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Niedersachsen Streit um Rübengeld
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08:42 09.02.2012
Von Carola Böse-Fischer
Landwirte fordern höheren Anteil der aus Zuckerrübenernten. Quelle: dpa (Archivbild)
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Hannover

Gerade haben die Landwirte eine Rekordernte eingefahren. Dem Braunschweiger Konzern wird der Zucker, den er in seinen Fabriken aus den Rüben gewinnt, quasi aus der Hand gerissen. Denn Zucker ist zum knappen Gut geworden – wegen der weltweit wachsenden Nachfrage und der EU-Zuckermarktreform von 2006, die im Zuge der Marktöffnung nur noch eine Deckung des Verbrauchs von 80 Prozent aus EU-Produktion vorsieht.

Das lässt die Zuckerpreise kräftig steigen – und die Gewinne der Zuckerproduzenten. Mit durchschnittlich 645 Euro je Tonne ist der Preis in Europa inzwischen sogar höher als vor der Reform. Den Zuckerkonzernen beschert das in dem Ende Februar endenden Geschäftsjahr 2011/12 aller Voraussicht nach Rekordgewinne. Nach drei Quartalen hatte Nordzucker das Ergebnis von 64,4 Millionen auf 139 Millionen Euro gegenüber der Vorjahreszeit schon mehr als verdoppelt. Das operative Ergebnis (Ebit) stieg von 134,3 Millionen auf 206,5 Millionen Euro.

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Daran wollen die Landwirte, die Nordzucker beliefern, einen ordentlichen Anteil haben. Doch Nordzucker wolle sie abspeisen, berichten Rübenanbauer und verweisen auf den Branchenprimus Südzucker, der sich bereits im Januar mit seinen Anbauern über einen satten Nachschlag geeinigt hat. Südzucker zahlt ihnen einen Bonus von 10,71 Euro je Tonne als „gerechten Anteil an den Zuckerverkaufserlösen“, wie es bei dem Unternehmen heißt. Damit erhalten die Südzucker-Lieferanten eine Vergütung von 37 Euro je Tonne.

Nordzucker hingegen verhandelt immer noch mit dem Dachverband Norddeutscher Zuckerrübenanbauer (DNZ), der die Interessen der Landwirte vertritt. Bislang liegt das Angebot von Europas zweitgrößtem Zuckerhersteller mit 30 Euro je Tonne deutlich unter dem des Marktführers. Man werde in den Preisverhandlungen mit dem DNZ am Ende ein Ergebnis erreichen, das „nahe an den Wettbewerb herankommt“, sagte ein Nordzucker-Sprecher dieser Zeitung. Es könne jedoch nicht sein, dass nur die Rübenanbauer mehr bekämen. Auch die Aktionäre und das Unternehmen selbst müssen „in angemessener Weise am Gewinn beteiligt werden“, wie der Sprecher erklärte. So sei es nötig, dass Nordzucker seine Rücklagen stärke, um sich für die Zukunft zu rüsten, etwa für weitere Expansionen.

Der Norddeutsche Zuckerrüben Aktionärsverein, dem sich viele mit Nordzucker unzufriedene Rübenanbauer angeschlossen haben, macht eine einfache Rechnung auf: Die alte EU-Marktordnung sah „eine Beteiligung der Rübenanbauer von 58 Prozent an der Zuckerpreisentwicklung“ vor, wie der Vorsitzende Hans Heinrich Voigts sagte. Weil Nordzucker wegen der stärkeren Preisschwankungen heute die Marktentwicklung nicht mehr so leicht vorhersehen könne, erscheine „eine Aufteilung zwischen Rübenanbauern und Nordzucker von 50:50 gerechtfertigt“. Aber der DNZ lässt sich laut Voigts hinhalten, statt in die Offensive zu gehen. Das liege daran, dass der Verband, der von Nordzucker finanziert werde, nicht unabhängig und somit kein Verhandlungspartner auf Augenhöhe sei.

In Rübenanbauerkreisen wird berichtet, dass es sogar massiven Druck aus dem Unternehmen auf Verbandsvertreter bis hin zu Drohungen gegeben habe, um sie von „überzogenen Forderungen“ abzubringen. Dabei sind die Landwirte eigentlich in einer guten Position. Da auch die Preise für Weizen und andere Agrarprodukte hoch sind, haben die Bauern gute Alternativen. Nordzucker hingegen nicht, der Konzern braucht ihre Rüben, um Geschäfte zu machen.

Immerhin haben die Verbandsoberen als Ziel Rübenpreise ausgegeben, „die einen deutlichen Vorteil zu Alternativfrüchten darstellen“ und „in einem angemessenen Verhältnis zum Zuckerpreis stehen“. Was „angemessen“ ist – das entscheide jedoch nicht der DNZ, erklärte Voigts. Und das mache die Rübenanbauer sauer.

08.02.2012
Albrecht Scheuermann 07.02.2012