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Patienten-Uni 2010 Das alternde Herz
Patienten-Uni 2010 Das alternde Herz
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14:32 22.11.2010
Von Nicola Zellmer
Jahrzehntelange falsche Ernährung, Bewegungsmangel und Bluthochdruck können dem Herzen massiv schaden. Prof. Axel Haverich zeigt auf dem Bildschirm die massiven Fetteinlagerungen im Herz eines Patienten. Quelle: Martin Steiner

„Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, erklärt Prof. Axel Haverich, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Zu diesen Risiken gehören eine fett- und zuckerreiche Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen, Alkohol, ein hoher Blutdruck und ungünstige Cholesterinwerte. „Je länger man mit diesen Risikofaktoren lebt, desto eher wird das Herz krank“, sagt Haverich.

Typische Alterserkrankungen sind dem Herzchirurgen zufolge vor allen die koronare Herzerkrankung und die Aortenklappenverengung (Stenose). Weil aufgrund der demografischen Entwicklung heute immer mehr Menschen immer älter werden, steigt auch die Zahl der Herzpatienten – selbst bei jenen, die gesund gelebt haben. „Man wundert sich, wie viele fitte 80-Jährige es noch gibt – vor allem unter den Frauen“, sagt Haverich. „Aber auch die können eine Aortenklappenverengung bekommen und müssen dann operiert werden.“

Allerdings gilt: Je besser der Allgemeinzustand, desto besser überstehen die Patienten eine Herzoperation. Das bestätigt auch Haverichs Kollegin Hassina Baraki. „Viele Menschen mit Herzproblemen kommen zu spät, weil sie glauben, sie wären zu alt für eine Operation“, sagt sie. „Aber das ist falsch. Wer schneller in die Klinik geht, kommt nachher auch schneller wieder raus.“ Baraki hat an einer MHH-Arbeitsgruppe zur Betreuung älterer Patienten nach Operationen mitgearbeitet. „Man kann auch ältere Patienten mit gutem Ergebnis operieren“, sagt sie. „Die Sterblichkeit ist sogar deutlich geringer als nach der Euro-Statistik zu erwarten wäre.“ Gegenüber 50-Jährigen brauchen die Älteren aber etwas länger, um wieder auf die Beine zu kommen. „Dafür ist ihre Lebensqualität nach der Operation deutlich höher als davor“, sagt Baraki.

Laut Statistik liegt das Durchschnittsalter der Patienten, die einen koronaren Bypass erhalten, heute bei 64 Jahren. Bei der Operation zum Aortenklappenersatz sind die Patienten im Schnitt sogar 73 Jahre alt. Probleme sieht Haverich dabei nicht. „Wir können heute auch 80-Jährige mit vertretbarem Risiko am Herzen operieren“, erklärt er. Noch im vergangenen Jahrhundert war das anders: Lange waren Operationen am Herzen überhaupt nicht möglich.

Erst 1953, als die erste Herz-Lungen-Maschine in Betrieb genommen wurde, entwickelte sich das Fachgebiet der Herzchirurgie. Zunächst galt es, junge Menschen mit angeborenen Herzfehlern oder rheumatischen Erkrankungen der Herzklappen zu behandeln. 1968 kam dann mit der Möglichkeit, die Gefäße mittels einer Angiografie darzustellen, die Bypass-Chirurgie hinzu. Damit war es erstmals möglich, verengte Gefäßstellen zu überbrücken und so einen drohenden Herzinfarkt zu verhindern.

Inzwischen hat sich die Herzchirurgie deutlich weiterentwickelt – und auch das Patientenkollektiv ist ein anderes als vor 50 oder 60 Jahren. „Heute behandeln wir überwiegend ältere Patienten“, sagt Haverich. Auch die Forschung bringt immer neue Erfolge. So diskutieren die Experten inzwischen, inwieweit Infektionen eine Rolle bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielen. „Offenbar kommt es bei der Gesundheit des Herzens auch auf die richtige Balance zwischen der Erregerlast, die sich im Laufe des Lebens durch Infektionen ansammelt, und der Fitness des Immunsystems an“, erläutert Haverich.

Laut dem Herzchirurgen gibt es zahlreiche Untersuchungen, bei denen die Erreger von Parodontitis oder Hepatitis C oder auch der Magenkeim Helicobacter pylori im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Krankheiten gefunden wurden. An der MHH hat Haverich aktuell die artherosklerotischen Plaques aus den Halsschlagadern von 37 Patienten überprüft. „Bei den meisten haben wir in den Plaques Bakterien gefunden“, sagt er.

Allen, die wissen möchten, wie fit ihr Herz noch ist, gibt der Herzexperte den Tipp, beim Hausarzt den Blutdruck messen und ein EKG der Herzströme aufnehmen zu lassen. „Wenn etwas wehtut, sollten Sie möglichst bald zum Kardiologen gehen und ein Belastungs-EKG sowie eine Ultraschalluntersuchung machen“, betont er. „Damit lassen sich bereits 90 Prozent der Beschwerden einordnen.“ Nur im Zweifelsfall sei eine Katheteruntersuchung notwendig.