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10:06 11.06.2015
In Pevestorf im Wendland sitzt der Marktführer für Biosäfte: Voelkel knüpft an die Tradition der Firmengründer an. Quelle: Frank Stieldorf
Pevestorf

Der Standort der Firma ist nicht gerade attraktiv, jedenfalls logistisch betrachtet: abgelegen im tiefsten Wendland, weit weg von der nächsten Autobahn. Hier, im 100-Seelen-Dorf Pevestorf, hat die Naturkostsafterei Voelkel seit fast acht Jahrzehnten ihren Sitz. Andere Unternehmer hätten dem Ort im beschaulichen, aber strukturschwachen Biosphärenreservat Elbtalaue womöglich längst den Rücken gekehrt. Stefan Voelkel, der das Familienunternehmen in dritter Generation führt, denkt nicht einmal im Traum daran.

Stefan Voelkel fühlt sich der Tradition verpflichtet. Seine Großeltern, Anhänger der Reformbewegung der „Wandervögel“, schlugen hier in den Zwanzigerjahren Wurzeln. Margaret und Karl Voelkel wollten nach der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners im Einklang mit der Natur leben, erzählt der 57-Jährige. Der dünn besiedelte Landstrich an der Elbe erschien ihnen dafür ideal. Sie legten einen Obstgarten mit Apfel-, Birn- und Kirschbäumen an. Bald kam der „Most-Max“ dazu, eine mobile Saftpresse, mit der die Voelkels durch die Dörfer zogen und das Obst der Bauern zu Saft verarbeiteten. 1936 erstanden sie eine stillgelegte Molkerei in Pevestorf und legten damit den Grundstein für die Mosterei.

Mosterei ist heute Marktführer bei Biosäften

Stefan Voelkel hält an der biodynamischen Wirtschaftsweise fest - aus „tiefster Überzeugung“. Sie wird von seinen vier erwachsenen Söhnen, alle in der Firma aktiv, geteilt, und der stetige Aufschwung ihres Unternehmens bestätigt sie: Die Mosterei ist heute Marktführer bei Biosäften in Deutschland und weltweit aktiv. Über 45 Millionen Euro Umsatz hat Voelkel 2014 erwirtschaftet, 5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Etwa 20 Millionen Flaschen der Marke Voelkel verlassen jährlich per Lkw das Firmengelände. Viele Großhändler holen die nach den Wünschen der Kunden auf Paletten zusammengestellten Säfte ab, der Rest werde mit Speditionen abgewickelt. Die Kunden - das sind neben gastronomischen Betrieben die klassischen Naturkostläden und Biosupermärkte. Inzwischen würden auch einige Edeka-Händler beliefert, die einen Vertrag mit dem Demeter-Verband hätten, der ältesten Organisation für biologisch-dynamischen und ökologischen Landbau in Deutschland, erklärt Stefan Voelkel. Die Früchte aus der Region reichen schon lange nicht mehr für die Produktion all der Säfte in Demeter- und Bioqualität aus.

Soweit es möglich sei, würden Obst und Gemüse aus regionalem Anbau verarbeitet, sagt der Firmenchef. So stamme der größte Teil der jährlich benötigten 8000 Tonnen Äpfel aus dem Alten Land, Gemüse meist von Demeter-Betrieben aus Norddeutschland, Rhabarber aus dem Wendland. Darüber hinaus hat Voelkel ein Netz von etwa 300 Lieferanten weltweit geknüpft, um sich auch exotische Zutaten für neue Saftkreationen zu beschaffen. Granatäpfel etwa bezieht das Unternehmen von einem Ökobauern in der Türkei, Mangos und Maracujas von einem Partner aus Ägypten oder Kokosraspeln von einer thailändischen Kooperative. Alle Anbauer kennt Stefan Voelkel seit Jahren.

Mehr als 170 verschiedene Naturkostsäfte

Voelkel stellt inzwischen mehr als 170 verschiedene Naturkostsäfte her. Das reicht vom traditionellen Apfelsaft über Gemüsesäfte, Limos (BioZisch), Wellnessdrinks bis zu den neu auf den Markt gebrachten grünen Smoothies aus der gewöhnungsbedürftigen Mischung von pürierter Mango, Grünkohl und Spinat. Auf die Idee sei er eines Nachts gekommen, als er nicht schlafen konnte, erzählt Stefan Voelkel. Ständig ist er auf der Suche nach neuen Saftkreationen. Jedes Jahr werden rund 20 neue Produkte in den Markt geschickt, alte verschwinden aus dem Sortiment.

Die Vielfalt hat ihren Preis. Im Tanklager stehen mehr als 100 Stahlbehälter, teilweise mit bis zu 100 000 Litern Fassungsvermögen, in denen unterschiedlichste Säfte lagern; insgesamt elf Millionen Liter warten darauf, in Flaschen abgefüllt zu werden. Über ein verzweigtes Rohrsystem geht es zu den beiden Abfüllanlagen. Alle zwei Stunden wird rund um die Uhr das Produkt gewechselt, weil es sich bei den verschiedenen Sorten meist um kleine Chargen handelt. Man brauche ein Drittel mehr Leute in der Produktion als ein konventioneller Hersteller, erklärt Voelkels ältester Sohn Boris. Fast 200 Menschen beschäftigt das Unternehmen, etwa 160 in der Mosterei, die übrigen bei der Elbtalaue Naturkostprodukte, die unter anderem Handelsmarken für Biohändler wie Alnatura herstellt. Voelkel hat kein Problem, Mitarbeiter zu finden, auch weil das Unternehmen selbst ausbildet. „Junge Leute ziehen wieder gerne aufs Land“, freut sich der Firmenchef.

Auch Investoren klopfen in Pevestorf an, aber die Familie hält sie auf Distanz. 2012 wurde die Voelkel-Stiftung gegründet, die 90 Prozent der Anteile hält. So ist sichergestellt, dass die Firma nicht verkauft wird und selbstständig bleibt.

Das Unternehmen

Ingrid Marie, Kaiser Wilhelm oder Uelzener Rambour – damit diese alten Apfelsorten nicht verschwinden, unterstützt die Voelkel-Stiftung die unabhängige Saatgutforschung. Für Stefan Voelkel ist das eine „Herzensangelegenheit“. Weil Agrarkonzerne wie Monsanto auf hochleistungs-, aber nicht vermehrungsfähige Hybridzüchtungen setzen, die zudem gentechnisch verändert sind, geht immer mehr Sortenvielfalt verloren. Zugleich wächst die Abhängigkeit der Landwirte von den Konzernen, weil sie jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen. Deshalb fördert die Stiftung Forschung und Entwicklung samenfester Gemüse- oder Obstsorten. Sie entstehen durch traditionelle Selektion, indem mit Blick etwa auf Geschmack und Vitalität nur Samen von besonders gut entwickelten Sorten weiterentwickelt und -verwendet werden.

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