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Niedersachsen Stöckener Betriebsrat Hilverkus geht von Bord
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Stöckener Betriebsrat Hilverkus geht von Bord
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19:03 01.09.2009
Von Lars Ruzic
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“: Wilfried Hilverkus geht in Altersteilzeit. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Wilfried Hilverkus kann für sich kaum in Anspruch nehmen, in den vergangenen Jahren Freiräume zum Gestalten bekommen zu haben. Lohnzugeständnisse, Arbeitsplatzabbau, Produktionsschließungen, gebrochene Betriebsvereinbarungen – der Betriebsratschef des traditionsreichen Continental-Werks in Hannover-Stöcken hat im Konzern unzählige Abwehrschlachten geführt. Am Mittwoch verabschieden sie ihn in die passive Phase der Altersteilzeit und wissen nur zu gut, dass damit nicht nur dem Standort, sondern auch der „alten“ Conti ein Symbol verloren geht.

Der Mann mit dem Goldkettchen und dem weit geöffneten Hemdkragen ist Sinnbild eines Kautschuk-Continentälers: 20 Jahre hat Hilverkus in Stöcken „Schichten gefahren“, bevor er den Betriebsratsweg einschlug. Bei seinem Eintritt ins Unternehmen im Mai 1970 stellten sie am Mittellandkanal noch Vorprodukte für Schuhbedarf, Fußbodenbeläge und Schaummatratzen her. Und natürlich Reifen: Millionen und Abermillionen. Mehr als 6000 Menschen beschäftigte der Konzern damals in Stöcken. Heute ist es nicht einmal mehr die Hälfte – und den letzten Resten der Reifenproduktion droht das Aus.

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Seine sieben Jahre als Betriebsratschef waren geprägt von Schadensbegrenzung: „Es ging immer nur darum, so viele Arbeitsplätze so lange wie möglich zu erhalten“, sagt der 60-Jährige. Die Erfolgserlebnisse des Elektrikers sahen anders aus: wenn Betroffene anderswo im Konzern unterkamen, ihr Abgang hinausgezögert werden konnte oder sie eine ansehnliche Abfindung bekamen. Der gerade vereinbarte Sozialplan zur Schließung des Lkw-Reifenbereichs brachte noch einmal satte Abfindungen, die für kommende Streichrunden im Konzern als Maßstab gelten dürften.

Den neuen Conti-Chef hat Hilverkus noch nicht zu Gesicht bekommen. Dass der von Großaktionär Schaeffler eingesetzte Elmar Degenhart großes Interesse an dem Kautschuk-Standort hat, bezweifelt er ohnehin. Schaeffler habe an dem Bereich, den sein Urgroßvater und seine Großmutter mithalfen aufzubauen und der heute noch Hilverkus’ Sohn und Schwiegersohn ernährt, schlicht kein Interesse, ist er sich sicher. „Es deprimiert einen zu sehen, wie dieser Teil mit Füßen getreten wird.“

Wie so viele in der hannoverschen Conti-Heimat will er gleichwohl schnell weg aus den Händen Schaefflers. „Ein Verkauf muss nicht das Schlechtere sein.“ Die Mannschaft hat allerdings ganz andere Sorgen. „Die Leute sind platt“, sagt Hilverkus. Der Aderlass am Standort habe sie zermürbt. Ob wenigstens noch eine Reifen-Produktionszelle mit Arbeit für 300 Mann im Werk verbleibt, entscheidet sich 2010, Hilverkus wird daran trotz Altersteilzeit noch mitverhandeln. Das Motto, das seine gesamte Betriebsratsarbeit dominiert hat, gilt auch hier: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“