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Patienten-Uni 2008 Dem Schmerz auf der Spur
Patienten-Uni 2008 Dem Schmerz auf der Spur
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15:26 29.05.2009
Von Veronika Thomas
Ein Mann hält sich vor Schmerzen die Hände an den Kopf.
Bei chronischen Kopfschmerzen oder Migräne haben die Betroffenen das Gefühl, dass ihr Schädel platzt und sie den Schmerz nicht mehr aushalten. Quelle: ddp
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Schmerzen sind vielseitig. Sie können pochend, stechend, schneidend, bohrend, dumpf, lähmend, pulsierend, aber auch furchtbar, schrecklich und nervend sein. Schmerzen sind Ausdruck eines körperlichen oder seelischen Leids – unsere Sprache trifft in dieser Hinsicht keine Unterscheidung. Schmerzen sind Gefühle, ebenso wie Trauer, Wut und Hunger. „Ein Patient hat dann Schmerzen, wenn er solche empfindet – unabhängig davon, ob dies für einen Außenstehenden nachvollziehbar ist“, stellt Privatdozent Matthias Karst, Leiter der Abteilung für Spezielle Schmerztherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), klar.

In Karsts Abteilung werden Patienten behandelt, die unter chronischen Schmerzen leiden. Dazu zählen auch solche, für die es keine erkennbaren Ursachen gibt.
Grundsätzlich sind Schmerzen eine wichtige Einrichtung des Körpers, sie garantieren unser Überleben. Leiden wir zum Beispiel unter starken Bauchschmerzen, kann eine Blinddarmentzündung der Grund dafür sein, die eine sofortige Operation notwendig macht. Bei einem Knochenbruch oder Muskelfaserriss zwingt uns der Schmerz, das einzig Sinnvolle zu tun: den Fuß oder Arm zu schonen. Berühren wir mit der Hand eine heiße Herdplatte, dann signalisiert uns der Schmerz, die Hand möglichst schnell von dort wegzuziehen, damit sie nicht verbrennt. Leider warnt uns der Schmerz nicht bei allen Krankheiten. Krebs, Bluthochdruck und Diabetes bleiben aus diesem Grund meist lange Zeit unerkannt.

Doch wie entstehen nun eigentlich Schmerzen? Mechanische, chemische und thermische Reize führen – vereinfacht ausgedrückt – beim Überschreiten einer individuellen Schmerzschwelle zu einer Aktivierung freier Nervenendigungen, den sogenannten Nozizeptoren. Sie sind für die Schmerzweiterleitung verantwortlich. Die Nozizeptoren reagieren, indem sie elektrische Impulse zunächst in das periphere (äußere) Nervensystem, danach in das Rückenmark und schließlich über zum Gehirn weiterleiten, wo die eigentliche Schmerzempfindung stattfindet. Erst, wenn die Impulse dort im Schmerzzentrum angekommen sind, wird die schmerzhafte Körperstelle wahrgenommen. Dieser akute Schmerz ist das Warnsignal, um uns vor drohendem Schaden zu bewahren.

Anders sieht die Sache aus, wenn die Schmerzen länger als drei Monate andauern und chronisch werden. Sie verlieren dann ihre Funktion als Warnsignal, und auf allen Ebenen der Schmerzverarbeitung kommt es zu massiven Veränderungen. So sind die Schmerzfühler in der betroffenen Körperregion ständig aktiv und reagieren übersensibel – mit der Folge, dass leichteste Berührungen, selbst ein Windhauch, bei den Betroffenen eine Schmerzattacke auslösen können. Schlimmstenfalls werden dem Gehirn sogar Schmerzreize ohne jeden erkennbaren Auslöser gemeldet.

