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Weltweite Finanzkrise Wieder schwere Krawalle in Griechenland
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18:52 12.05.2011
Bei Protesten in Griechenland kam es erneut zu heftigen Ausschreitungen. Quelle: dpa
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Griechenland in der Depression. Die Lage in dem hochverschuldeten Land scheint aussichtslos. Für viele Griechen lautet das Motto: „Rette sich wer kann“. Gut ausgebildete junge Leute wandern aus. Hunderttausende traten am Mittwoch in den Streik, protestierten gegen drastische Sparauflagen und lähmten das öffentliche Leben - mitten in Beratungen um neue Milliardenhilfen.

„Ich habe den Eindruck, ich befinde mich in einem Labyrinth und einer schreit hinter mir los! los! lauf! Nur wo soll ich hin“, sagt ein griechischer Rentner. Seine zwei Enkel sind arbeitslos. Er selbst muss sich gelegentlich etwas Geld von seiner Tochter leihen, um über die Runden zu kommen.

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Die Arbeitslosigkeit in Griechenland ist auf mehr als 15 Prozent hochgeschnellt, Tendenz stark steigend. Und Arbeitslosengeld gibt es nur für ein Jahr. Dazu kommt: Der träge Staatsapparat kann nicht die Schattenwirtschaft erfassen - die Steuereinnahmen hinken dem Plan um etwa 1,5 Milliarden hinterher.

Zum zehnten Mal seit Einführung der Sparmaßnahmen riefen die Gewerkschaften am Mittwoch zu Protestaktionen auf. Viele Arbeitnehmer haben nach Gewerkschaftsangaben mehr als 20 Prozent ihres Einkommens verloren. Neue Sparrunden sind angesagt: In den kommenden zwei Jahren müssen irgendwo 50 Milliarden Euro gefunden werden, damit das Land Löhne und Gehälter der Beamten sowie die Kassen die Renten zahlen können. Niemand weiß, woher das Geld kommen soll. Die griechische Wirtschaft ist allein 2010 um 4,5 Prozent geschrumpft.

Vor allem staatliche Einrichtungen wurden bestreikt. Doch die Beteiligung an den Kundgebungen blieb weit hinter den Erwartungen der Gewerkschaften. Insgesamt sollen nach Schätzungen der Polizei rund 30 000 Menschen an den Demonstrationen teilgenommen haben - vor einem Jahr noch waren 300 000 Menschen auf die Straße gegangen. „Ich sage Ihnen, das hat keinen Sinn mehr, die Karre ist so verfahren, dass nichts mehr zu machen ist,“ sagte ein Taxifahrer, der vier Stunden lang auf einen Fahrgast warten musste.

Zudem haben die Gewerkschaften an Ansehen verloren. Unangenehm überrascht sind die Menschen von Enthüllungen, dass viele Gewerkschaftsvorstände - vor allem die, die vom Staatshaushalt bezahlt werden -, in den vergangenen Jahren luxuriös gelebt haben sollen. „Heute streiken diejenigen, die es können. Hauptsächlich die, die beim Staat angestellt sind und einen sicheren Arbeitsplatz haben“, sagte Haris Kentis, ein Schuhverkäufer im Zentrum Athens.

Die Fluglotsen lenkten ein wenig ein - statt wie ursprünglich geplant für 24 Stunden zu streiken, legten sie nur für vier Stunden die Arbeit nieder. Sie wissen, dass dieses Jahr der Tourismus eine entscheidende Rolle für die Rettung des Landes spielen kann. „Wir wollten die Touristen nicht abschrecken“, sagte ein Fluglotse. Die meisten internationalen Flüge fanden trotz des Streiks statt.

Wie schlimm die Situation ist, zeigte ein Aufruf des Staatspräsidenten Karolos Papoulias einen Tag vor dem Streik. Die gesamte Nation müsse mobil machen. „Anders geht es nicht“, sagte er. Umfragen zeigen, dass mehr als 70 Prozent der Befragten der Ansicht sind, das Land bewege sich in die falsche Richtung - viele Beobachter halten vorgezogene Wahlen in den kommenden Monaten für unvermeidlich.

dpa