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Niedersachsen TUI-Chef Joussen muss sparen und sanieren
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen TUI-Chef Joussen muss sparen und sanieren
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21:33 15.05.2013
Von Jens Heitmann
Auf der Hauptversammlung hat Friedrich Joussen den Aktionären Mut gemacht, jetzt deutet er die erste Dividende seit 2007 an. Quelle: dpa
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Hannover

Im Hotelbereich sind unrentable Häuser gefährdet und das Luxus-Kreuzfahrtgeschäft steht insgesamt auf dem Prüfstand. „Wir haben eine sehr, sehr gute Basis“, sagte Joussen am Mittwoch bei der Vorlage der Halbjahreszahlen. „Dooferweise kommt da nicht so viel Cash bei raus, wie man das vielleicht erwarten könnte.“

Nach knapp 100 Tagen im Amt hat der neue Vorstandschef der TUI ein Vier-Punkte-Programm verordnet. Ganz oben auf der Liste steht die Sanierung unrentabler Bereiche – die größten Sorgenkinder sind aktuell die schlecht ausgelasteten Luxus-Kreuzfahrten unter der Marke Hapag-Lloyd und Hotelketten wie Grecotel, aber auch einzelne Robinson Clubs. Darüber hinaus will Joussen alle Konzernteile enger verzahnen und den Bargeldzufluss („Cashflow“) für den Konzern steigern und die Holdingkosten senken. Ziel ist ein operatives Ergebnis (Ebita) von einer Milliarde Euro im Geschäftsjahr 2014/15, zuletzt waren es 746 Millionen Euro.

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Zuvor hat Joussen jedoch die Bilanz kritisch beäugt und Korrekturbedarf ausgemacht. Insgesamt belaufen sich die Wertberichtigungen auf 90 Millionen Euro. Da der Konzern – dank der guten Geschäfte seiner britischen Tochter TUI Travel – gut dasteht, fällt das bei den Halbjahreszahlen kaum ins Gewicht: Der Umsatz erhöhte sich in den ersten sechs Monaten um knapp 2 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro, operativ fiel der saisonübliche Verlust (bereinigtes Ebita) mit 339 Millionen Euro sogar um 9 Prozent geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Unter dem Strich war das Minus mit 492 Millionen Euro allerdings um rund ein Fünftel höher.

Bei der ursprünglich angestrebten Komplettübernahme von TUI Travel sind Joussen offenbar die Hände gebunden. „Im Augenblick ist das kein Thema“, sagte er in einer Telefonkonferenz. Man werde zunächst gemeinsam dafür sorgen, dass die komplexe Struktur des Konzerns nicht zu Lasten der TUI-Aktionäre gehe. Der Konzern hat sein komplettes Reiseveranstaltergeschäft in seiner britischen Tochter gebündelt, die damit 97 Prozent zum Umsatz beiträgt. Diese Doppelstruktur inklusive zweier Zentralen stört die Anteilseigner seit Langem – es fehlt aber das Geld, um sie aufzulösen. Höhere Gewinne seien aber auch unter den aktuellen Bedingungen möglich, sagte Joussen. TUI-Travel-Chef Peter Long mache einen „hervorragenden“ Job: „Ich bewundere dessen Know-how.“

Teure Zentrale

Beim Sparen will der neue Konzernchef im eigenen Haus anfangen: Die Konzernzentrale der TUI AG in Hannover soll schrumpfen. Von den heute 186 Stellen will Friedrich Joussen knapp die Hälfte abbauen. Den Firmenjet hat er bereits verkauft, die Sach- und Zinskosten sollen aber noch weiter sinken: „Alle Ausgaben der Holding stehen auf dem Prüfstand.“ Gemeint sind damit auch die Sponsoring-Aktivitäten: Die TUI ist unter anderem Trikotsponsor von Hannover 96 und zahlt dafür 4 Millionen Euro pro Saison; der Vertrag läuft bis zum Sommer 2014. Insgesamt will Joussen die Kosten der Holding von zuletzt 73 Millionen mittelfristig auf 45 Millionen Euro senken, ein Minus von 40 Prozent. Zunächst einmal kostet der Personalabbau aber Geld: 15 Millionen Euro stehen dafür in der Bilanz.

Toskana-Torso

Aus einem abgetakelten Toskana-Dorf wollte die TUI ein „Resort der dritten Generation“ machen – mit Villen und aparten Apartments, Spa & Wellness, samt Restaurants, schmuckem Kleingewerbe und einem Golfklub als neuem, natürlichem Zentrum. Offenbar entwickelt sich Castelfalfi aber zum Fass ohne Boden: Mehr als 200 Millionen Euro wollte man hier verbauen, nun schreibt die TUI 34 Millionen Euro ab. Hauptgrund: Der Verkauf der „Casali“ genannten Bruchbuden läuft schlechter als erhofft – offenbar sind zu wenige gut Betuchte bereits, Millionen in die Sanierung zu investieren. Mit dem Verkauf  der Appartments – ab 230 000 Euro aufwärts – sei man hingegen zufrieden, hieß es. Die Immobilien sind der Knackpunkt des Projekts: 150 Millionen Euro sollten sie der TUI in die Kasse bringen.

Das Albtraumschiff

Mit Luxus-Kreuzfahrten lässt sich gutes Geld verdienen – im Prinzip. Die Gäste des TUI-Flaggschiffs MS Europa sind bereit, für das Prädikat „5-Sterne-plus“ hohe Preise zu bezahlen. Doch offenbar ist die Klientel kleiner als gedacht: Die Hoffnung der TUI, die Nachfrage in diesem Segment mit der neuen MS Europa2 (Bild) auf einen Schlag verdoppeln zu können, hat sich nicht erfüllt. Die Auslastung der Flotte sank zuletzt von 75 auf 70 Prozent, insbesondere die MS Europa2 mit einem durchschnittlichen Tagespreis von 600 Euro pro Passagier verkaufe sich schlecht, hieß es. Die Leasingkosten sollen zudem so hoch sein, dass erst eine sehr hohe Buchungsquote einen Gewinn ermöglicht. Daher wurde nun eine Rückstellung für drohende Verluste „aus ungünstigen Verträgen“ in Höhe von 49 Millionen Euro gebildet.