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Patienten-Uni 2008 Alles auf Abwehr!
Patienten-Uni 2008 Alles auf Abwehr!
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16:30 08.06.2009
Von Nicola Zellmer
Das menschliche Immunsystem kann viele Eindringlinge, darunter auch Bakterien, gut abwehren. Quelle: istock.com

Leibwächter sind etwas für Popstars, hochgestellte Politiker oder Könige. Doch auch ganz normale Menschen sind gegen einen Angriff von außen auf besondere Weise gewappnet. Das verdanken wir unserer körpereigenen Sicherheitspolizei: dem Immunsystem. „Das Immunsystem ist das umfangreichste System des Körpers“, erklärt Prof. Reinhold E. Schmidt, Leiter der Klinik für klinische Immunologie und Rheumatologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Tatsächlich reicht es von der Oberfläche der Haut und den Schleimhäuten in Lunge oder Darm über Organe wie Milz und Thymusdrüse bis zu Geweben wie dem Knochenmark und den Lymphknoten oder auch den spezifischen Abwehrzellen im Blut.

Als erste Barriere stoßen Fremdkörper wie Holzsplitter, Bakterien, Pilze oder Viren in unserem Körper auf die dichte Zelloberfläche der Haut, die zudem mit lokalen Antibiotika (Defensinen) besetzt ist und mit einem sauren pH-Wert von 5,7 Mikroorganismen abwehrt. Auf den Schleimhäuten in Nase, Mund, Lunge, Darm und Scheide finden sich zudem spezifische Eiweißstoffe (Enzyme), die unerwünschte Moleküle zerlegen können, sowie breit wirksame Antikörper. Dieser „Anti-Erreger-Schutzwall“ gehört zum angeborenen Immunsystem.

Dringen trotzdem einmal Bakterien oder Viren in den Körper ein, werden sie zunächst von weiteren Angehörigen des angeborenen, unspezifischen Immunsystems attackiert: Aus weißen Blutkörperchen entstandene Fresszellen verschlingen möglichst viele Eindringlinge. Natürliche Killerzellen suchen gezielt nach Körperzellen, die Viren enthalten oder durch bösartige Entwicklungen entartet sind, und veranlassen diese zum Selbstmord. Chemische Botenstoffe kurbeln eine heilende Entzündungsreaktion im Gewebe an oder rufen weitere Immunzellen herbei. Und das sogenannte Komplementsystem stellt rund 30 Eiweiße zur Verfügung, die Fremdes markieren, die Entzündung verstärken oder Hilferufe an andere Immunzellen absetzen.

Über diese erste Abwehr hinaus trainiert unser Körper das ganze Leben lang sein erworbenes Immunsystem auf die gezielte Erkennung von Krankheitserregern. Haben wir beispielsweise einmal erfolgreich mit einem Grippeerreger gekämpft, so merken sich spezielle Gedächtniszellen dessen „Profil“ und können bei einem erneuten Eindringen innerhalb von kürzester Zeit aktiv werden. Diese erworbene, spezifische Abwehr basiert auf sogenannten Antikörpern, Y-förmigen Einweißstrukturen. Diese sind auf eine bestimmte Struktur des Gegners, das Antigen, geprägt. Ein solches Antigen kann etwa ein Inhaltsstoff aus der Hülle eines Bronchitisbakteriums sein. Stöbern die Gedächtniszellen ein solches Antigen auf, dann produzieren sie in kürzester Zeit große Mengen von Antikörpern, die den Eindringling zur Vernichtung freigeben.

Die Zellen des spezifischen Immunsystems sind Abkömmlinge der weißen Blutkörperchen: die T-Zellen und die B-Zellen. „Die T-Zellen werden in der Thymusdrüse wie in einer Schule zu spezialisierten Killerzellen ausgebildet“, erklärt Schmidt. Andere T-Zellen werden dort zu „Helferzellen“, die ihre Kollegen unterstützen. Die eigentlichen Antikörperproduzenten sind jedoch die B-Zellen, die im Knochenmark reifen. Weil die Herstellung von Antikörpern aber immer eine ganze Weile in Anspruch nimmt, steht diese effektive Abwehr nicht sofort zur Verfügung, wenn ein Erreger eindringt. Bei sehr aggressiven Mikroorganismen wie Gelbfieberviren kann das gefährlich sein, weil die Immunantwort zu spät kommt. Eine Hilfe bieten Impfstoffe, die aus abgeschwächten oder toten Mikroorganismen hergestellt werden und das Immunsystem schonend mit dem Erreger bekannt machen. Trifft man später tatsächlich auf krank machende Organismen, ist die Immunabwehr bereits gerüstet. Dies ist sicher einer der größten Fortschritte der Immunologie. Durch die Impfungen konnten Krankheiten wie Pocken oder Polio ausgerottet werden.

„Das ganze komplizierte Abwehrsystem ist außerdem so ausgerichtet, dass es normalerweise zwischen körpereigenen und körperfremden Strukturen unterscheiden kann und Gewebe und Organe nicht angreift“, sagt Schmidt. Eine bestimmte Kodierung auf der Zelloberfläche sagt den Immunpolizisten dabei: „Diese Zelle gehört zu uns – nicht zerstören!“. Doch leider funktioniert dieser Mechanismus nicht immer und bei jedem Menschen einwandfrei. So erkennt der Körper bei einer Allergie eigentlich harmlose Partikel wie die Inhaltsstoffe von Nüssen, Pflanzenpollen oder Tierhaare als gefährliche Eindringlinge und löst eine Immunantwort aus. Heuschnupfenkranke leiden deswegen nach einem Pollenkontakt an geschwollenen Schleimhäuten und entzündeten Augen.
Bei einer Autoimmunerkrankung wie der multiplen Sklerose (MS) oder Rheuma wiederum kann sich die Immunabwehr gegen bestimmte Strukturen des eigenen Körpers richten. Bei MS sind das spezielle Eiweiße, die unsere Nervenzellen umhüllen und für eine einwandfreie Weiterleitung von Nervensignalen sorgen. „Beim Rheuma dagegen richten sich die Immunzellen gegen die Gelenkschleimhäute oder gegen Muskelzellen“, erläutert Schmidt. „Das Gemeine ist, dass sich diese Reaktion verselbstständigen kann und dann die Gelenkschleimhäute oder auch den Knorpel zerstört – verbunden mit großen Schmerzen.“

Um diesen Prozess zu stoppen, geben die Mediziner dem Patienten entzündungshemmende Substanzen wie Kortison oder unterdrücken sein Immunsystem. Die moderne Medizin bietet zudem noch gezieltere Therapien an. Dazu gehört der Einsatz von sogenannten Biologica, das sind Antikörper oder Proteinbausteine, die beispielsweise Entzündungsbotenstoffe hemmen. Zudem ist es heute möglich, nur die Antikörper produzierenden B-Zellen zu zerstören und damit das Krankheitsgeschehen zu stoppen. „Der nächste Schritt in der Behandlung wäre es, wenn wir dem Immunsystem eine spezifische Toleranz für die krankheitsauslösende Struktur beibringen könnten“, sagt Schmidt.

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