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Patienten-Uni 2009 Der Wohlfühlfaktor
Patienten-Uni 2009 Der Wohlfühlfaktor
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15:04 29.01.2010
Von Tatjana Riegler
Gymnastik gegen Rückenbeschwerden
Hilfreich gegen Rückenbeschwerden: gezielte Rückengymnastik Quelle: Martin Steiner
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Winston Churchill muss meist als Beispiel herhalten. „No sports“ soll Englands einstiger Premierminister auf die Reporterfrage geantwortet haben, wie man ein so hohes Alter erreichen könne. 90 Jahre war der Brite alt, als er 1965 starb – und bis heute reden sich Bewegungsmuffel mit „no sports“ heraus, wenn sie zum Sport aufgefordert werden. Ungeachtet der Tatsache, dass Churchill in jungen Jahren ein sehr aktiver Fechter, Schütze, Reiter und Polospieler war. Und ungeachtet wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass Sport ein Gesundheitsfaktor ist.

Dabei ist der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Sport keine Entdeckung des 21. Jahrhunderts. In der griechischen Antike entstand die Lehre von der Diätetik, der gesunden Lebensführung mit gesundheitsorientierter Gymnastik, und im ausgehenden Mittelalter war Sport als Freizeitbeschäftigung in speziellen Formen wie Reiten und Tanzen beliebt. Heute sind die positiven Wirkungen regelmäßiger Bewegung spätestens seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt und in zahlreichen Studien auch dank aufwendiger Technik belegt: Zwischen körperlicher Aktivität und dem Risiko für Übergewicht, für Bluthochdruck und andere Herz-Kreislauf-Krankheiten besteht ein direkter Zusammenhang – was den gesellschaftlichen Stellenwert der körperlichen Aktivität enorm steigen ließ.

Für kranke Menschen gilt die positive Wirkung nicht minder. Ihnen ist es zweitrangig, die körperliche Leistungsfähigkeit mit Sport zu verbessern: Was zählt, ist die Verbesserung des Krankheitsbildes. „Nur leider erhält gezieltes Training nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie Medikamente“, sagt Prof. Uwe Tegtbur, Leiter des Instituts für Sportmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Dabei habe Bewegung oft eine ebensolche Wirkung wie Chemie: So reduzieren Betablocker Blutdruck und Herzfrequenz – „das schafft Training auch“, sagt Tegtbur, „in den meisten Fällen ist die Kombination aus Medikament und Training die beste Lösung“.

Beispiel Diabetes: Weil die Muskelzellen bei körperlicher Bewegung den Blutzucker besser aufnehmen, benötigt der Körper weniger Insulin. „Bei Diabetikern ist ziemlich sicher, dass sie mit gezieltem Training ihre Insulindosis reduzieren können“, sagt Tegtbur. Zudem würden die Durchblutung verbessert und die Immunabwehr gesteigert. Beispiel Krebs: Durch gezielte Übungen können Krankheits- und Behandlungsfolgen vermindert werden; ein angepasstes Bewegungstraining zum Beispiel verbessert die Erschöpfungszustände, unter denen viele Patienten noch lange nach der Therapie leiden. Zudem soll regelmäßiger Sport einigen Krebsarten vorbeugen; dass Menschen, die sich viel bewegen, seltener an Dickdarmkrebs und an Brustkrebs erkranken als Nichtsportler, ist statistisch erwiesen.

Auch bei Rückenkrankheiten, Arthrose und Osteoporose hat Bewegung einen positiven Einfluss. Mehr noch: „Sie ist elementarer Bestandteil der Therapie“, sagt Tegtbur. Gezielte Gymnastik, Wandern oder Radfahren beispielsweise sind nach einem Hüftgelenkersatz empfohlen, Krafttraining, Schwimmen, Rudern oder Joggen eignen sich – zwei- bis fünfmal die Woche bei mindestens 20 Minuten – zur Prävention von Osteoporose. Der Patient dürfe sich jedoch nicht überfordern und müsse lernen, seine Belastung der Erkrankung entsprechend zu dosieren, sagt der MHH-Professor – wobei die Belastungsgrenze so individuell ist wie die Herzfrequenz.

