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Niedersachsen TUI-Chef Michael Frenzel hört 2013 auf
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen TUI-Chef Michael Frenzel hört 2013 auf
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06:15 02.08.2012
Von Jens Heitmann
Michael Frenzel steht seit mehr als 18 Jahren an der Spitze der TUI – nun muss er vorzeitig gehen. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Zwei Dinge sollte Michael Frenzel eigentlich noch erledigen – erst die Reederei Hapag-Lloyd verkaufen und dann die Touristik so ordnen, dass der Konzern in seinem Kerngeschäft ordentlich Geld verdienen kann. Für diese Aufgaben haben die relevanten Großaktionäre dem dienstältesten Konzernchef Deutschlands noch einmal einen Nachschlag von zwei Jahren gewährt: Sein letzter Vertrag sollte bis März 2014 laufen, Frenzel wäre dann 67 Jahre alt.

Doch nun haben die Anteilseigner viel schneller die Geduld verloren – nur wenige Monate nach Vertragsbeginn weisen sie dem TUI-Chef die Tür: Schon nach der nächsten Hauptversammlung im Februar soll Schluss sein. Um einen fließenden Übergang zu ermöglichen, darf Frenzel seinen Nachfolger Friedrich Joussen noch einarbeiten. Dann geht der Manager wirklich, nach 19 Jahren im Amt.

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Viele Aktionäre haben diesen Moment lange herbeigesehnt. Beim Amtsantritt Frenzels Anfang 1994 war eine Aktie um die 20 Euro wert – heute pendelt das Papier um die Marke von 5 Euro. Auf den Hauptversammlungen bricht sich der Frust über diesen Niedergang immer wieder Bahn, Anteilseigner übersetzen das Kürzel TUI mit „Tief unter Index“ oder „Tränen unter Investoren“. Wer als Redner das Millionengehalt des Managers moniert, erntet billigen Beifall – auch von den Bankern und Fondsmanagern in der ersten Reihe.

Dabei vergessen Anteilseigner und Analysten gern, dass sie Frenzels Kurs anfangs ausgiebig applaudiert haben. Denn der ursprüngliche Konzern – das Rohstoffkonglomerat Preussag – wirkte Mitte der 1990ger Jahre irgendwie unmodern. Auf Kohle und Stahl, so die einhellige Meinung, lasse sich keine Zukunft bauen. Folglich wurde Frenzel gefeiert, als er mit Hilfe der damals noch omnipotenten WestLB den langen Marsch in Richtung Dienstleister antrat, mit dem Einstieg in die Containerschifffahrt und dann in die Touristik. Der Aktienkurs kletterte in der Spitze auf mehr als 50 Euro, Frenzel wurde „Manager des Jahres“.

Das dieses eine gefährliche Auszeichnung sein kann, musste auch der Mann aus Hannover erfahren: Nach dem Hype geht es häufig steil bergab – erst an der Börse, dann mit dem Ruf. Frenzel hatte dem Konzern im Jahr 2000 mit dem 3 Milliarden Euro teuren Übernahme des britischen Reiseriesen Thomson Travel eine schwere Last aufgebürdet. Weil durch die Verkäufe alter Preussag-Töchter nicht genug Geld in die Kasse kam, geriet die Bilanz der neu geschmiedeten TUI AG aus der Balance: Die hohe Verschuldung verkleinerte die Spielräume.

Zumal das Reisegeschäft die Hoffnungen auf ungebremstes Wachstum rasch enttäuschte. Nach den Terroranschläge vom 11. September 2001 schlitterte die Branche mit der Konjunktur in die Krise – anschließend brachte sie das Internet und neue Konkurrenten auch strategisch in die Bredouille. Frenzels TUI träumte von einem integrierten Reisekonzern, der von der Buchung im Reisebüro, über den Flug bis zum Hotel auf allen Wertschöpfungsstufen mitverdiente. Mit dem Aufkommen von Billigfliegern und Bettenbanken finden Angebot und Nachfrage auch so zusammen – ohne TUI & Co.

Frenzel versuchte gegenzusteuern, mit abrupten Kurswechseln. Erst will er Hapag-Lloyd an die Börse bringen, muss aber mangels Erfolgsaussichten davon abrücken. Dann kauft er die Reederei CP Ships, um den Konzern unabhängiger zu machen vom Reisemarkt: „Auf zwei Beinen steht man besser“, sagt er damals. 2008 soll die Schifffahrt sogar zum Hauptgeschäft werden – doch die touristischen Anteilseigner stellen sich quer. Also steht Hapag-Lloyd wieder zum Verkauf, ein Hamburger Konsortium geht an Bord – erneut scheitert der Versuch, die restlichen TUI-Anteile über einen Börsengang zu verkaufen.

Inzwischen ist Frenzel aber nicht mehr Herr im eigenen Hause. Der Mann, der sich seine Aufsichtsräte lange selbst aussuchen durfte, kann nicht mehr frei entscheiden: Alexej Mordaschow heißt seit 2007 der neue starke Mann bei der TUI; dem Russen gehören heute rund 25 Prozent der Anteile. Jetzt hat er die Geduld mit Frenzel verloren.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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