Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
CeBIT 2009 „Jeder sollte einen Internetpass haben“
Nachrichten Wirtschaft Themen CeBIT 2009 „Jeder sollte einen Internetpass haben“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:54 05.03.2009
Sicherheitsexperte Eugene Kaspersky. Quelle: Rainer Surrey
Anzeige

Die Warnungen vor Sicherheitslücken im Internet nehmen nicht ab. Ist die Gefahr größer geworden, Herr Kaspersky?
Ja. Es gibt immer mehr Cyber-Kriminelle, und die Auswirkungen ihrerMachenschaften sind schwerwiegender. Manche von ihnen haben es auf private Nutzer abgesehen, manche auf Banken oder andere große Unternehmen. Auch Regierungen können Opfer von Attacken aus dem Cyberspace sein.

Wie haben sich die Machenschaften der Kriminellen verändert?
Früher gab es meist nur Hooligans, dann gab es Kriminelle, die sich mithilfe von Schadprogrammen am Geld anderer Leute bereichern wollten. Heute ist die Welt von Cyberkriminellen regelrecht organisiert. Es gibt eine Menge
voneinander unabhängige Einzeltäter, die alle einen Teil des Jobs erledigen. Einige entwickeln Schadsoftware und verkaufen sie weiter. Andere infizieren PCs damit und sammeln gestohlene Daten. Wieder andere setzen diese Daten in Geld um.

Anzeige

Aus welchen Ländern kommen die Täter?
Aus China, Lateinamerika – Ländern mit spanischer und portugiesischer Sprache. Aus den USA: Kalifornien, Texas, wahrscheinlich auch Florida. Außerdem aus Russland und den baltischen Staaten. Obwohl es eigentlich nicht
richtig ist zu sagen, die Täter kämen aus diesen Staaten. Die Schadsoftware weist ja keine Identifikation auf. Es lässt sich nur die Sprache zurückverfolgen, in der sie geschrieben ist.

Vor Kurzem gab es eine Attacke des Wurms Conficker. Experten sagen, diese war schlimmer als alles zuvor Bekannte.
Es gibt einige Hinweise, dass dieser Wurm von russischen Hackern entwickelt wurde. Das waren Professionelle auf einer hohen Entwicklungsstufe. Sie benutzten kryptografische Algorithmen. Das bedeutet, dass sie eine gute
technische Ausbildung genossen haben. Möglicherweise eine russische (grinst).

Deutsche Behörden beklagen, die IT-Sicherheit hierzulande sei eine Katastrophe…
Endlich gelangt das auf die Ebene der Regierungen. Langsam verstehen die, dass wir auf Technologien angewiesen sind, die wir nicht kontrollieren.

Was ist zu tun?
Kurzfristig helfen drei Schritte: Neue Produkttechnologien entwickeln, Nutzer schulen und den Kampf weltweit vernetzen. Nutzer kann man mit Vorträgen weiterbilden, Kinder in der Schule. Das dritte ist schwieriger.

Warum?
Theoretisch müssen in manchen Fällen drei Polizeistationen in unterschiedlichen Kontinenten zusammenarbeiten. Praktisch ist das schwierig. Was wir brauchen, ist eine Interpol fürs Internet. Europa hat Ähnliches im Jahr 2000 versucht: mit der europäischen Konvention gegen Cyber-Kriminalität. Die Umsetzung ist schwierig, weil manche Konsequenzen fragwürdig sind. Das würde darauf hinauslaufen, dass Behörden jenseits staatlicher Grenzen Zugang zu IT-Systemen hätten. Wenn der Bundestag also infizierte PCs hätte, würden russische Behörden darauf zugreifen müssen. Das können Sie doch vergessen.

Das war ihr kurzfristiger Plan – was ist mit dem langfristigen?
Ich stelle mir vor, stärker auf Regulierung zu setzen: Wir brauchen Internetpässe, um jeden identifizieren zu können, der das Internet benutzt.

Wirklich jeden?
Jeden, ja. Sie haben doch auch einen Führerschein in der Tasche. In jedem öffentlichen Netzwerk haben wir eine Kennung: von Flugtickets bis zu Verträgen mit Stromanbietern. Wenn jemand seinen Strom nicht zahlt, steht
die Polizei vor der Tür. Das Internet ist auch ein öffentliches Netzwerk. Dort sollte es auch eine Identifikation geben. Ich weiß noch nicht, in welcher Form, aber es muss sein! Das ist mein Langzeitplan. Vielleicht geht er in 50 Jahren in Erfüllung.

Das klingt aber nach Big Brother.
Genaugenommen hat Big Brother gar nicht so viele Augen, um alles zu lesen, was Sie in ihren PC tippen.

Zwei Augen sind genug …
Wer glaubt, er bewege sich im Internet anonym, der irrt. Vergessen wir Privatheit. Die gibt es nicht mehr. Nehmen wir nur die Informationen auf der Kreditkarte. Ein Internetpass wäre nur eine kleine Ergänzung. Es geht ja nicht darum, private E-Mails zu lesen, sondern allein um Ihre Daten, die beim Internetzugang hinterlegt sind.

Ist das ihr Lebenskampf?
Das ist meine Mission. Es geht darum, Kriminelle zu verfolgen, um sie dingfest machen zu können. Es gibt Zehntausende, und die Zahl wächst. Wenn der riesige rechtsfreie Raum Internet nicht reguliert wird, gibt das ein
Disaster.

Was raten Sie Menschen, die ihren Computer absichern wollen?
Es ist ganz einfach – wie mit der Gesundheit. Wer krank ist, ruft einen Arzt. Wenn der Computer krank ist, muss der Experte kommen.

Interview: Marcus Schwarze und Julia Beatrice Fruhner

05.03.2009
Marina Kormbaki 05.03.2009