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Wirtschaftszeitung Der Wind hat gedreht
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10:04 11.06.2015
Von Jens Heitmann
Die „drei warmen Brüder“ sind Wahrzeichen, aber nicht Gewinnbringer der Stadtwerke Hannover. Quelle: dpa
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Hannover

So hart hatten sich die Stadt-werke Wunstorf den Wettbewerb nicht vorgestellt. Eigentlich wollte der gerade gegründete Kleinstversorger dem Marktführer Eon-Avacon Stromkunden abjagen. Doch der Platzhirsch konterte schneller als erwartet: Noch bevor die eigene Vertriebsmannschaft ihre Angebote durchrechnen konnte, stopfte der große Konkurrent aus Helmstedt allen Haushalten knallrote Umschläge mit neuen Verträgen in die Briefkästen - Aufschrift: „Hier steckt mehr Leistung drin.“

Das war vor fünf Jahren. Inzwischen haben sich die Wunstorfer längst von ihrem ersten Schock erholt. „Wir haben heute rund 6200 Stromkunden – das entspricht einem Drittel des hiesigen Marktes“, sagt Geschäftsführer Henning Radant. Die Stadtwerke gewinnen Monat für Monat neue Abnehmer hinzu, bei der nächsten Auszählung will er endgültig an Eon Energie – Avacon ist inzwischen nur noch Netzbetreiber – vorbeiziehen und wäre damit der sogenannte Grundversorger in der Gegend. Wer diesen Status erreicht, dem fallen automatisch alle Umzügler zu, die sich nicht aktiv um die Wahl eines Strom- und Gasanbieters kümmern.

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Braunschweig Beispiel für Torschusspanik

Als der Gesetzgeber vor anderthalb Jahrzehnten nach der Telekommunikationsbranche auch den Energiemarkt für den Wettbewerb öffnete, galten die Stadtwerke vielen als die geborenen Verlierer. Gegen die Übermacht von Eon, RWE, EnBW und Vattenfall, so verkündeten es die Unternehmensberater allerorten, hätten die lokalen Versorger keine Chance. So mancher Bürgermeister und Stadtrat hörte auf die Einflüsterungen und verkaufte seine Anteile, solange sie noch etwas wert schienen. In Niedersachsen war Braunschweig das prominenteste Beispiel für diese Torschlusspanik: Die Stadt erzielte auf diese Weise 2002 zwar einen exorbitant hohen Preis vom US-Versorger TXU, allerdings rutschte dessen Europa-Ableger noch im gleichen Jahr in die Pleite. Heute gibt bei BS Energy der französische Umweltdienstleister Veolia den Ton an.

Mittlerweile hat sich der Wind komplett gedreht – der aktuelle Trend heißt Rekommunalisierung. Ein Treiber dieser Entwicklung sind die Stadtwerke Hameln. „Wir greifen strahlenförmig in alle Richtungen aus“, sagt Geschäftsführerin Susanne Treptow. Ihre Stadtwerke standen in Springe, Minden und im Weserbergland gleich bei drei kommunalen Neugründungen Pate.

Treptow stößt in die Lücken, die der Rückzug von Eon aus der Fläche öffnet. Die großen Konzerne hätten die Energiewende verschlafen, sagt die Managerin. „Nun werden sie vom Willen der Bevölkerung überrollt.“ Außerdem hätten die Branchenriesen ihre Kunden zu lange vernachlässigt: „Hohe Preise und schlechter Service haben nun einmal Konsequenzen.“

Bürgermeister gründen eigene Versorger

Die Chance für die Kommunen sind die auslaufenden Konzessionsverträge. Sie sind die Voraussetzung für die Verlegung und den Betrieb der Strom- und Gasleitungen; der Netzbetreiber zahlt dafür die sogenannte Konzessionsabgabe an die Gemeinde. Viele Bürgermeister nutzen die günstige Gelegenheit nun für die Gründung eigener Versorger. „Wunstorf ist wie ein gallisches Dorf“, sagte der dortige Geschäftsführer Radant. „Wir wehren uns gegen die Großen. Es gibt hier auch noch eine eigene Sparkasse - und jetzt wieder ein eigenes Stadtwerk, das stärkt die Wirtschaft vor Ort.“

Allerdings ersetzt die erste Euphorie noch keine Strategie. Allmählich dämmert so manchem Verantwortlichen, dass die vielfach beschworene „Renaissance der Stadtwerke“ zumindest keine leichte Geburt wird. Wie aus der aktuellen noch unveröffentlichten Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young unter den Kleinversorgern hervorgeht, fühlen sich zwar zwei Drittel der Stadtwerke pudelwohl - jedes dritte befragte Unternehmen aber tut sich schwer.

Was macht die Stadtwerke attraktiv?

„Zum einen werden die Kunden anspruchsvoller“, sagt der Autor der Studie, Helmut Edelmann. „Sie vergleichen den Service der Energieversorger mit dem anderer Branchen.“ Jeder dritte Kunde habe schon einmal den Anbieter gewechselt, dieser Trend sei unumkehrbar. Zum anderen erzwinge die Energiewende hohe Investitionen - vor allem in den Ausbau der Netze. „Die Stadtwerke müssen sich überlegen, was sie attraktiv macht“, sagt Edelmann.

In Wunstorf hat man das schon getan. „Wir sind für unsere Kunden wirklich erreichbar und wimmeln sie nicht über ein Callcenter ab“, erklärt Geschäftsführer Radant. Zudem hätten die Kunden die Garantie, dass sowohl die Gewinne als auch die Gewerbesteuer in der Region blieben und die meisten Aufträge an örtliche Handwerker gingen. Ähnlich wird auch in Hameln argumentiert.

Aber auch kleinere Versorger sind nicht vor den Fehlern der großen gefeit. Im Rahmen des Stadtwerkeverbundes Tobi haben sich Hameln und Wunstorf am Bau eines Gaskraftwerks in Bremen beteiligt, das in diesem Sommer ans Netz gehen soll. Wie andere Anlagen dieser Art wird auch dieser Meiler auf mittlere Sicht tiefrote Zahlen schreiben, weil das Überangebot an Ökostrom die Laufzeiten extrem begrenzt. Beide Stadtwerke haben schon Drohverlustrückstellungen gebildet. „In Sachen Erzeugung treten wir jetzt erst einmal auf die Bremse“, sagt Treptow, die auch Tobi-Geschäftsführerin ist.

13300 Megawatt beträgt die gesamte Kraftwerkskapazität deutscher Stadtwerke. Das sind nach Angaben des Verbandes kommunaler Unternehmen 10 Prozent der insgesamt installierten Kraftwerksleistung. Der Anteil von Strom aus Kraft-Wärme-Kopplung ist mit 71 Prozent weit überdurchschnittlich.

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