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12:44 24.11.2016
Günter Weidemann sichert den Bestand der Firma zum Wohl der Mitarbeiter.
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Die Fondation Louis Vuitton in Paris hat es. Es steckt im Amazonienhaus des Stuttgarter Tierparks Wilhelma, in der Fassade der Nord/LB in Hannover und in den ICE-Waggons der Deutschen Bahn: Spezialglas aus Barsinghausen. Rund 1600 Mitarbeiter an 18 Standorten in Europa beschäftigt das Unternehmen Schollglas, ein unabhängiger und international tätiger Glasveredeler, erfolgreich und fest verwurzelt in der Region. Geführt wird der Mittelständler seit Jahrzehnten von Günter Weidemann. Es gibt da nur ein Problem: Er ist bereits 82.

Dabei gehört der Schollglas-Chef nicht zu den Unternehmern, die sich selbst für unersetzlich halten und das Thema Nachfolge auf die lange Bank schieben. Früh ist klar, dass Weidemanns Sohn eines Tages die Firma weiterführen soll. Doch 1996 stirbt der 30-jährige Firmenerbe bei einem Autounfall.

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Zu der Trauer und dem Schmerz kommt die Sorge um den Fortbestand der Firma. So entschließt sich der Eigentümer fünf Jahre nach dem Unfall, die Mehrheit der Anteile an einen Finanzinvestor zu verkaufen. Ein Fehler, wie Weidemann rückblickend feststellt. Denn schon bald wird deutlich, was die neuen Herren in Barsinghausen tatsächlich vorhaben – nämlich Schollglas zu zerschlagen und Kasse zu machen. „Das konnte ich nicht zulassen“, sagt der Firmenchef heute und gibt zu: „Ich habe mich damals nicht genug mit der Sache auseinandergesetzt.“

2007 – da ist Weidemann schon über 70 – kauft er Schollglas zurück und entscheidet sich für einen neuen, einen ungewöhnlichen Weg: Er gründet eine Stiftung.

Rund 20 000 Stiftungen gibt es in Deutschland, doch nur etwa 5 Prozent sind Träger eines Unternehmens oder verfolgen firmennahe Ziele. Der Elektronikkonzern Bosch ist das bekannteste Beispiel, auch der Medienkonzern Bertelsmann, der Gummibärchenhersteller Haribo basiert auf dieser Konstruktion. In Niedersachsen gibt es dem zuständigen Innenministerium zufolge nur 15 unternehmensverbundene Stiftungen.

Weidemann kennt sich damit aus: Nach dem Tode seines Sohnes hatte er eine gemeinnützige Stiftung zur Förderung des Denkmalschutzes ins Leben gerufen – sie hat unter anderem die Glaskuppeln im Treppenhaus des Neuen Rathauses in Hannover finanziert und unterstützt zudem Studenten und die Forschung. So gründet der Unternehmer 2010 gemeinsam mit seiner Frau seine zweite Stiftung: die Schollglas Stiftung Brigitte und Günter Weidemann. Stiftungszweck ist die Erhaltung und Förderung der Schollglas-Gruppe, Schaffung von Ausbildungsplätzen sowie die Förderung junger Menschen in betriebswirtschaftlichen und technischen Bereichen. „Es ist eine Konstruktion“, sagt Weidemann, „die Schollglas so gut wie unverkäuflich macht.“ Zudem sei ihm die mittelständische Prägung wichtig, durch die Visionen schneller verwirklicht werden könnten als in Konzernen.

Äußerlich hat sich bei Schollglas seither kaum etwas verändert. Weidemann hält bis heute alle Fäden in der Hand, arbeitet nach wie vor täglich zwölf Stunden im Betrieb, er hat aber gleichzeitig eine jüngere Führungsmannschaft aufgebaut. Ein Pflichtbewusstsein, von dem sowohl die Region als auch die Belegschaft profitiert. „Es ist ja ein Geschenk an die Mitarbeiter und den Standort, das man mit so einer Stiftung macht“, sagt Weidemann.

Die, die sein Lebenswerk einst fortführen sollen, sind schon bestellt. Er arbeite intensiv mit seinem Beirat zusammen. Das Gremium soll nach seinem Ausscheiden der künftig vierköpfigen Geschäftsführung zur Seite stehen. „Wenn es gut läuft, kann es mit diesem Unternehmen ewig weitergehen. Das Wichtigste ist, dass der Mensch die Hauptrolle spielt.“

Claudia Brebach

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