Das müssen auch Hypertoniker lernen. Wer sich mit Bluthochdruck bewegt, lässt seine Gefäße durch das erhöhte Blutflussvolumen stärker arbeiten – sie weiten sich, der Blutdruck sinkt für mehrere Stunden. Zudem muss das Herz nach dem Sport weniger oft schlagen, um das Blut durch den Kreislauf zu transportieren, dadurch sinkt die Pulsfrequenz – worüber sich wiederum das Herz freut, weil es bei niedriger Pulsfrequenz effizienter arbeiten kann. Der gesundheitliche Gewinn: Mit regelmäßigem Sport sinken Blutdruck und das Risiko von Herzinfarkt und Diabetes. Weil die Blutgefäße geschmeidig bleiben, besonders die Herzkranzgefäße, kann Training die Durchblutung der Herzmuskulatur verbessern. So ist bei Menschen, die sich bis zu fünfmal in der Woche sportlich betätigen, die Zahl der koronaren Herzerkrankungen um bis zu 50 Prozent niedriger.

Nicht zuletzt lässt Bewegung das Gewicht sinken. Wer dreimal in der Woche einen Ausdauersport bei 70 bis 85 Prozent der maximalen Herzfrequenz betreibt und dabei Diät hält, kann bis zu elf Kilogramm Fettmasse bei gleichbleibender Muskelmasse verlieren – das ergab eine Acht-Wochen-Studie mit 44-jährigen Männern. Wer dagegen Diät ohne Training hielt, verlor im gleichen Zeitraum nur 4,3 Kilogramm Fettmasse, aber 3,8 Kilogramm Muskelmasse. Training erhöht also Leistungsfähigkeit und Grundumsatz (durch Steigerung der Muskelmasse) gleichermaßen – und es kommt dem Fettstoffwechsel zugute. Regelmäßige Bewegung reduziert das „böse“ LDL-Cholesterin, das Arteriosklerose verursachen kann, und lässt das „gute“ HDL-Cholesterin um bis zu zehn Prozent ansteigen – womit das Risiko einer Gefäßverkalkung sinkt.

Doch welcher Sport eignet sich? Wer völlig gesund ist, betreibt den Sport, bei dem er sich wohlfühlt, im Verein seiner Wahl. Wer Risikofaktoren mitbringt, sollte sich vor der ersten Trainingseinheit einem Gesundheitscheck bei einem Sportarzt unterziehen. Und wer schon erkrankt ist, muss Trainingsart und -umfang immer der Therapie anpassen und sollte sich möglichst vom Arzt kontrollieren lassen. Mittlerweile gibt es viele Vereine, die Rehabilitationssport für die unterschiedlichsten Diagnosen anbieten –
Rückenschulen für Patienten mit Bandscheibenvorfall, Gymnastikrunden für Diabetiker, Schwimmgruppen für Menschen mit neuem, künstlichem Gelenk. „Man weiß mittlerweile, welche Mobilität bei welcher Erkrankung gut ist“, sagt Tegtbur. Mit neuer Ausstattung bietet auch die Sportmedizin in der MHH für zahlreiche Erkrankungen gezielte Reha- und Trainingsprogramme an.

Dass sich Ausdauersport besonders gut bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eignet (und zu deren Prävention), ist längst bekannt. Beim regelmäßigen Joggen, Walken, Radfahren oder Schwimmen – bei einer Dauer von mindestens
20 bis 30 Minuten – wird das Blutvolumen erhöht, die Fließeigenschaft des Blutes verbessert und die Gefahr von Herzinfarkt und Thrombose gesenkt. Immer aber soll körperlicher Einsatz mit gesundheitlichem Nutzen im Einklang stehen. Zu häufiges, intensives Training kann zu einer Überlastung der Muskeln und Gelenke führen; „durch fehlende Regeneration nimmt man sich den Trainingseffekt“, sagt Tegtbur. Er rät zu zwei bis fünf Einheiten pro Woche: individuell geplant meist zum Ausdauersport mit ergänzendem Krafttraining. So absolvieren es unter anderem auch die Herz-, Diabetes- und Lungenpatienten in seinen Präventions- und Rehabilitationsportgruppen im MHH-Institut für Sportmedizin.

Neben dem gezielten Training ist das tägliche Gesundheitsverhalten wichtig: Regelmäßige Bewegung muss in den Alltag eingebaut werden; Treppensteigen statt Fahrstuhlfahren etwa oder zum Einkaufen aufs Fahrrad steigen statt ins Auto. Gezieltes Training ist dann der zweite Schritt zu Gesundheit und Wohlbefinden.

Keine Stunde, die man mit Sport verbringt, ist verloren! Dieser Satz stammt übrigens auch von Winston Churchill.

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