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Niedersachsen Wabco muss Kartellstrafe von 326 Millionen Euro zahlen
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Wabco muss Kartellstrafe von 326 Millionen Euro zahlen
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09:09 24.06.2010
Armaturproduktion beim deutschen Hersteller Grohe: Die Konzerne sollen über mehr als ein Jahrzehnt Preise abgesprochen haben. Quelle: dpa
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Eine drakonische Kartellstrafe der Europäischen Kommission bringt den Nutzfahrzeugzulieferer Wabco finanziell in Bedrängnis. Das US-Unternehmen, dessen Entwicklungs- und Produktionszentrale in Hannover sitzt, muss für die Verfehlungen seiner früheren Schwester Ideal Standard einstehen und 326 Millionen Euro nach Brüssel überweisen. Es ist der mit Abstand höchste Einzelbetrag, den die Kommission in ihrem Kartellverfahren gegen insgesamt 17 Badezimmerausstatter verhängte. Insgesamt summieren sich die Strafen auf 622 Millionen Euro.

Zwar haben die Lkw-Bremssysteme der Hannoveraner herzlich wenig mit den Armaturen, Badewannen und Duschkabinen zu tun, deren Preis in Europa offensichtlich über mehr als ein Jahrzehnt zum Schaden der Verbraucher abgesprochen wurde. Dass sie dennoch Hunderte Millionen zahlen müssen, liegt an der Zerschlagung des US-Konzerns American Standard vor drei Jahren. Seinerzeit wurde Ideal Standard an Finanzinvestoren verkauft, Wabco an die Börse gebracht, und der Rest des einst gut 10 Milliarden Dollar Umsatz schweren Mischkonzerns, das Klimaanlagengeschäft, in Trane umbenannt.

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Weil die Finanzinvestoren beim Kauf des Sanitärbereichs naturgemäß wenig Interesse an den millionenschweren Strafen zeigten, die seinerzeit schon wie ein Damoklesschwert über dem Bereich hingen, wurden sie kurzerhand noch vor dem Börsengang auf Wabco übertragen. In einer „Entschädigungs- und Kooperationsvereinbarung“ verpflichtete sich das Unternehmen, alle Bußgelder aus dem EU-Verfahren zu übernehmen. Die hätten sich rein theoretisch auf bis zu 800 Millionen Euro belaufen können – 10 Prozent des letzten Konzernumsatzes von American Standard.

Dass es jetzt nicht ganz so schlimm kommt, liegt unter anderem an der Kooperation von Ideal Standard und Wabco mit den Behörden, was einen 30-prozentigen Nachlass auf die Strafe einbrachte. Wabco-Chef Jacques Esculier sprach gleichwohl von einem „überzogenen“ Bußgeld. „Wir glauben, dass wir gute Gründe haben, um Einspruch dagegen einzulegen.“ Gleichwohl sei es für das Unternehmen wichtig, dass das seit Jahren anhängige Verfahren endlich zu einem Abschluss gekommen sei. Ähnlich empfanden das wohl auch die Börsianer: Die Wabco-Aktie lag gestern an der Wall Street leicht im Plus.

Der Konzern beteuerte, man könne die Strafe aus dem eigenen Cash sowie aus vorhandenen Kreditlinien finanzieren. Wabco hatte bereits vor drei Jahren einen Kreditvertrag in Höhe von 600 Millionen Euro abgeschlossen, davon jedoch bislang wenig Gebrauch gemacht. Über Details der Finanzierung will Esculier morgen berichten. Die EU bietet in solchen Fällen inzwischen auch die Möglichkeit der Ratenzahlung an.

Den durch die Wirtschaftskrise arg gebeutelten Konzern trifft die Entscheidung zur Unzeit. Gerade erst zieht das Geschäft wieder an, die Expansion muss vorfinanziert werden. Im vergangenen Jahr war der Umsatz um 42 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro eingebrochen, unterm Strich blieben gerade 15 Millionen Euro Gewinn. Wabco hatte in Hannover gut 800 der einst 3000 Jobs gestrichen.

Lars Ruzic