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Niedersachsen VW koppelt sich von Krisenkonjunktur ab
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen VW koppelt sich von Krisenkonjunktur ab
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20:27 26.07.2012
Volkswagen glänzt trotz Krise: Der Autobauer konnte seinen Gewinn um fast sieben Prozent steigern. Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Wolfsburg

Die Breitseite von Fiat-Lenker Sergio Marchionne gegen Volkswagen spricht Bände: Die Niedersachsen machten aus der Rabattschlacht in einigen Krisenmärkten Westeuropas ein „Blutbad“, poltert der um deftige Äußerungen nicht verlegene Fiat-Boss in der „New York Times“. Das VW-Management in Wolfsburg ist sich indes keiner Schuld bewusst. „Wenn man sich stark auf kleine Autos und die europäischen Staaten konzentriert, hat man auch mehr Druck“, kontert Vertriebschef Christian Klingler. Er garniert die diplomatisch formulierte Retourkutsche mit dem Hinweis, hohe Nachlässe seien ja nur bei schlechten Geschäftszahlen nötig.

VW-Chef Martin Winterkorn spricht bei der Vorlage der guten Halbjahreszahlen am Donnerstag zwar von einem „fordernden Umfeld“, Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch sorgt sich um die „zunehmend schwierigen Bedingungen“. Was für VW noch zutreffen mag, hört sich in den Ohren mancher Wettbewerber wie eine glatte Untertreibung an. Denn bei denen, die stärker von der Stammregion Europa abhängig sind, geht inzwischen die nackte Angst um.

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„Die Schuldenkrise hat die Märkte stark schrumpfen lassen“, erklärt Klingler Analysten die brenzlige Lage in Griechenland, Spanien, Italien und Portugal. „Und sie beeinflusst Volkswirtschaften in aller Welt.“ Spaniens Automarkt steuere auf ein 30-Jahres-Tief zu.

Weitaus ärger als den bald zwölf Marken zählenden Konzern trifft der Nachfrageeinbruch Autobauer, die sich nicht über Absatzsprünge von 17,6 Prozent in Asien oder 22,1 Prozent in Nordamerika im ersten Halbjahr freuen können. Auch für die französischen Anbieter kommt es knüppeldick, weil Überkapazitäten auf bröckelnde Absätze treffen.

Die Nummer zwei im Nachbarland, PSA Peugeot Citroën, rutschte im ersten Halbjahr in die tiefroten Zahlen. PSA will sich mit einem Milliarden-Sparprogramm gegen die Turbulenzen stemmen, ein Werk soll dicht gemacht werden, 8000 Jobs stehen auf der Kippe.

Andere sogenannte Volumenhersteller wie Opel oder Fiat, aber auch der US-Riese Ford blicken mit Sorge auf Westeuropa. Und selbst der Gewinn von Daimler – neben BMW der Hauptgegner der VW-Tochter Audi im Oberklasse-Segment – sank im zweiten Quartal empfindlich.

Zwar bekommt auch Volkswagen die bedrohliche Situation zu spüren, die Verkäufe in den Krisenländern gehen nicht nur beim chronischen Sorgenkind Seat in Spanien zurück. Daneben schöpft der Konzern jetzt aber zusätzliche Kraft aus dem Absatzboom in Fernost und Amerika.
Wie lange geht das noch gut? Die Wolfsburger müssen trotz stabiler Erträge auf der Hut sein. Ihr eigener Halbjahresgewinn legte - einschließlich Sondereffekten wie der Porsche-Bewertung und dem China-Geschäft – um fast 36 Prozent auf über 8,8 Milliarden Euro zu. Weil sich insbesondere der südkoreanische Newcomer Hyundai mit günstigen Modellen in Europa und den USA breitmacht, sind reine Präsenz und Markenvielfalt rund um den Globus aber kein Selbstzweck.

Amerika funktioniert, und in China sind sie gut aufgestellt“, sagt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer über VW. „Aber auch diese Märkte werden sich bald beruhigen.“ Außerdem mische Volkswagen in der Rabattschlacht gehörig mit - wenngleich nicht so sehr, wie Marchionne unterstellt. „Beim VW Up gibt es Abschläge von bis zu 25 Prozent. Und nebenbei muss man die Frage stellen: Brauchen sie Seat noch?“

Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB imponiert das starke Ergebnis aus Wolfsburg durchaus. „Die hohen Verkaufszahlen dürften sich aber im zweiten Halbjahr nicht fortsetzen lassen“, mahnt er. Das schwierige Nutzfahrzeuggeschäft lasse sich zudem nicht ausblenden: Die Lkw-Tochter MAN meldete Verluste und weniger Aufträge, bei den Scania-Kollegen in Schweden schmolz der Gewinn um ein Drittel.

Die Sorgen daheim sind für das Autoimperium Anlass genug, um vor allem in Fernost draufzusatteln. Pünktlich zur Zwischenbilanz eröffnete Noch-Lkw-Vorstand Jochem Heizmann ein neues Werk im neuen Einsatzgebiet. Der künftige China-Chef gab mit Produktionsvorstand Michael Macht den Startschuss für den Standort Yizheng. Aber auch in China tummeln sich neue Anbieter, Behörden begrenzen die Zulassungen. Klingler betont: „Der Wettbewerb hat bedeutend zugenommen.“

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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