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Niedersachsen Die Zukunft von Winterkorn bleibt weiter unklar
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Die Zukunft von Winterkorn bleibt weiter unklar
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21:14 16.04.2015
Bleibt Martin Winterkorn Chef von VW oder wird er abberufen?
Bleibt Martin Winterkorn Chef von VW oder wird er abberufen? Quelle: dpa
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Wolfsburg/Salzburg

In der Führungskrise bei Europas größtem Autobauer Volkswagen hat der Kern des VW-Aufsichtsrates hinter verschlossenen Türen getagt - in Salzburg, der Heimat der VW-Eigentümerfamilien Piëch und Porsche. Am Freitag soll es eine Mitteilung geben. Im Machtkampf bei Volkswagen zeichnet sich keine schnelle Lösung ab. Am Donnerstag kam der engste Kreis des VW-Aufsichtsrats zusammen, um über einen Ausweg aus der Führungskrise zu beraten. Das sechsköpfige Präsidium des Kontrollgremiums traf sich im österreichischen Salzburg. Nach dpa-Informationen will das Gremium am (morgigen) Freitag eine Erklärung abgeben.

Dies werde "im Laufe des Tages" geschehen. Zum Inhalt wurde zunächst nichts bekannt. Das Präsidium stellt mit seinen sechs Personen den Kern des 20-köpfigen Kontrollgremiums. Ob die Erklärung nur Zwischenstände liefert oder die Führungskrise in dem Konzern nach rund einer Woche Hängepartie abräumen soll, war am Donnerstagabend ungewiss. Das Sondertreffen in Salzburg hatte nach dpa-Informationen gegen 15.00 Uhr begonnen und sich länger hingezogen als zunächst angenommen. Mit von der Partie war auch VW-Chef Martin Winterkorn. Vor knapp einer Woche war VW-Patriarch aus Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" öffentlich "auf Distanz zu Winterkorn" gegangen und hatte ihm damit das Vertrauen entzogen.

Nach der öffentlichen Attacke von Piëch ging es nach dpa-Informationen bei dem Treffen im österreichischen Salzburg um Winterkorns berufliche Zukunft bei VW. Nach der öffentlichen Attacke von VW-Patriarch aus Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch auf Winterkorn will der 67-Jährige laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) um eine Verlängerung seines 2016 auslaufenden Vertrags kämpfen. Auch nach dpa-Informationen waren strategische Fragen rund um den Kurs des Vorstandes zumindest ein wesentlicher Bestandteil des Sondertreffens. Nachdem Winterkorn am Vormittag noch zwei VW-Werke in Niedersachsen besucht hatte, sagte er einen Termin in der Politik am Nachmittag ab - und flog wie auch Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil (SPD), der Mitglied im Präsidium ist, nach Österreich. Das Bundesland Salzburg ist nicht nur die Heimat von Piëch, auch der Familiensitz der Porsches befindet sich dort.

Außerdem hat der größte Autohändler Europas, die Porsche Holding Salzburg, seinen Sitz in Salzburg. Das Aufsichtsrats-Präsidium bereitet entscheidende Weichenstellungen des Kontrollgremiums vor. Das Sextett bilden: Ferdinand Piëch (Vorsitz), Berthold Huber von der IG Metall (Vize-Vorsitz), VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh, der Sprecher des Porsche-Familienzweigs Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Osterloh-Vize Stephan Wolf.

Winterkorn galt bis zur Piëch-Attacke als erster Nachfolger des VW-Patriarchen an der Spitze des Aufsichtsrates. Neben der Distanz-Ansage zitierte das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" Piëch auch mit den Worten: "Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen." Damit schien nicht nur ein Wechsel an die Spitze des Kontrollgremiums unmöglich, sondern auch Winterkorns weiterer Verbleib im Vorstand zumindest fraglich. Während sein Vorstandsvertrag Ende 2016 ausläuft, ist Piëch bis zum Frühjahr 2017 als Aufsichtsratschef gewählt. Mit der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat und den zwei Vertretern des VW-Großaktionärs Niedersachsen auf der Kapitalseite sprach sich eine Allianz öffentlich für Winterkorn aus. Doch in der Führungskrise geht es möglicherweise nicht ums Stimmenzählen der Mandate im Aufsichtsrat. Übereinstimmend sagen Insider, dass eine offene Frontenbildung im Aufsichtsrat gegen Piëch eher unwahrscheinlich ist. Der Aufsichtsratschef und Vertreter der Piëch-Eigentümerfamilie gilt als das VW-Machtzentrum.

