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Niedersachsen Zucker-Bündnis mit Potenzial
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19:02 28.03.2012
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Nordzucker-Zentrale in Braunschweig: Der Konzern will mithilfe des neuen asiatischen Partners seine Internationalisierung vorantreiben. Quelle: Nordzucker
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Manchmal sind es alte Verbindungen, die helfen, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Ehe Hartwig Fuchs die Karriereleiter zum Geschäftsführer bei Toepfer International erklomm, war er acht Jahre für den Hamburger Agrarhändler in Singapur tätig - und pflegte auch Kontakte zum führenden asiatischen Agrarkonzern Wilmar International. Damals konnte Fuchs nicht ahnen, dass er einmal Chef von Europas zweitgrößtem Zuckerhersteller Nordzucker sein - und noch einmal auf Wilmar zurückkommen würde.

Das Geschäft läuft zwar wegen weltweit starker Nachfrage nach Zucker und hoher Preise bestens. Fast 200 Millionen Euro Gewinn hat Nordzucker im Ende Februar abgeschlossenen Geschäftsjahr 2011/12 eingefahren, mehr als doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Aber wegen der EU-Zuckermarktreform von 2006 hat der Braunschweiger Konzern - wie auch die Konkurrenz - ein Problem: Um den Entwicklungsländern nicht länger den Zugang zu versperren, musste die EU auf Druck der Welthandelsorganisation WTO ihren Markt öffnen, ein bisschen wenigstens. Nur noch 85 Prozent des Bedarfs dürfen aus europäischer Produktion kommen. Vorher hatte die Branche viel mehr Zucker hergestellt, als in Europa konsumiert wurde, der Selbstversorgungsgrad lag bei 115 Prozent.

Dadurch brachen den EU-Zuckerproduzenten 6 Millionen Tonnen weg, die nun eingeführt werden müssen. Allerdings muss der importierte Rohrzucker raffiniert werden, ehe er verkauft und weiterverarbeitet werden kann. Nordzucker legte sich mehrere Raffinerien zu, um an diesem Geschäft teilzuhaben.

An Importen mangelt es jedoch, seit Zucker knapp und die Weltmarktpreise infolge mehrerer schlechter Zuckerrohrernten des größten Exporteurs Brasilien höher als die Preise in Europa sind. 400000 Tonnen müsse Nordzucker einführen, um die Auslastung seiner drei Raffinerien in Schweden, Dänemark und Finnland zu sichern, sagt Konzernchef Fuchs. Aber die Entwicklungsländer verkaufen ihren Zucker lieber dort, wo sie mehr erlösen. Zuletzt bekam Nordzucker laut Fuchs nur knapp 260000 Tonnen. „Diese Lücke zu schließen ist eine Herausforderung.“

In der Not besann sich Fuchs seiner alten Kontakte zu Wilmar. Daraus entstand jetzt eine strategische Kooperation, die beiden Unternehmen Vorteile bringen soll. Die Asiaten, die weltgrößter Produzent von Palmöl und Biosprit sind, wollen auch ihr internationales Zuckergeschäft kräftig ausbauen. In Australien betreiben sie bereits eine Fabrik, die Rohrzucker produziert, und in Indonesien eine Raffinerie mit eigenen Zuckerrohrplantagen.

Durch Nordzucker verspricht sich Wilmar nun auch den Zugang zum europäischen Zuckermarkt, wie Fuchs erklärt. Die Braunschweiger wiederum hoffen, sich mithilfe der Asiaten den nötigen Rohzucker für ihre Raffinerien beschaffen zu können. Damit wäre auch gleich das logistische Problem gelöst: Der Wilmar-Konzern mit Sitz in Singapur, der zuletzt mit 92000 Mitarbeitern 30,4 Milliarden Dollar (2010) umgesetzt hat, besitzt eine eigene Flotte von 40 Schiffen. Und woran Nordzucker besonders gelegen ist: Wilmar engagiere sich langfristig, sagt Fuchs.

Erst einmal werden allerdings nur Projekte ausgelotet, die beide Unternehmen zusammen betreiben könnten. Ende des Jahres soll es erste Ergebnisse geben, wie der Nordzucker-Chef sagt. Auch ein Joint Venture sei möglich. „Da ist enormes Potenzial drin“, glaubt Fuchs. Und er wirft bereits einen Blick in die Zukunft: In Ägypten beispielsweise, wo auch aus Rüben Zucker produziert wird, sei der Bau einer Fabrik durch Wilmar denkbar, den Zucker könne man dann gemeinsam über Nordzucker in Europa vermarkten.

So unbedeutend die Zusammenarbeit noch ist - der Nordzucker-Konzern sieht darin einen „wichtigen Schritt“ für seine Wachstumsstrategie und seine künftige Wettbewerbsfähigkeit. Im weltweiten Agrargeschäft vollziehe sich zurzeit durch Fusionen und Übernahmen eine Konsolidierung, erklärt Fuchs. Auch in Europa werde die Zuckerindustrie 2020 anders aussehen als heute. Von den heute 24 Zuckerproduzenten mit 106 Fabriken dürften nach seiner Schätzung dann weniger als zehn Unternehmen mit noch etwa 80 Werken übrig sein.

Nordzucker will dabei sein. Da die Bauern als Anteilseigner wohl nicht das nötige Kapital für eine internationale Expansion des Konzerns aufbringen können (und vielleicht nicht wollen), setzt der Vorstandschef auf Bündnisse wie mit Wilmar. Dabei können alte Verbindungen manchmal hilfreich sein.

Lars Ruzic 27.03.2012
Lars Ruzic 26.03.2012