Auch in Rückenmark und Gehirn reagieren die Zentren der Schmerzverarbeitung bald schon überempfindlich: Sie passen sich dem ständigen Schmerz an. Vergleichsweise leichte Schmerzreize können so bereits stärkste Empfindungen auslösen, das Gehirn „lernt“ den Schmerz. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von der sogenannten Neuroplastizität des zentralen Nervensystems, also der Fähigkeit, die eigene Struktur den veränderten Grundlagen und Bedingungen anzupassen. Das heißt: Wo viel Schmerzen sind, baut das Nervensystem eine regelrechte Autobahn, um die Schmerzreize weiterzuleiten. Bildgebende Verfahren beweisen, dass die betroffenen Regionen im Gehirn nach langen Schmerzerfahrungen übergroß sind.

Die Auswirkungen auf die Patienten sind gravierend. Die Schmerzen bestehen mitunter auch dann weiter, wenn der eigentliche Auslöser bereits beseitigt worden ist. Beispielsweise leiden Menschen, deren Gürtelrose längst abgeheilt ist, noch jahrelang unter brennenden Nervenschmerzen. Oder Patienten, die vor der Amputation eines verletzten Fußes unter starken Schmerzen gelitten hatten, empfinden noch Jahre danach quälende Schmerzen, wo ihr Fuß war, oder reagieren auf geringste Reize am Stumpf. Daher erachten es Ärzte für äußerst wichtig, jede Art von Schmerz so schnell wie möglich zu behandeln.

Die Patienten, die die MHH-Schmerzambulanz aufsuchen, haben im Schnitt eine Odyssee von sieben bis acht Ärzten mit elf unterschiedlichen, erfolglosen Therapieversuchen hinter sich. „Wir arbeiten hier nach einem biopsychosozialen Modell“, sagt Matthias Karst, der auch ausgebildeter Psychotherapeut ist. Dabei kommen medikamentöse und nichtmedikamentöse Verfahren zum Einsatz. In einem Vorgespräch besprechen Arzt und Patient zunächst alle Aspekte des Schmerzes: Entstehungsursache, Schmerzqualität, Intensität, Häufigkeit. „An der MHH können wir auch interdisziplinär klären, welche Faktoren die Schmerzen hervorrufen. Denn Menschen mit chronischen Schmerzen wollen nicht nur Linderung, sondern auch eine Diagnose“, sagt Karst.

Karsts Patienten leiden unter chronischen Schmerzen aller Art – vom Kopfschmerz über Schmerzen des Bewegungsapparats bis hin zu postoperativen Schmerzen nach Amputationen. Einige haben auch Ängste, Depressionen und massive Muskelverspannungen. „Nicht immer lassen sich chronische Schmerzen vollständig beseitigen“, schränkt der Schmerzmediziner ein, „aber die Patienten lernen bei uns, mit ihrem Schmerz eigenverantwortlich umzugehen und damit zu leben.“ Für die Behandlung braucht man eine individuell abgestimmte Therapie. Dazu gehört der Einsatz von Schmerzmitteln, manchmal auch in Kombination mit Antidepressiva, mitunter ist aber auch ein Schmerzmittelentzug notwendig. Ein wichtiger Teil der Therapie umfasst zudem das Erlernen von Entspannungstechniken oder physiotherapeutische Übungen.

All diese Verfahren können das einmal gebildete Schmerzgedächtnis zwar nicht löschen, aber sie helfen dem Gehirn, neue, gute Erfahrungen zu machen und die Schmerzen nach und nach zu „vergessen“. Chronischer Schmerz entstehe oft durch körperliche Anspannung, sagt Karst. „Tut uns etwa der Nacken weh, ziehen wir unbewusst die Schultern hoch, um dem Schmerz zu entgehen. Hält der Schmerz jedoch länger an, wird die Vermeidungshaltung selbst zur Quelle der Schmerzen.“ Mitunter liegen die Gründe für den Schmerz viel tiefer. „Bei einigen Patienten ist es der Lebensentwurf selbst, der die psychosomatisch bedingten Schmerzen hervorruft“, erläutert Karst. In solchen Fällen kann die Psychotherapie helfen, dem Phänomen Schmerz auf die Spur zu kommen.

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