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Niedersachsen Von der Schulenburg sieht klaren Trend zur Zwei-Klassen-Medizin
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Von der Schulenburg sieht klaren Trend zur Zwei-Klassen-Medizin
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14:58 22.04.2011
Johann-Matthias Graf von der Schulenburg im Interview. Quelle: Martin Steiner
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Herr von der Schulenburg, Sie sagen voraus, dass es in der Medizin immer individuellere Diagnosen und Therapien geben wird. Die Patienten erleben das Gegenteil: Sie hocken stundenlang im Wartezimmer, ihr Arzt hat dann aber nur wenige Minuten Zeit ...
Hier klafft in der Tat eine Lücke: Normale Patienten werden mit einer Fünf-Minuten-Medizin abgespeist, für chronisch Kranke steht dagegen die neueste Medizintechnik bereit. Die beiden Bereiche fallen leider immer weiter auseinander.

Woran liegt das? Weil sich nur mit Hightech-Medizin Geld verdienen lässt?
Nein. Kleinvieh macht auch Mist. Wer als Arzt eine gut aufgestellte Familienpraxis betreibt, die mit Facharztpraxen und etwa einem Sanitätshaus und einer Krankengymnastikpraxis gut vernetzt ist, kann auch richtig profitabel arbeiten. Das Problem ist ein anderes: Die Qualität der Versorgung für die breite Masse kommt in der politischen Diskussion einfach zu kurz – es geht bei jeder Gesundheitsreform primär um die Finanzierung. Für eine notwendige Reform des Versorgungssystems fehlt dann in der jeweiligen Legislaturperiode die Kraft. Leider spielen auch die Interessen der rund
4 Millionen Beschäftigten im Gesundheitswesen eine größere Rolle als die Bedürfnisse von 40 Millionen Kranken.

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Wird nur gut behandelt, wer seine Bedürfnisse klar artikulieren kann?
Es gibt einen klaren Trend zur Zwei-Klassen-Medizin – unabhängig davon, ob jemand privat oder gesetzlich krankenversichert ist: Die Güte der Versorgung hängt vom Bildungsstand ab. Wer sich vor dem Besuch beim Arzt oder im Krankenhaus informiert, der weiß, was er erwarten kann.

Müsste daran nicht jeder Patient ein Interesse haben?
Verschiedene Studien belegen das Gegenteil. Die Mehrzahl der Patienten geht mit Beschwerden in die Praxis und erwartet, dass die Experten die Probleme lösen. Nur chronisch Kranke machen sich selbst schlau – auch weil sie befürchten müssen, ihr ganzes Leben mit der Krankheit zu verbringen. Auch wer an einer der 7000 seltenen Krankheiten leidet, beschäftigt sich oft sehr intensiv mit seiner Krankheit oder der Krankheit seiner Kinder.

Der Gesetzgeber versucht, die einzelnen Therapien besser aufeinander abzustimmen. Kann die „integrierte Versorgung“ den eben skizzierten Trend stoppen?
Das funktioniert leider schon vom Ansatz her nicht, weil die Programme häufig nicht vom Patienten her gedacht sind – es geht vor allem um die Honorierung bestimmter Extraleistungen. Sobald dann die Gelder wieder zusammengestrichen werden, fällt auch die sogenannte integrierte Versorgung in sich zusammen – man kann das bei den „Disease-Management-Programmen“ für chronisch Kranke sehen.

Ein weiteres Zauberwort ist die „Vernetzung“. Vom Arzt bis zum Apotheker sollen alle sofort wissen, was dem Patienten fehlt. Gleichzeitig kommt die elektronische Gesundheitskarte, auf der alle Daten verzeichnet sein sollen, nicht voran ...
Das ist in der Tat ein Trauerspiel. Seit fast zwei Jahrzehnten wird vergeblich darüber gestritten, ob die Karte nun kommen soll oder nicht. Die Krankenkassen sind nun gezwungen, an 10 Prozent ihrer Versicherten eine Gesundheitskarte mit Bild – dies kostet allein 2 Euro extra – auszugeben, die nicht mehr Informationen enthält als die existierenden Krankenkassenkarten. Kein Patient kann eigentlich etwas dagegen haben, wenn seine wichtigen Gesundheitsdaten auf einer Karte gespeichert sind und seinem jeweiligen Arzt oder Apotheker damit zur Verfügung stehen. Einen möglichen Missbrauch kann man mit einer PIN verhindern.

In Ihrer Studie ist von einem „Wertewandel“ die Rede: Die Patienten seien zunehmend bereit, Leistungen aus eigener Tasche zu bezahlen. Hält das an?
Ja, die Menschen wollen ihr Geld für ihre Gesundheit ausgeben. Das ist auch eine Folge der demografischen Entwicklung. Die Bevölkerung wird immer älter, und mit dem Alter nehmen die Leiden zu, aber der Bedarf nach sonstigen Konsumgütern ab. Ältere Menschen sind in der Regel vergleichsweise wohlhabend. Daher besteht bei ihnen oft der Wunsch, mehr für Gesundheit auszugeben, was indes im reglementierten Gesundheitssystem schwerfällt. Wir erwarten eine deutliche Zunahme des Selbstzahlermarktes und von Zusatzversicherungen.

Interview: Jens Heitmann