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Niedersachsen Wenn die Pacht unerschwinglich wird
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20:42 03.06.2014
Von Carola Böse-Fischer
Nach der EU-Agrarreform sollen ab 2015 fünf Prozent der landwirtschaflichen Fläche stärker der Natur überlassen werden, zum Beispiel als Brachen oder Grünstreifen. Dies soll Wildtieren Rückzugsräume schaffen und Raum für Artenvielfalt bieten. Foto: Jens Büttner/dpa Quelle: Jens Büttner
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Hannover

Ottmar Ilchmann ist Milchbauer. 60 Kühe gehören zu seinem Hof im Landkreis Leer. 70 Hektar, Wiesen und etwas Ackerland sind seine Existenzgrundlage. Nur 28 Hektar sind Eigentum des 52-Jährigen, die übrigen 60 Prozent hat er gepachtet. Das ist nicht ungewöhnlich. In Niedersachsen wie in anderen Bundesländern sind mehr als die Hälfte der Agrarflächen Pachtland. Wer wachsen will, das predigt die Agrarlobby den Bauern seit Jahrzehnten, kann das nur, wenn er Flächen dazupachtet.

Früher musste sich Ilchmann keine Sorgen machen. Lief ein Pachtvertrag aus, wurde er verlängert, in der Regel zu gleichen Konditionen. „Fast 30 Jahre lang kostete die Pacht 250 bis 265 Euro je Hektar Grünland“, sagt der Landwirt. Aber seit einigen Jahren steigen die Pachten und in ihrem Gefolge die Kaufpreise für Acker- und Grünland rasant.

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Vor zwei Jahren hat Ilchmann, der auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft ist, zum ersten Mal Land verloren, weil er bei der Neuverpachtung nicht mithalten konnte. „500 Euro waren das Äußerste, was ich bieten konnte“, sagt der Friese. Den Zuschlag habe ein Biogasproduzent bekommen - für 1000 Euro, rund viermal so viel, wie Ilchmann bis dahin für den Hektar an Pacht bezahlt hatte.

Längst ist das kein Einzelfall mehr. Vor allem in den Hochburgen der Massentierhaltung und Biogasanlagen, die immer größere Flächen für den Maisanbau beanspruchen, hat sich Acker- und Grünland so drastisch verteuert, dass der grüne Agrarminister alarmiert ist. Denn in der Konkurrenz um knappe Flächen haben extensiv wirtschaftende Öko- und Milchbauern immer öfter das Nachsehen. Und die liegen Christian Meyer, der die Landwirtschaft in Niedersachsen mit einer „sanften Agrarwende“ umsteuern will, besonders am Herzen. Sorgen macht dem Minister zudem, dass auch private Investoren Acker und Forst als profitable Kapitalanlage entdecken und den Preiswettbewerb noch verschärfen.

Laut Meyers Ministerium sind die Pachtkosten für Ackerland allein von 2010 bis 2013 um 22 Prozent hochgeschnellt. Bei den Kaufpreisen betrug die Steigerungsrate seit 2006 etwa 85 Prozent, wie der Obere Gutachterausschuss für Grundstückswerte festgestellt hat, der in Niedersachsen für Transparenz auf diesem Markt sorgen soll.

In manchen Regionen wie in Friesland haben sich die Kaufpreise mehr als verdoppelt, teilweise sogar verdreifacht. In der Spitze werden Preise bis zu 60 000 Euro für den Hektar Land bezahlt, wie Thorsten Hiete, Chef der Niedersächsischen Landgesellschaft (NLG), berichtet. Die mehrheitlich dem Land gehörende NLG betreibt als gemeinnütziger Dienstleister das Grundstücksmanagement für die Entwicklung der Agrarstruktur im Land. Noch in Ordnung sei „die Welt südlich der A 2“, weil es hier wie in der Region Hannover bislang kaum Tierhaltung und erst wenige Biogasanlagen gebe, sagt Hiete.

Trotzdem spricht der NLG-Chef von einer „ungesunden Entwicklung für die Landwirtschaft“. Deshalb hat Minister Meyer der Bodenspekulation den Kampf angesagt - und scheut auch keine gesetzlichen Maßnahmen, um „bäuerliche Betriebe“ besser zu schützen. Zurzeit prüfen seine Beamten außer einer Pachtpreisbremse ein eigenes Grundstücksverkehrsrecht, das Landwirten ein „wirksames Vorkaufsrecht“ sichern soll.

Das Landvolk, die Agrarlobby in Niedersachsen, die auch die Interessen der großen Betriebe vertritt, scheint sich nicht querlegen zu wollen. Man sei sich einig, dass das bisherige Gesetz „als Steuerungsinstrument seine Wirkung verfehlt und reformiert werden muss“, sagt Meyer. Auch jetzt gibt es ein Vorkaufsrecht für Bauern. Aber der Erwerber müsse den vom Verkäufer verlangten Preis zahlen, sagt NLG-Chef Hiete. Daher sei das Vorkaufsrecht bisher kaum geeignet, die Preise zu deckeln. Laut Hiete gibt es aber die Möglichkeit, bestimmte Geschäfte zu unterbinden - „wenn ein Kaufpreis mehr als 150 Prozent über dem örtlichen Vergleichswert liegt“. Man könne dann auf 120 Prozent deckeln. „Das wirkt wie eine Kaufpreisbremse.“ Das wäre eine einschneidende Maßnahme, wie der NLG-Chef sagt, aber angesichts der Lage durchaus „angesagt“. Ob es dazu kommt, ist fraglich. So ließe sich die Entwicklung der Betriebe und die Agrarstruktur in Richtung kleinerer Höfe steuern. Doch eine solche Beschränkung ihrer Entfaltungsmöglichkeiten würden etliche Landwirte kaum kampflos hinnehmen.

Milchbauer Ilchmann meint, viele machten sich nicht klar, dass „jeder große Wachstumsschritt direkt in die Abhängigkeit von Banken und Verpächtern führt“. Ilchmann hält das für die „falsche Philosophie“. Er hat die gleiche Betriebsgröße wie vor 25 Jahren. Er habe damit ein gutes Auskommen, keine Schulden und gerade einen neuen Traktor „bar bezahlt“. Alles darüber hinaus sei Gier.

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