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Niedersachsen Statussymbole – massenhaft
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Statussymbole – massenhaft
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00:24 06.07.2014
Von Stefan Winter
Foto: Die neue Generation Passat: VW stellte das Auto am Donnerstag vor.
Die neue Generation Passat: VW stellte das Auto am Donnerstag vor. Quelle: Ralf Hirschberger
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Hannover

Sie waren einmal Familienkutschen, doch in dieser Rolle sind sie fast ausgestorben. Die Familien fahren Minivan oder SUV. Die automobile Mittelklasse überlebt nur noch als Dienstwagen, das aber nicht schlecht: Großzügige Steuerregeln und kreative Personalmanager haben aus dem Statussymbol ein Massenphänomen gemacht. Rund 700.000 Dienstwagen werden nach Angaben der Marktforschung Dataforce jährlich in Deutschland neu zugelassen. Der Anteil am Gesamtmarkt sei kontinuierlich auf 23 Prozent gestiegen, in den nächsten Jahren dürfte es in Richtung 25 Prozent gehen.

Nur in Großbritannien ist der Anteil größer, dafür sind die Autos kleiner: Ist hier der Passat am beliebtesten, gefolgt vom Rest der Mittelklasse, führen auf der Insel Kompaktmodelle wie der Ford Focus. So dürfte die These der Personalberatung Hay Group stimmen: Firmenwagen seien „gerade in Deutschland ein recht emotional aufgeladenes Thema“. Als die Rezession 2009 zum schnellen Sparen zwang, hätten ausländische Konzerne früh die Dienstwagen gekappt; deutsche Unternehmen näherten sich dem Thema „eher vorsichtig“.

Das können sich die Hersteller nur wünschen, denn 60 Prozent der Passat-Produktion werden als Dienstwagen verkauft. Rechnet man Autovermieter und Händlerzulassungen hinzu, bleiben kaum Privatkunden: Von den knapp 30 000 Passat, die VW dieses Jahr bis Ende Mai in Deutschland verkaufte, wurden 91 Prozent auf gewerbliche Kunden zugelassen. Insgesamt geht in Deutschland mehr als die Hälfte aller neuen Autos an gewerbliche Käufer.

„Der Kunde“ ist also immer seltener die Familie, die im Wohnzimmer über Katalogen brütet. Den Markt beherrschen Unternehmen wie die Deutsche Leasing, die als größter Mercedes-Kunde im Land gilt. Bei den Leasinggesellschaften wiederum bedienen sich die Konzerne – Siemens, zum Beispiel, mit mehreren Tausend neuen Dienstwagen pro Jahr. Dann erst redet der Nutzer mit, jedenfalls in Maßen: Rund die Hälfte der Dienstwagenfahrer haben Wahlmöglichkeiten – im Branchenjargon sind sie „User-Chooser“ und eine wichtige Zielgruppe. Sie wählen Vernunft mit einem Hauch Luxus: Meistverkaufte Version ist der Passat Variant Comfortline BlueMotion mit Zweiliter-TDI-Motor, 140 PS und Doppelkupplungsgetriebe, gern ergänzt um das „Businesspaket“ mit Navigation und Klimaautomatik. In der Preisliste stehen knapp 40.000 Euro, die aber kein Großkunde zahlt. VW verschmerzt es, denn klar ist auch: Privat hätte der Fahrer sein altes Auto behalten oder einen billigeren Neuen gewählt.

Dienstwagen und Wahlmöglichkeiten spielten „eine große Rolle als Anreiz“, sagt Dataforce-Experte Benjamin Kibies. Dank Pauschalbesteuerung kommt der Mitarbeiter meist günstiger weg als beim Privatwagen, und der Arbeitgeber kann ohne oder mit geringen Zusatzkosten motivieren. So hat sich ein Autosegment etabliert, das abseits der Fuhrparks keine Chance hätte: kompakte Premium-Limousinen wie Mercedes C-Klasse, 3er BMW und Audi A4 – zu eng und teuer für die Familie, aber eine kleine Freude auf dem Firmenparkplatz. In Zeiten von Fachkräftemangel und steigenden Mobilitätskosten werde das Instrument noch an Bedeutung gewinnen, glaubt Kibies. Der Dienstwagen sei „ein Stück weit demokratisiert“ worden, sagt der hannoversche VW-Händler Heinrich Jacobi.

Das gilt in beiden Richtungen: Im mittleren Management nimmt die Verbreitung zu, und oben wird gekappt: Downsizing, kleinere Motoren und kleinere Modelle, sei der Trend der vergangenen Jahre, heißt es beim Bundesverband Fuhrparkmanagement. Die absolute Luxusklasse ist selbst in vielen Vorständen inzwischen verpönt. Vor allem in der Rezession 2009 wurde in den Konzernen heruntergestuft, zum Beispiel von Daimlers S- auf die E-Klasse. Das setzt sich nach unten fort. Viele Passat-Fahrer kämen von BMW, hat Händler Jacobi beobachtet, dafür gebe der Passat Kunden an den Golf ab.

Wer was fahren darf, regelt die „Car Policy“, eine Art heilige Schrift der Fuhrparkmanager. Wer möchte, darf meist aus eigener Tasche etwas drauflegen und sich Besseres gönnen – mit Grenzen: „Es kommt beim Kunden nicht so gut an, wenn er das Gefühl hat, einen Siebener BMW für den Vertriebler mitzubezahlen“, sagt ein Fuhrparkmanager. Außerdem versuchen immer mehr Firmen, ihre Flotten „grüner“ zu machen. So hat Siemens 2009 ein System eingeführt, das Dienstwagen mit geringem CO2-Ausstoß begünstigt. Wer auf einen Dienstwagen verzichtet, bekommt einen Ausgleich – 15 Prozent der Berechtigten wählen diesen Weg. Auch für die Verbreitung von Elektroautos sind Firmenflotten die große Hoffnung. Aber da ist ja noch der „User-Chooser“: Wo es die erlaubt ist, stellten SUV im Fuhrpark die stärkste Gruppe, sagt Marktforscher Kibies.

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