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CeBIT 2010 CeBIT: Google kündigt Deutschlandstart von Street View an
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21:47 02.03.2010
Von Sascha Aust
Der Google-Dienst Street View soll demnächst auch in Deutschland starten,  teilte Konzernsprecher Kay Oberbeck auf der CeBIT in Hannover mit. Für Street View werden komplette Straßenzüge mit Kamerawagen wie diesem abfotografiert und ins Netz gestellt.
Der Google-Dienst Street View soll demnächst auch in Deutschland starten, teilte Konzernsprecher Kay Oberbeck auf der CeBIT in Hannover mit. Für Street View werden komplette Straßenzüge mit Kamerawagen wie diesem abfotografiert und ins Netz gestellt. Quelle: dpa
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Wenn Google-Manager Michael Jones noch einen nennenswerten Haarschopf sein Eigen nennen könnte, er würde sich auf der CeBIT in Hannover sicher die Haare raufen. Denn irgendwie will ihn in Deutschland niemand so richtig verstehen. Google Street View sei doch ein tolles Projekt, beteuert er während seines Vortrags am Dienstag auf der CeBIT in Hannover immer wieder. Und die Vorbehalte, die Google in Deutschland entgegengebracht werden, seien wirklich unbegründet.

Jones gibt sich redlich Mühe, seine Zuhörer zu überzeugen. Er geht mit ihnen an seinem Computer auf eine virtuelle Weltreise mit Google Earth, zeigt Satellitenaufnahmen von Whistler bei Vancouver, von Tokio, München und schließlich Hannover. Er lobt die Schönheit der Herrenhäuser Gärten in der Draufsicht und bewegt die virtuelle Kamera dann direkt über das Messegelände in Hannover, zoomt an das Convention Center heran und verkündet: „Genau hier sind wir jetzt. Ist das nicht toll?“

Ist es. Und auch gegen die Vorzüge des eigentlichen Street-View-Projekts lässt sich im Grunde wenig sagen. Natürlich ist es komfortabel, anhand echter Fotos durch die Gegend navigiert zu werden, wie Jones es vorführt. Sicher ist es auch einfacher, sich in einer unbekannten Gegend zurecht zu finden, wenn man das nicht nur anhand von Kartenmaterial zu tun braucht, sondern einem Google Street View ein Foto des gesuchten Gebäudes zeigt. Street View sei im Grunde nichts anderes, als ein Sicherheitsnetz für Reisende, so Jones. Das allerdings kann man auch anders sehen. Und in Deutschland sind die Kritiker, die eine andere Sicht des Projekts haben, nicht gerade wenige.

Street View wurde 2007 in den USA gestartet. Für den Internetdienst werden komplette Straßenansichten abgefahren und fotografiert. Gesichter und Autokennzeichen werden von Google „verpixelt“, also unkenntlich gemacht. Kritikern reicht das allerdings nicht aus. Gegen den Straßenfoto-Dienst wettern im Gleichklang die Ministerinnen für Justiz, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), und Verbraucherschutz, Ilse Aigner (CSU). Aigner will gegen Aufnahmen des US-Konzerns Google von Straßen und Häusern für das Internet vorgehen. Sie stehe in Kontakt mit dem Bundesinnenministerium, um „rechtliche Schritte und mögliche Gesetzesänderungen zu prüfen“, sagte Aigner dem Magazin „Focus“. Aigner bewertete die Aufnahmen von Google Street View als „millionenfache Verletzung der Privatsphäre“.

Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar warnt vor dem Straßenfoto-Dienst. „Hier gibt es vielfältige Verknüpfungsmöglichkeiten, die ich sehr kritisch sehe“, sagte Schaar dem „Tagesspiegel“. Er forderte ebenso wie Aigner, dass Google den Bürgern von sich aus aktiv mitteilen müsse, dass die Fotos existieren und dass die Betroffenen einer Veröffentlichung widersprechen können.

Vor knapp einem Monat hatte bereits Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger Google mit einem verschärften Datenschutzgesetz gedroht. Umstrittene Dienste wie auch Google Earth (Grundstücke aus der Vogelperspektive) seien „rechtlich unbedingt prüfenswert“, so die FDP-Politikerin.

Google sieht das natürlich anders: „Google Street View ist konform mit dem deutschen Recht“, sagt Sprecherin Lena Wagner bei der CeBIT in Hannover. So würden Autokennzeichen und Gesichter automatisch verpixelt. Außerdem werden Häuser auf Wunsch der Bewohner oder Besitzer aus der Anzeige herausgenommen. Auch nachträglich können Benutzer sich über Bilder beschweren, sagte Wagner. Street View werde eingeschaltet, wenn die Programme zum Widerspruch fertiggeschrieben sind, erklärte Oberbeck.

Unterstützung erhalten die Kritiker durch ein aktuelles Gutachten, das die rheinland-pfälzische Landesregierung in Auftrag gegeben hatte. In der wissenschaftlichen Vorlage wird unter anderem kritisiert, dass die Rohversion der Aufnahmen unanonymisiert in die USA geschickt wird. „Was dort mit den Daten geschieht, weiß niemand“, so der Justizminister von Rheinland-Pfalz, Heinz Georg Bamberger (SPD). Google müsse gewährleisten, dass die Daten direkt bei der Aufnahme anonymisiert und nicht für andere Zwecke verwendet würden. 

Bei Google seien Daten in sicheren Händen, versichert indes Google-Manager Jones. Überhaupt sei Google nicht gefährlich: „Wir sind kein Land, wir sind keine Armee, wir sind nur ein kleines Unternehmen mit 20.000 Mitarbeitern. Allein in Deutschland gibt es viele größere Unternehmen.“ Was er jedoch nicht sagt: Dieses „kleine Unternehmen“ mit gerade mal 20.000 Mitarbeitern ist zumindest theoretisch in der Lage, ganz genau zu wissen, was denn die Mitarbeiter der anderen, viel, viel größeren Unternehmen so im Netz suchen. Und wenn diese auch noch Googles E-Maildienst Gmail benutzen oder über den Google-Dienst Buzz kommunizieren, dann hat Google rein theoretisch Zugriff auf deren gesamten Mail- und Nachrichtenverkehr. Natürlich seien alle Daten bei Google sicher, verkündet Jones. Das schulde man den Nutzern, allein schon aus eigenem Interesse, sonst würden sie ja zu anderen Anbietern wechseln.

Doch mit der vermeintlichen Sicherheit ist das so eine Sache. Schließlich galten auch all die Tausend Daten, die während der Datenskandale der vergangenen Jahren plötzlich in Umlauf gerieten, bis dahin als sicher. Sollte Google irgendwann einmal von einer solchen Datenpanne betroffen sein, dürfte das massive Auswirkungen haben. Da ist das von Jones geforderte Vertrauen ein ziemlich großer Vorschuss, den die Nutzer liefern sollen.

(mit dpa, ap)