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Wirtschaftszeitung Der Nutella-Sound
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00:15 03.03.2014
 300 Millionen Deckel für die Nutella-Glöserverlassen pro Jahr die Bänder in Alfeld. Quelle: Stumpe/HAZ
Alfeld

Ein frisches Glas Nutella beim Frühstück lässt die Herzen höherschlagen. Es soll Leute geben, die zelebrieren das Öffnen förmlich. Unverzichtbar: das kurze Schleifen und kräftige Knacken, wenn man den Deckel aufdreht. Das gehört ebenso dazu wie das Fummeln an der goldenen Folie, die dann noch zwischen dem hungrigen Genießer und seiner geliebten Schokocreme liegt.

Wenn es an Deutschlands Frühstückstischen munter knackt, reiben sich im südniedersächsischen Alfeld einige Leute vergnügt die Hände. Zum Beispiel Ulrich Behre und Peter Rothweiler. Sie sind Geschäftsführer des Mittelständlers Meyer Seals. Jener Firma, die ihn raushat, den Dreh mit dem Knack. Seit dem Start der Nussnugatcreme in Deutschland vor genau fünf Jahrzehnten liefern die Alfelder die Dichtungseinlagen für Nutella-Deckel, rund 300 Millionen Stück verlassen pro Jahr die Fabrikhallen in der Leinestadt. Der Kostenanteil am einzelnen Glas ist minimal, die Wirkung gewaltig. Denn das Knacken gehört zu Nutella wie der Dom zu Köln. „Man hört das beim Öffnen vielleicht gar nicht. Aber wenn es nicht knackt, merkt man es sofort“, ist Behre überzeugt. „Das ist quasi Kult.“

Davon ist auch der Nahrungsmittelkonzern Ferrero überzeugt, dessen wohl bekannteste Marke Nutella ist. Das Knacken hat sich als Markenzeichen etabliert. Und ist unantastbar. Vor einigen Jahren wagte Meyer Seals den Vorschlag, doch keine Knack-Dichteinlagen mehr zu liefern, sondern welche ohne Geräusch. „Da kam ein Anruf von Ferrero“, berichtet Peter Rothweiler schmunzelnd. Zu Details schweigt er, das Resultat war eindeutig: Die Alfelder investierten kräftig, um ihre Maschine fit für die nächsten Jahrzehnte zu machen. Und sind weiterhin die Garanten für den Knack beim Dreh.

Die Wahrheit über die Dichtungen liegt in einem weltweit kaum noch angewandten Verfahren: Meyer Seals fügt dafür Aluminiumfolie und Pappe mithilfe von Dutzenden winziger Wachspunkte zusammen. Wer genau hinsieht, kann sie nach dem Öffnen eines Nutella-Glases auch auf der Folie erkennen. Schraubt der Nutella-Liebhaber erstmals den Deckel auf, reißt er die vielen winzigen Wachsverbindungen auf. Dabei entsteht das Geräusch, um das sich alles dreht. Die Pappe bleibt im Deckel, die Folie klebt weiter auf dem Glas.

Solche Dichtungen werden heute in aller Regel mit einer Kunststoffverbindung erzeugt. Auch Meyer Seals macht das, etwa für Nescafé und andere Hersteller löslichen Kaffees. 95 Prozent des Marktes in Deutschland beherrschen die Alfelder. Da dreht sich der Deckel leise, der Kunde schaut danach auf eine makellose Folie. Auch beim Motoröl, dessen Kanisterdeckel in den meisten Fällen seine Dichtung ebenfalls von Meyer Seals hat, knackt nichts, es würde den Autofahrer auch kaum interessieren. Selbst bei Nutella ist die Sehnsucht nach dem Sound kein globales Phänomen. Wer schon einmal in den USA oder Australien die Schokocreme gekauft hat, hat festgestellt: Da knackt gar nichts.

Die Dichtungen kommen dennoch aus Alfeld. „Aber in Übersee ist das Geräusch nicht etabliert, da spielt das keine Rolle“, weiß Rothweiler. Überhaupt seien die Kundengewohnheiten dort weniger tradiert als in Europa. In Amerika etwa lässt sich Nutella problemlos auch im Kunststoffbehälter verkaufen. „In Deutschland gilt etwas, das im Glas verkauft wird, automatisch als wertvoller“, weiß Behre. „Kunststoff käme hier gar nicht gut.“ Vergleichbares begegnet den Tüftlern aus dem Leinetal auch beim Wein. Ein wichtiger Geschäftszweig für Meyer Seals sind Dichtungen für die Deckel von Spirituosen-Schraubverschlüssen. Doch besonders in Deutschland und Frankreich hat es der Deckel schwer: „Kork gilt immer noch als qualitätsvoller, wertvoller – in Australien oder Neuseeland nutzt das kaum noch ein Winzer“, weiß Rothweiler.

Der Blick auf die Weltkarte gehört in Alfeld dazu. Das zeigt sich auch bei der Auswahl der Vertriebsmannschaft: „Ich bin da quasi der einzige Teutone“, unkt Rothweiler. Meyer Seals arbeitet mit der Studentenorganisation Aiesec an der Uni Hannover zusammen, nutzt deren globale Kontakte, um immer neue Praktikanten aus allen Teilen der Welt zu rekrutieren – von denen viele tatsächlich später einsteigen. „Wir haben Kunden in aller Welt, es ist immer von Vorteil, sie in ihrer Landessprache ansprechen zu können.“ So tummeln sich in Alfeld Kolumbianer, Chinesen, Holländer, Inder, Spanier und viele andere, büffeln im Unternehmen Deutsch und vertreten es auf allen Kontinenten in vielen verschiedenen Sprachen.

Der Frage, wie ein Mittelständler wie Meyer Seals eigentlich Lieferant eines Weltkonzerns wie Ferrero geworden ist, begegnen die Alfelder denn auch selbstbewusst: „Ferrero ist natürlich ein Gigant. Aber wir sind in unserer Branche auch ein Gigant“, sagt Rothweiler. Auf 500 bis 600 Millionen schätzt er den globalen Markt für Verschlussdichtungen, zehn Prozent davon beträgt allein der Umsatz von Meyer Seals.

Die Nutella-Dichteinlagen spielen dabei gar nicht die größte Rolle. Aber eine absolut unüberhörbare.

Von Tarek Abu Ajamieh
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