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Patienten-Uni 2009 Der goldene Schnitt
Patienten-Uni 2009 Der goldene Schnitt
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17:31 11.06.2009
Von Heike Manssen
Prof. Peter Vogt bei der Notoperation eines Fingers.
In der plastischen Chirurgie müssen die Ärzte oft schnell reagieren: Prof. Peter Vogt bei der Notoperation eines Fingers. Quelle: Rainer Surrey
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In der Öffentlichkeit werden plastische Chirurgen oft als wahre Verschönerungszauberer dargestellt, die alles richten, was die Natur versäumt hat – oder was die Eitelkeit verlangt: Aus dem Riesenzinken wird eine süße Stupsnase, aus dem Hängebusen eine ansehnliche Brust. Und sogar eine „Miss Hässlich“ wie die Chinesin Zhang Di, wurde dank der Schönheitschirurgie zum stolzen Schwan.

Mit der alltäglichen Arbeit plastischer Chirurgen hat diese Vorstellung allerdings wenig zu tun. Zwar kann sich in Deutschland jeder Arzt als kosmetischer, ästhetischer oder Schönheitschirurg bezeichnen. Aber nur wer sich Facharzt für ästhetische, plastische und wiederherstellende Chirurgie nennen darf, ist ein ausgebildeter Spezialist. Und der kann weit mehr als Stupsnase und neue Brust. Zudem ist die plastische Chirurgie kein Phänomen der Neuzeit: Ihre Ursprünge reichen zurück bis zu den Anfängen der Medizin. Bereits vor 3000 Jahren nahmen die alten Ägypter rekonstruktive Eingriffe am Gesicht vor. Auch in Indien finden sich Quellen, die von Operationen der Nase berichten. Der Grund dafür: In dieser Zeit war das Abschneiden der Nase oder anderer Körperteile als Strafe für Verbrechen durchaus üblich.

Die plastische und ästhetische Chirurgie begann ihren Siegeszug bereits während der Renaissance. Der Italiener Gaspare Tagliacozzi stellte als erster Arzt in Europa einen verletzten Arm wieder her. Durch die Fortschritte der Anästhesie wurden in den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr auch andere Eingriffe möglich. So entwarf der französische Chirurg Hippolyte Morestin 1907 die ersten Techniken zur Brustverkleinerung.

Auch heute noch entwickelt sich die plastische Chirurgie kontinuierlich weiter. Durch mikrochirurgische Operationstechniken beispielsweise entstehen immer neue Möglichkeiten bei der Rekonstruktion und der Transplantation von Nerven und Gefäßen im Millimeterbereich. Auch abgetrennte Gliedmaßen lassen sich zunehmend erfolgreich wieder replantieren, wie mehrere schwierige Operationen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) nach Unfällen beweisen. Auch das gehört zur plastischen Chirurgie.

Das umfangreiche Fachgebiet befasst sich darüber hinaus mit der Wiederherstellung und Verbesserung angeborener oder durch Krankheit, Unfall oder Alter verursachten, sichtbar gestörter Körperfunktionen oder Körperformen. Dabei wird die plastische Chirurgie von vier Säulen getragen: Zur ästhetischen Chirurgie gehören all die formverändernden Operationen (Nasen- und Brustkorrektur, Fettabsaugen, Lifting, Hautstraffung), die nicht medizinisch, sondern ausschließlich durch den Wunsch des Patienten bestimmt sind. Diese Eingriffe sind umgangssprachlich auch als „Schönheitsoperationen“ bekannt. Allerdings ist nicht immer eindeutig auszumachen, wo die medizinische Indikation aufhört und wo das Schönheitsideal anfängt.

Die rekonstruktive Chirurgie stellt verloren gegangene Funktionen des Körpers wieder her, etwa nach Verletzungen, Tumorentfernungen oder Fehlbildungen. Typische Operationen sind etwa Gewebeverschiebungen oder -verpflanzungen, Nervenverpflanzungen oder Sehnenumlagerungen. So lassen sich gelähmte Gesichtsmuskeln ersetzen oder große Knochendefekte durch die Verpflanzung von Gewebe aus anderen Körperbereichen überbrücken. In den vergangenen Jahren hat vor allem die Brustrekonstruktion mit Eigengewebe nach Tumoroperationen oder Amputationen immer mehr Beachtung gefunden.

Die Verbrennungschirurgie wiederum beschäftigt sich mit der Akut- und Intensivbehandlung von Verbrennungen. Bei schweren Verletzungen transplantieren die Mediziner beispielsweise gesunde Haut, um eine schnellere Wundheilung zu erzielen. Ist das nicht möglich, kann auch künstliche Haut zum Einsatz kommen. Bei der Behandlung von Verbrennungen ist nicht nur wichtig, dass ein Patient das geschädigte Körperteil später wieder bewegen und benutzen kann, sondern auch der ästhetische Aspekt zählt.

Ein ganz eigenes fächerübergreifendes Spezialgebiet in der plastischen Chirurgie ist die fachlich sehr anspruchsvolle Handchirurgie. Da die Hand des Menschen sehr viele Funktionen und unterschiedliche anatomische Strukturen hat, ist sie ein äußerst kompliziertes Organ. Deshalb muss der Arzt bei der Therapie viele Behandlungsmethoden kombinieren. Bis 1993 war der „Handchirurg“ kein geschützter Begriff. Erst seitdem können Orthopäden, Chirurgen und Plastische Chirurgen durch jahrelange Weiterbildung diese Zusatzbezeichnung erwerben.

Dass insbesondere in der ästhetischen Chirurgie selbsternannte Schönheits–chirurgen ohne jede Ausbildung auf Patienten losgehen, hält Prof. Günter Germann, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), für unverantwortlich. „Viele haben gar keine oder nur eine allgemeinchirurgische Ausbildung“, lautet seine Kritik, „die haben ihr Leben lang im Bauch operiert und erkennen nun, dass man mit Fettabsaugen Geld verdienen kann.“ Wer sich plastischer Chirurg nennen will, muss dagegen nach dem Studium der Humanmedizin eine Facharztausbildung absolvieren. Diese umfasst eine zweijährige Basisausbildung und eine anschließende Spezialisierungsphase, die weitere vier Jahre dauert.

Dabei sind gute Nerven eine wichtige Voraussetzung. Denn die plastische Chirurgie ist nicht jedermanns Sache: „Der seelische Stress ist groß. Man muss ein perfektes Ergebnis abgeben und dem Patienten später in die Augen schauen können“, so Germann. „Ob ein Dickdarm schön zugenäht ist, interessiert niemanden, solange er funktioniert. Operationen im Gesicht dagegen sieht man sofort“, sagt der Mediziner.

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