Wolfgang Porsche ist im Präsidium der Sprecher des Familienzweigs der Porsches, der zusammen mit den Piëchs die Stimmenmehrheit an VW hält. Porsche hatte Ferdinand Piëchs vernichtendes Zitat zunächst als "Privatmeinung" zurückgewiesen. Die Aussage sei nicht abgestimmt gewesen. Unter Winterkorns gut achtjähriger Ägide - er wurde 2007 Konzernchef - verdoppelte sich der Umsatz des Konzerns, der Gewinn stieg sogar noch deutlich stärker. Bei seinem Amtsantritt zählte der Konzern 329 000 Mitarbeiter. Heute sind es, auch dank vier neuer Marken, fast 600 000 Menschen.

dpa

Warum herrscht derzeit so viel Trubel?

VW-Aufsichtsratschef und Konzernpatriarch Ferdinand Piëch war am vergangenen Freitag mit einer Aussage im "Spiegel" ("Ich bin auf Distanz zu Winterkorn") von Deutschlands bestverdienendem Dax-Manager abgerückt und hatte damit einen Wirbel im Unternehmen selbst und bei den Eigentümern ausgelöst. Winterkorn war bis zu der Aussage im "Spiegel" als Nachfolger Piëchs an der Aufsichtsratsspitze gehandelt worden. Neben der Distanz-Ansage zitierte das Nachrichtenmagazin Piëch auch mit den Worten: "Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen." Damit steht nun nicht nur Winterkorns möglicher Wechsel in das Kontrollgremium infrage, sondern womöglich auch sein weiterer Verbleib im Vorstand.

Was ist das "Präsidium"?

Ein Ausschuss des Aufsichtsrats, der sich mit Vertragsangelegenheiten des Vorstands befasst. In seinen Sitzungen bereitet der Ausschuss die Beschlüsse des Aufsichtsrats vor. Das VW-Präsidium kann keine Beschlüsse des Aufsichtsrats ersetzen. Bei VW sitzen in dem Gremium Ferdinand Piëch (Vorsitz), Berthold Huber von der IG Metall (Vize-Vorsitz), VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh, der Sprecher des Porsche-Familienzweigs Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sowie der Osterloh-Vize Stephan Wolf.

Welche Weichenstellung wird das Präsidium treffen?

Das ist alles Spekulation. Im Hintergrund glühten nach dpa-Informationen bereits seit Tagen die Drähte aller Beteiligten, das Treffen deutet also schon einmal darauf hin, dass die Runde nicht bei Null beginnt. Mehr ist aber schlicht unklar. Nur das Sextett weiß es.

Aber welche Wege sind wahrscheinlich?

Viel dürfte davon abhängen, wie Piëch seine Kritik an Winterkorn begründet und ob er mögliche Nachfolger für die Spitzen an Vorstand und Aufsichtsrat präsentiert. Nach dem öffentlichen Vertrauensentzug ist Winterkorn angezählt. Der kleine Zirkel könnte sich darauf einigen, dem Konzernchef einen ehrenhaften Rücktritt nahezulegen. Denn weitere eineinhalb Jahre im Amt bis zu Winterkorns auslaufendem Vertrag Ende 2016 dürften ohne Rückendeckung des VW-Patriarchen Piëch kaum eine reelle Option für Winterkorn sein. Als Nachfolger wird Porsche-Chef Matthias Müller gehandelt. Es gibt aber auch mehrere andere Kandidaten.

Welcher Ausgang ist noch denkbar?

Niemand kann ausschließen, dass sich die Winterkorn-Unterstützer nicht doch durchsetzten und die Eigentümer ihm das Vertrauen aussprechen. Die öffentliche Rückendeckung für den bestbezahlten Dax-Manager war nach der Piëch-Kritik zunächst überwältigend. Winterkorn hätte bis zum Ablauf seiner Amtszeit Ende 2016 ohnehin "nur" noch den Konzernvorsitz inne; die Kernmarke VW-Pkw mit Modellen wie Golf und Passat gibt er diesen Juli an den früheren BMW-Manager Herbert Diess ab. Ein solches Szenario, bei dem eigentlich alles bleibt, wie es ist, würde aber als krachende Niederlage für Piëch gewertet werden. Und der VW-Patriarch, der diesen Freitag 78 Jahre alt wird, hat bislang noch jeden seiner Machtkämpfe gewonnen.

Gibt es auch einen Weg in der Mitte?

Das für Volkswagen wohl schlechteste Szenario wäre ein Patt zwischen den Familien Piëch und Porsche, die als VW-Großaktionär zusammen die Macht im Konzern besitzen. Ihr Machtpoker könnte den Konzern lähmen - und die Zeit drängt auch aus anderen Gründen: Am 5. Mai steigt in Hannover die Hauptversammlung. Kaum denkbar, dass sich Piëch und Winterkorn ohne geklärte Fronten dort nebeneinander auf das Podium setzen. Und schon an diesem Sonntag wird Winterkorn auf einer großen VW-Veranstaltung vor dem Beginn der Automesse in Shanghai erwartet. Als Konzernchef auf Abruf ein zumindest delikater Auftritt.

dpa

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