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Niedersachsen Wieder heftige Kritik bei Hauptversammlung von Neschen
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Wieder heftige Kritik bei Hauptversammlung von Neschen
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08:30 01.07.2010
Die Führung von Neschen musste kritische Fragen beantworten. Quelle: Martin Steiner
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Nach einigen Stunden verlor Robert Gärtner die Geduld. Dies sei eine traurige Veranstaltung, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende des Bückeburger Folienspezialisten Neschen am Mittwoch auf der Hauptversammlung im Hannover Congress Centrum genervt. Die Manager des Unternehmens hätten bisher vor allem Fragen zu den rechtlichen Auseinandersetzungen mit den Großaktionären beantworten müssen – und nicht zum operativen Geschäft. „Lasst uns die Vergangenheit beerdigen und nicht länger darin herumbohren“, appellierte der Chefkontrolleur, der seit August vergangenen Jahres im Amt ist und lieber über die zuletzt wieder etwas besseren Ergebnisse der Firma sprechen wollte.

Diesen Gefallen taten die Vertreter des Großaktionärs Vermögensverwaltung Erben Dr. Karl Goldschmidt (VVG) und der hannoversche Rechtsanwalt und Neschen-Anteilseigner Wilhelm Helms den Managern aber nicht. Wie schon bei früheren Aktionärstreffen konfrontierten sie Vorstand und Aufsichtsrat mit einer Vielzahl kritischer Fragen und äußerten heftige Kritik am Management und der Unternehmerfamilie Zinn – also an Vorstandsmitglied Stefan Zinn und seinem Vater Rolf, der das Unternehmen früher geleitet und bis Dezember 2009 dem Aufsichtsrat angehörte.

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So forderte die VVG eine weitere Sonderprüfung, mit der noch einmal der umstrittene Verkauf des Geschäftsbereichs „Archivcenter“, aber auch Beraterverträge von Neschen mit Rolf Zinn, die Verlängerung des Vertrages von Stefan Zinn bis zum 20. April 2013 und „sonstige Leistungen“ an die Familie untersucht werden sollen.

Der Antrag wurde von der Hauptversammlung jedoch abgelehnt. VVG-Geschäftsführer Albert-Frederick Freiherr von Dörnberg kündigte an, eine solche Prüfung nun auf gerichtlichem Wege durchsetzen zu wollen. Der Verkauf des „Archivcenters“ müsse rückgängig gemacht werden.

Neschen-Vorstand und Miteigentümer Stefan Zinn würde man im Amerika wegen seiner Leistungen wohl als „lahme Ente“ bezeichnen, sagte VVG-Prokurist Georg Peters. Scharfe Angriffe der von der wirtschaftlichen Entwicklung der Bückeburger Firma enttäuschten VVG auf das Management sind nichts Neues. Diesmal wurde aber deutlich, dass es auch innerhalb der Unternehmerfamilie Zinn Konflikte gibt: So wollte Großaktionär Oliver Zinn dem Führungsgremium und damit auch seinem Bruder Stefan die Entlastung verweigern. Sein Bruder sei „hochanständig“, der Neschen-Vorstand habe aber seit Jahren seine Prognosen verfehlt. Auch Rolf Zinn sei ausdrücklich gegen eine Verlängerung von Stefan Zinns Vertrag gewesen. Diese Behauptung sei „schlicht und ergreifend gelogen“, erwiderte Gärtner.

Wilhelm Helms wies auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs hin, der die auf dem Aktionärstreffen im Juni 2007 vollzogene Wahl Rolf Zinns in den Aufsichtsrat im Nachhinein für nichtig erklärt hat. Da das Kontrollgremium danach somit nur noch aus zwei Personen bestanden habe, müsse die Verlängerung von Stefan Zinns Vorstandsmandat widerrufen werden. Auch von Dörnberg kritisierte, dass der Aufsichtsrat den Vertrag verlängert und Zinns Vergütung sogar noch erhöht habe.

Trotz solcher Kritik wurde Stefan Zinn ebenso wie sein Vorstandskollege Norbert Dieterich von der Hauptversammlung entlastet. Zinn senior dagegen wurde die Entlastung verweigert.

Dirk Stelzl