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Niedersachsen Volkswagen flirtet mit Berlin
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Volkswagen flirtet mit Berlin
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21:08 21.08.2011
Von Lars Ruzic
Ministerpräsident David McAllister und der Elektro-Golf: Das Land muss sich anstrengen, wenn es Fördergebiet für E-Mobilität werden will. Quelle: dpa
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Hannover

Mit seiner kurzen Fahrt Ende Juni hatte der CDU-Politiker gerade den Startschuss für eine 17 Autos umfassende Testflotte von Golf „bue-e-motion“ in Hannover gegeben. „Wir müssen hier Erfahrungen sammeln, um Elektromobilität voranbringen zu können“, sagte er damals.

So weit, so richtig. Nur dass sich diese regionalen Tests inzwischen häufen. In fast jeder größeren Stadt fahren ein paar E-Mobile herum, die sich in der Praxis bewähren sollen. Die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE), die Deutschland im Auftrag der Bundesregierung auf diesem Gebiet zum Leitmarkt und -anbieter machen soll, will deshalb wenige nationale „Schaufenster“ schaffen, in denen E-Mobilität den Deutschen schmackhaft gemacht werden sollen. Dabei fordern die Fachleute eine „Fokussierung bestehender Ressourcen auf die Schaufenster“. Es soll höchstens eine Handvoll dieser Großprojekte geben. Die Bundesregierung bereitet gerade das Ausschreibungsverfahren vor. Bewerben können sich Konsortien, zu denen meist Autohersteller, Energieversorger, Nahverkehrsunternehmen und Kommunen gehören dürften. Im Februar soll entschieden werden, wer den Zuschlag erhält.

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Zu gewinnen ist ein dickes Förderpaket: Angeblich sollen rund 200 Millionen Euro an Subventionen fließen, weitere 400 Millionen Euro soll die Industrie beisteuern. Die Rede ist von Zehntausenden Elektroautos, die über die „Schaufenster“-Projekte auf die Straße gebracht werden sollen – etwa über Vermietmodelle oder als Flotten von Unternehmen. Dieses Großprojekt weckt überall in der Republik Begehrlichkeiten – kann eine Region als Schaufenster doch Investitionen anlocken und sich als zukunftsträchtig vermarkten. Deshalb werden allerorten Bündnisse geschmiedet und Netzwerke geknüpft. Das Problem: In diesem Wettrennen droht Niedersachsen den Anschluss zu verpassen.

Wie aus der Industrie verlautet, gibt es bereits mehrere Favoriten, bevor das offizielle Ausschreibungsverfahren überhaupt gestartet wurde. Dies seien Projekte rund um Daimler in Baden-Württemberg, um BMW in Bayern und um das Opel-Werk Eisenach in Thüringen, heißt es. Als besonders prestigeträchtig gilt ein „Schaufenster“ in Berlin, das als größte deutsche Metropole und Bundeshauptstadt besonders prädestiniert erscheint. Die Stadt hat sich – in Ermangelung eigener Hersteller in ihrem Gebiet – für Volkswagen als Partner entschieden. Sollte aus dem Flirt der Wolfsburger mehr werden, dürften die Chancen für Niedersachsen drastisch sinken, in der Heimat von Europas größtem Autobauer ein „Schaufenster“ zu öffnen.

Ein VW-Sprecher betont deshalb, man prüfe die Offerte aus Berlin lediglich, es gebe noch keine konkreten Verhandlungen. Und das niedersächsische Wirtschaftsministerium lässt verlauten, derzeit sei eine gemeinsame Bewerbung von Volkswagen und der Metropolregion Hannover, Braunschweig, Göttingen, Wolfsburg in Vorbereitung. „Das ist bei uns hoch aufgehängt, und alle arbeiten mit Hochdruck daran“, versichert ein Sprecher von Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP), der wie McAllister im VW-Aufsichtsrat sitzt.

Das allein ist aber noch kein Garant dafür, dass die Metropolregion auch den Zuschlag erhält. Sie hatte es einst nicht einmal geschafft, zu einer von neun NPE-Modellregionen geadelt zu werden. Warum sollte es dann klappen, wenn noch strenger ausgesiebt werden muss? Dass VW gleich mit zwei Regionen den Zuschlag erhält, gilt ebenfalls als unrealistisch, und Berlin halten viele für gesetzt. Es fehle noch am notwendigen Lokalpatriotismus in Wolfsburg, kritisiert ein Beteiligter. „Das Ganze bereitet uns massiv Kopfschmerzen.“