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Patienten-Uni 2010 Wohn- und Lebensformen für Ältere
Patienten-Uni 2010 Wohn- und Lebensformen für Ältere
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17:21 28.02.2011
Von Veronika Thomas
Der richtige Mix aus selbstbestimmtem Leben und nachbarschaftlicher Hilfe ist die beste Basis für ein erfülltes Leben im Alter.
Der richtige Mix aus selbstbestimmtem Leben und nachbarschaftlicher Hilfe ist die beste Basis für ein erfülltes Leben im Alter. Quelle: Handout
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Bewahrheiten sich die Schätzungen von Experten, dann müssen im Jahr 2050 rund drei Millionen Pflegebedürftige versorgt werden, die Zahl der Heimbewohner stiege von derzeit 700 000 auf 1,3 Millionen, von den zusätzlichen Kosten ganz zu schweigen. Was den Betreibern stationärer Pflegeeinrichtungen beste Zukunftsperspektiven verspricht, bezeichnet der Psychiater und bekennende Heimgegner Klaus Dörner als „Konzentration der Unerträglichkeit“. Für ihn ist es ein Skandal, dass es nur etwa 30 Prozent aller Deutschen ermöglicht werde, in den eigenen vier Wänden zu sterben, obgleich es sich alle wünschten. Stattdessen verbrächten sie ihre letzten Jahre oder Stunden in Heimen und Krankenhäusern.

Seit Jahren schon setzt sich der Emeritus für Psychiatrie an der Universität Witten/Herdecke für alternative Wohn- und Betreuungsmodelle ein, die auf Integration aller Hilfebedürftigen setzen, einschließlich Demenzkranker und der wachsenden Gruppe der chronisch körperlich sowie psychisch Kranken. So, wie es in den siebziger Jahren gelungen ist, Kinder und Jugendliche aus den geschlossenen Heimen zu holen, wie in den achtziger und neunziger Jahren die psychisch Kranken aus den Psychiatrien und in jüngster Zeit auch die körperlich und geistig Behinderten. Geht es nach Dörner, so sollen ambulante, nachbarschaftliche und auf Gegenseitigkeit basierende Netzwerke das mehr als 100 Jahre alte Heimsystem ablösen.

„Das wird nicht von heute auf morgen umsetzbar sein und eine lange Übergangszeit benötigen“, sagt Dörner, der von 1980 bis 1996 ärztlicher Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie in Gütersloh war. „Die Menschen wollen Integration, keine Institutionen.“

Das sei im Wesentlichen der Grund, weshalb seit etwa 30 Jahren immer weniger Senioren in das Auslaufmodell Altenheim ziehen wollten – obgleich bundesweit nahezu täglich neue stationäre Einrichtungen eröffnet werden. „Man schiebt es immer länger auf, in ein Heim zu gehen, bis es nicht mehr anders geht oder ein Betreuer dafür sorgt und die Freiwilligkeit nur noch ein trauriger Witz ist“, schreibt Dörner in seinem 2007 erschienenen Bestseller „Leben und Sterben, wohin ich gehöre – Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem“. Das Heimeintrittsalter liegt mittlerweile bei 85 Jahren.

Als Gegenentwurf zum unpopulärer werdenden Altenheim haben sich etwa seit Anfang achtziger Jahre zahllose Bürgerinitiativen wie Nachbarschaftsvereine, Selbsthilfegruppen, Bürgerstiftungen, Hospizdienste, ambulante Haushaltsgemeinschaften sowie generationen- und stadtteilübergreifende Wohnprojekte gegründet. Viele Akteure haben aus ihrer Not heraus eine Tugend gemacht und neue Wohnformen entwickelt, beispielsweise Alten-WGs, die bis dahin undenkbar waren. Auch das bundesweit tätige „Forum gemeinschaftliches Wohnen“ mit Sitz in Hannover zählt dazu, das unter anderem zeitgemäßen Wohnformen im Alter und Mehrgenerationen-Wohnprojekte initiiert.

Eines der erfolgreichsten Projekte des selbstbestimmten Wohnens im Alter ist das „Bielefelder Modell“, das 1996 an den Start ging und vom Verein Freie Altenhilfe Alt und Jung, der Bielefelder Wohnungsgesellschaft (BGW) und der Stadt Bielefeld gemeinsam entwickelt worden war. Was damals mit einer einzelnen Seniorenwohnanlage begann, soll bis zum Jahr 2012 stadtweit angeboten werden. Das Konzept ermöglicht allen Mietern, auch bei steigender Pflegebedürftigkeit, das Wohnen in ihrer eigenen Wohnung und garantiert ihnen Versorgungssicherheit rund um die Uhr – ohne Betreuungspauschale.

Mithilfe ambulanter Hauswirtschafts- und Pflegedienste, Servicestützpunkten, Gästewohnungen, Wohncafés und offenen Küchen, in denen die Mahlzeiten durch die Mieter selbst organisiert werden, ist ein Netz aus Hilfestellung und Gemeinschaftsleben in den jeweiligen Stadtvierteln entstanden, in dem selbst Schwerstpflegebedürftige bei Bedarf rund um die Uhr in ihrer Wohnung betreut werden. Das Zusammenleben von Jung und Alt, Älteren, Behinderten und Dementen funktioniert deshalb so gut, weil parallel dazu ein reger Austausch der Nachbarschaft gefördert wird und das Netzwerk Freunde und Angehörige mit einbezieht.

Für Klaus Dörner ist dieser Mix aus selbstbestimmter, nachbarschaftlicher Hilfe und dem Einsatz von Profis, von dem es mittlerweile viele nachahmenswerte Beispiele gibt, Ausdruck einer neuen solidaritätsorientierten Bürgerbewegung. Es gebe immer mehr hilfebedürftige Menschen, aber auch immer mehr Menschen, die helfen wollten, sagt er Emeritus. Das Zusammenkommen dieser Gruppen geschehe in der Nachbarschaft, im überschaubaren Bereich der eigenen Umgebung, im sogenannten „Wirraum“.

Vor allem Ruheständler sind auf vielen Feldern aktiv, aber nicht nur sie. „Es ist empirisch belegt, dass nicht nur Überlastung, sondern auch Unterlastung krank machen kann“, sagt Dörner, der dies am eigenen Leib erfahren hat, als er nach seiner Verabschiedung aus dem Berufsleben feststellte, dass niemand mehr etwas von ihm wollte. Abgesehen von der eigenen Familie. „Wir brauchen eine gewisse Tagesdosis an Bedeutung für andere, das Gefühl, gebraucht zu werden, um uns wohlzu- fühlen“, sagt der 77-jährige.

„Man kann freie Zeit nur bis zu einem gewissen Optimum genießen“, fügt Dörner hinzu: „Ich fange vielmehr an, unter zu viel Zeit als sinnfreier Zeit zu leiden.“ Das Problem der sinnfreien Zeit nach der Pensionierung hat der frühere Psychiatrieprofessor aber längst für sich gelöst. Dörner hält pro Jahr rund 150 Vorträge und ist unter anderem als Autor aktiv. Sein Appell lautet: „Wenn Sie etwas für andere tun, dann tun Sie immer auch etwas für sich selbst.“ Damit ermuntert Dörner seine Zuhörer regelmäßig zu eigenen Aktivitäten für die Gemeinschaft. „Ihr Engagement senkt gleichzeitig auch Ihre eigene Wahrscheinlichkeit, krank zu werden.“

Nicola Zellmer 28.02.2011
Juliane Kaune 13.12.2010
Heike Manssen 06.12.2010