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Niedersachsen Gelingt hier der Durchbruch in der Energiewende?
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Gelingt hier der Durchbruch in der Energiewende?
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15:42 16.10.2018
Bei starkem Wind produzieren die Windräder an der Küste massenhaft Strom.
Bei starkem Wind produzieren die Windräder an der Küste massenhaft Strom. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
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Hannover

Eine 100 Megawatt starke Anlage im Nordwesten Deutschlands soll künftig Ökostrom in Gas umwandeln. Die Netzbetreiber Tennet, Gasunie und Thyssengas wollen damit Transport und Speicherung von erneuerbaren Energien in Gasnetzen vorantreiben. Das sogenannte Power-to-Gas-Pilotprojekt („Strom zu Gas“) soll zur großindustriellen Nutzung ausgelegt werden, teilte eine Tennet-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur mit. Bei der Technik wird Ökostrom genutzt, um Wasserstoff oder Methangas zu erzeugen; das Gas ist - anders als Strom - flexibel transportier- und speicherbar.

„Das ist ein ganz wichtiges Signal für das Energieland Niedersachsen“, sagte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD). „Ich begrüße es sehr, dass wichtige Player der Energiewende jetzt dabei aktiv werden.“

Pilotanlage geht 2022 an den Start

Die Pilotanlage im Nordwesten soll 2022 mit einem ersten Modul starten, danach soll bis 2028 jedes zweite Jahr ein neues Modul hinzukommen. Als Standorte für die Anlage kommen Diele - ein Ortsteil der Stadt Weener im Kreis Leer - sowie Conneforde in der Gemeinde Wiefelstede im Kreis Ammerland in Betracht. Dort gibt es Tennet-Umspannwerke, die vor allem Offshore-Windstrom aus der Nordsee bündeln und weiterverteilen. Mit dem Pilotprojekt wollen die beteiligten Unternehmen erste Erfahrungen mit derartigen Anlagen im industriellen Maßstab sammeln. Eingesetzt werden könnte das erzeugte Gas als Kraftstoff im Verkehr, als Brennstoff zur Erzeugung von Wärme und Strom oder als Grundstoff in der Industrie.

Wiefelstedes Bürgermeister Jörg Pieper (parteilos) sagte: „Bisher haben wir aber nur eine Absichtserklärung, da bräuchten wir für weitere Planungen noch nähere Informationen.“ Ähnlich äußerte sich sein Amtskollege, Weeners Bürgermeister Ludwig Sonnenberg (parteilos). Die Gespräche seien noch in einem sehr frühen Stadium.

Bei der IHK für Ostfriesland und Papenburg zeigte sich der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Jan Amelsbarg überrascht von dem Projekt. „Wenn sich diese Pläne konkretisieren sollten, hätten sie für mich auch bundesweit eine extrem starke Signalwirkung.“ Die Technologie sei auf dem Weg zur Energiesicherung der Zukunft ein wichtiges Schlüsselelement.

Auch Niedersachsens Grüne teilen diese Einschätzung. „Solche Anlagen machen Sinn - es ist gut, wenn da jetzt endlich mal etwas Bewegung reinkommt“, sagte die Grünen-Landesvorsitzende Anne Kura. „Deutschland hinkt bei der Speicherungstechnologie international bisher noch arg hinterher.“

Die geplanten Investitionen für das Projekt bezifferte eine Tennet-Sprecherin auf einen niedrigen dreistelligen Millionen-Bereich. Hintergrund des Projekts sind auch Akzeptanzprobleme in der Öffentlichkeit für einen weiteren Netzausbau, denn Gas könnte über die bestehenden Leitungen transportiert werden. „Wenn wir große Mengen an erneuerbarem Strom speichern können, entlasten wir das Stromnetz“, erklärte Tennet-Geschäftsführer Lex Hartman. „Mehr Speicherung von grünem Strom bedeutet für die Zeit nach 2030 auch weniger zusätzlichen Netzausbau.“

Speicherung statt Netzausbau

Das sieht auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) so. „Die Speicherung und somit flexiblere Nutzung von erneuerbaren Energien ist als wesentliche Voraussetzung für die Sektorenkopplung im Energiebereich notwendig.“ Sie könne zu weniger Stromtrassenausbau beitragen, was der BUND grundsätzlich unterstütze. Eine Standortauswahl für Pilotanlagen müsse alle Kriterien der Umweltverträglichkeit berücksichtigen.

Theoretisch steht das gesamte deutsche Gasnetz mit zahlreichen unterirdischen Gasspeichern für den Transport bereit. Nach den aktuellsten Daten des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfachs hat es mittlerweile eine Länge von 511 000 Kilometern.

Bessere Speichermöglichkeiten sind eine wichtige Voraussetzung für die sogenannte Sektorenkopplung im Energiebereich, also die Verbindung von Strom, Wärme und Verkehr. So sollen künftig auch Wasserstoff-Tankstellen für die Mobilität entsprechender Fahrzeuge und der Industriebereich beliefert werden.

In solchen Methanisierungsanlagen könnte in Zukunft der Ökostrom in „grünes“ Gas umgewandelt werden. Quelle: Ingo Wagner/dpa

Insgesamt sind nach DVGN-Angaben bundesweit rund drei Dutzend Projekte bekannt, die sich in unterschiedlichen Ansätzen mit der Produktion von Kraftstoff auf der Basis von Ökostrom befassen. Die Volkswagen-Tochter Audi etwa betreibt im Emsland bei Werlte bereits eine Power-to-Gas-Anlage, mit deren Produktion 1500 Autos klimaneutral fahren können. Zwei kleinere Anlagen sind auch in Emden und in Salzgitter aufgeführt.

Die Gasunie Deutschland Transport Services mit Sitz in Hannover ist verantwortlich für Management, Betrieb und Ausbau eines rund 3800 Kilometer langen Fernleitungsnetzes in Norddeutschland. Bei der Thyssengas mit Sitz in Dortmund handelt es sich um einen konzernunabhängigen Gasnetzbetreiber, der ein rund 4000 Kilometer langes Gastransportnetz unterhält. Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet versorgt mit 23 000 Kilometern Hochspannungsleitung rund 41 Millionen Endverbraucher in Deutschland und den Niederlanden.

Von dpa/RND

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