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Niedersachsen TÜV-Nord-Chef Guido Rettig im Interview
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen TÜV-Nord-Chef Guido Rettig im Interview
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19:58 03.01.2011
TÜV-Nord-Chef Guido Rettig. Quelle: Rainer Surrey
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Herr Rettig, Sie zertifizieren heute Wetterdienste, vermessen Bohrlöcher und betreiben Berufsschulen. Wo ist bloß der gute, alte TÜV Nord geblieben?
Der blüht und gedeiht weiter, er hat sich nur breiter aufgestellt. Gerade in der Krise war es sinnvoll, das Risiko über mehrere Geschäftsbereiche zu streuen. Es gibt ja immer Branchen, die anders ticken als die breite Masse. Natürlich bleibt die Autoinspektion, über die uns die meisten Menschen kennen, ein wichtiges Standbein. In den 140 Jahren seit seiner Gründung hat der TÜV Nord noch kein Geschäftsfeld aufgeben müssen.

Das Prüfgeschäft ist inzwischen komplett liberalisiert. Wollen Sie dem Wettbewerb durch die Diversifikation ausweichen?
Weglaufen ist nicht unsere Art. Im Gegenteil, wir stellen uns dem Wettbewerb. Natürlich ist die Marke TÜV Nord durch drei Buchstaben definiert, die auch andere in ihrem Namen führen. Aber die Industriekunden in Deutschland wissen sehr genau, wer in den einzelnen Branchen besondere Stärken hat. Das gilt zunehmend auch weltweit. Wir wollen uns inhaltlich differenzieren und sehen uns heute als Prüf- und Ingenieursdienstleister. Schließlich haben die meisten unserer Mitarbeiter dieses Diplom.

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Gerade Ingenieure sollen inzwischen doch so schwer zu bekommen sein …
Richtig. Wir können derzeit weltweit 120 offene Stellen in dem Bereich nicht besetzen. Nach meiner Erfahrung sind die Probleme aber nicht so gewaltig wie immer suggeriert wird. Wir gehen früh an die Hochschulen und unterstützen viele Diplomarbeiten. Konzernweit bekommen wir 10.000 Bewerbungen jährlich. Die Industrie muss sich aber anstrengen, um junge Menschen zu halten. Noch immer verlassen mehr Fachkräfte unser Land als zuwandern. Ich vermisse gute Vorschläge, wie dieser negative Saldo abgebaut werden kann.

Inzwischen bekommen auch Hunderte Pädagogen ihren Gehaltsscheck vom TÜV Nord. Seit der Übernahme von RAG Bildung sind Sie einer der größten privaten Spieler auf dem Feld der Berufs- und Weiterbildung. Welche Perspektiven hat dieses Geschäftsfeld?
Für uns ist das ja kein neuer Bereich. Schulung und Weiterbildung bieten wir schon lange – nicht zuletzt unseren eigenen Mitarbeitern. Allein dafür investieren wir 16 Millionen Euro jährlich. Die RAG Bildung haben wir gerade in TÜV Nord Bildung umbenannt. Für das Geschäft sehen wir große Perspektiven im Ausland. Die deutschen Firmen suchen inzwischen auch international Personal, das heimischen Ausbildungsstandards entspricht. Wir arbeiten derzeit an mehreren Berufsschulprojekten – unter anderem in Indien und China. In Indien kooperieren wir zum Beispiel in der Stadt Pune mit dem Volkswagen-Konzern, der dort gerade ein Werk gebaut hat. Und in China ist die Bereitschaft, in die Bildung des eigenen Nachwuchses zu investieren, extrem hoch. Auf dieser Basis funktioniert so ein Geschäftsmodell.

Sie wollen seit Jahren im Bereich der IT- und der Flugsicherheit zukaufen. Viel ist daraus bislang nicht geworden …
Entscheidend ist, dass die Partner zu uns passen. Im Flugbereich haben wir fünf Firmen auf Herz und Nieren geprüft. Wir stoßen hier auf ein branchenweites Phänomen. Offenbar lassen sich viele Unternehmen der Luftfahrtbranche ihre Projekte von den Kunden vorfinanzieren. Das ist mit unserer Philosophie der absoluten Unabhängigkeit nicht vereinbar. Wir sondieren deshalb, ob wir uns nicht auf die Prüfung entscheidender Komponenten eines Flugzeugs beschränken. Im IT-Bereich standen wir im letzten Jahr kurz vor der Übernahme eines börsennotierten Konzerns. Am Ende überwog allerdings die Sorge, das Geschäft könnte zu teuer werden. 2011 werden wir bei der IT-Sicherheit substanziell vorankommen. Finanziell sind wir gerüstet: In den kommenden fünf Jahren wollen wir insgesamt 350 Millionen Euro investieren.

Was hat die Zentrale in Hannover von den ambitionierten Expansionsplänen?
Wir ziehen in Döhren immer mehr zentrale Konzernaufgaben zusammen. Schon jetzt platzen wir aus allen Nähten. Als nächstes werden wir auch den IT-Bereich hier zusammenführen. Im Sommer wollen wir die Zentrale um einen weiteren Bau erweitern. Dafür investieren wir mehr als 10 Millionen Euro. Unser Hauptsitz Hannover wird dadurch gestärkt.

Was spürt der TÜV Nord vom Aufschwung?
Vieles ist in Bewegung gekommen. Die Investitionen steigen – das hilft unserem Geschäft, sei es in der Anlagenprüfung oder bei baubegleitenden Dienstleistungen. Dass unser Umsatz 2010 auf 920 Millionen Euro steigen wird, hängt vor allem mit der TÜV Nord Bildung zusammen, die seit Jahresmitte Teil des Konzerns ist. 2011 peilen wir beim Umsatz die Milliardengrenze an.

Als einer der größten Kraftwerksprüfer profitieren Sie auch vom Energiekonzept der Bundesregierung. Schließlich wollen die länger laufenden Kernkraftwerke ja auch länger geprüft werden.
Wir bieten den Aufsichtsbehörden weiter unsere Kompetenz an. Das Energiekonzept wird aber zu sehr auf die Kernkraft reduziert. Dabei enthält es einige Überraschungen. Zum Beispiel wird Gas als Energieträger kaum erwähnt. Das kann kein Zufall sein. Wahrscheinlich will Berlin damit ein Signal an die Gaslieferanten dieser Welt senden. Und: Das Konzept sieht die Möglichkeit vor, bis zu 30 Prozent der Strommengen aus den europäischen Nachbarländern zu importieren – langfristig eine clevere Vorgehensweise, um unsere Handelsbilanz auszugleichen. Schließlich ist Deutschland zuletzt oft genug für seine großen Exportüberschüsse gerügt worden.

Elektroautos sind ein wichtiger Bestandteil eines modernen Energiekonzepts. Wie müssen wir uns die Hauptuntersuchung der Zukunft vorstellen?
Die Prüfung wird eine andere sein. Dafür fließt durch ein Elektroauto zu viel Energie im Hochvoltbereich. Und wie mit den Batterien umzugehen ist, bleibt eine Herausforderung für die nächsten Jahre. Eines kann ich aber versprechen: Die Fristen für die TÜV-Plakette werden dieselben bleiben.

Interview: Lars Ruzic und Stefan Winter