdinand Piëch mit dem Vorhaben, VW-Chef Martin Winterkorn abzusetzen, nicht nur an Ihnen und dem Betriebsrat, sondern auch an Wolfgang Porsche gescheitert war, schwelt der Streit innerhalb der Familien weiter. Das kann dem Land als zweitgrößtem Anteilseigner doch nicht recht sein.
Ich äußere mich nicht zu den Angelegenheiten der beiden Familien. Dass Volkswagen nicht zuletzt dank des VW-Gesetzes und einer ausgeprägten Sozialpartnerschaft auf einer stabilen Grundlage steht, haben doch die vergangenen Wochen bewiesen.

Die Opposition kritisiert, Sie hätten sich in der Auseinandersetzung zu früh auf eine Seite geschlagen und so einen Konsens mit Piëch verhindert.
Das Land hat in der Frage einen sehr konstruktiven Kurs verfolgt. Gleichzeitig habe ich von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass mir an einer Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Professor Winterkorn gelegen ist. Dafür gab und gibt es sehr gute Gründe.

Ist Winterkorn jetzt ein Vorstandsvorsitzender von Weils Gnaden?
Ganz sicher nicht. Professor Winterkorn ist einer der profiliertesten Automobilmanager der Welt und besitzt eine ausgesprochen hohe Autorität. Auf dieser Basis arbeiten wir sehr gut zusammen.

Winterkorn arbeitet derzeit an einem Umbau des Konzerns. Warum ist das nötig?
Volkswagen ist in den vergangenen 15 Jahren zu einem Weltkonzern mit 600.000 Mitarbeitern angewachsen. Das sind Dimensionen, die Anlass zum Nachdenken über die Strukturen geben müssen. Die Märkte entwickeln sich für das Unternehmen derzeit höchst unterschiedlich: Es gibt sehr erfolgreiche Regionen, aber auch welche mit unübersehbaren Herausforderungen. Hier muss man Wege finden, sich stärker nach den Gegebenheiten vor Ort auszurichten.

Betriebsratschef Bernd Osterloh hat ebenfalls mehr Dezentralisierung angemahnt und ganze Konzernvorstandsposten infrage gestellt. Sehen Sie das auch so?
Wir brauchen so viel Zentralität wie nötig und so viel Dezentralität wie möglich. Das heißt nicht, dass aus VW nun eine Gemeinschaft unabhängiger Marken werden darf. Schließlich bietet der Konzern viele Möglichkeiten, Synergien zu schöpfen. Diese sind sicher längst noch nicht alle ausgeschöpft.

Der Konzern hat sich auch deshalb ein Effizienzprogramm verordnet. Dessen Umfang hält selbst der Betriebsrat für zu klein.
Das Programm ist durchaus ehrgeizig und erstreckt sich ja übrigens über alle Marken, nicht nur auf VW Pkw. Dazu gab es eine Fülle von Vorschlägen aus der Belegschaft. Das sagt auch etwas über die Unternehmenskultur aus, oder?

Experten behaupten, gerade die Belegschaft sei das Kostenproblem für VW. Im Vergleich zur Konkurrenz schraubten zu viele Menschen an den Autos.
Volkswagen hat sich vor langer Zeit dafür entschieden, nicht so viele Kernkompetenzen an Zulieferer auszugliedern wie andere Hersteller. Diese Strategie halte ich für absolut richtig. Darüber hinaus ist der Absatz in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen - und mit ihm übrigens auch die Belegschaftszahl in Niedersachsen von 80.000 auf 120.000. Wenn wirtschaftlicher Erfolg mit der Schaffung von Arbeitsplätzen einhergeht - das kann mir nur recht sein.

In der Zeit ist das Spitzenmanagement in die Jahre gekommen. Hat der Aufsichtsrat den richtigen Zeitpunkt verpasst, einen Generationswechsel anzuschieben?
Es gibt im Konzern viele hoch qualifizierte Menschen, die ohne Weiteres für Spitzenämter geeignet sind. Außerdem scheint VW ja auch auf Topmanager von Wettbewerbern eine gewisse Anziehungskraft auszuüben - wie die Verpflichtung von Daimler-Vorstand Andreas Renschler als Lkw-Chef und BMW-Mann Herbert Diess als VW-Markenchef beweisen.

Könnte auch der Nachfolger von Martin Winterkorn von außen kommen?
Die Frage steht nicht zur Debatte. Generell gilt: Je mehr gute Manager VW bekommt, desto besser. Es ist genug Arbeit für alle da.

Als Nachfolger von Personalvorstand Horst Neumann ist Betriebsratschef Bernd Osterloh im Gespräch.
Dazu können Sie von mir keinen Kommentar erwarten.

Interview: Lars Ruzic

Niedersachsen „So viel Dezentralität wie möglich“ - Stephan Weil spricht sich für VW-Umbau aus
Lars Ruzic 31.05.2015
Jens Heitmann 29.05.2015
01.06.2015