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Wissen 3000 Wissenschaftler auf dem Berliner Historikertag
Nachrichten Wissen 3000 Wissenschaftler auf dem Berliner Historikertag
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11:48 02.10.2010
Von Kristian Teetz
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Wenn eine Amerikanerin im urpreußischen Schlüterhof des Berliner Zeughauses über den Fall der Mauer redet, wenn Professoren aus Hongkong und Berlin auf Kollegen aus Lancester und London treffen und über Kulinarik im Islam diskutieren, dann sind alle räumlichen, historischen und wissenschaftlichen Barrieren aufgehoben. Das entspricht ganz dem Motto des diesjährigen Historikertags: „Über Grenzen“.

Drei Tage lang sprachen rund 3000 Historiker in 75 Fachsektionen in der Humboldt-Universität unter anderem über geografische Trennlinien und zeitliche Zäsuren, über Fachgrenzen und kulturelle Grenzziehungen, über Entgrenzung von Gewalt und Grenzüberschreitungen. In der ehemals geteilten Stadt bildeten 20 Jahre nach der Einheit der Untergang der DDR und die Voraussetzungen der Wiedervereinigung natürlich einen gewichtigen Schwerpunkt. Ilko-Sascha Kowalczuk plädierte dafür, die Opposition gegen die SED nicht mehr als etwas Exotisches, sondern als Teil der DDR-Gesellschaft zu begreifen.

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Überraschen konnte in einer anderen Runde der hannoversche Professor Detlef Schmiechen-Ackermann. Er konstatierte, dass die innerdeutsche Grenze im öffentlichen Bewusstsein und im kollektiven Gedächtnis zwar eine große Rolle spielt, dass die Wissenschaftler das Thema aber lange Zeit nahezu ignorierten. „Erst seit einiger Zeit nimmt die Forschung zur Grenze eine größere Bedeutung ein.“ Er betonte, Grenzregionen seien wichtige historische Räume wie auch Erfahrungsräume. Gemeinsam mit dem Leiter des Historischen Museums in Hannover, Thomas Schwark, und anderen Wissenschaftlern stellte Schmiechen-Ackermann das Forschungsprojekt „Die innerdeutsche Grenze als Realität, Narrativ und Element der Erinnerungskultur“ vor. Ergebnisse sollen bereits im kommenden Jahr im Historischen Museum in Hannover präsentiert werden.

Auffällig war in den drei Tagen des Historikertags darüber hinaus, dass immer intensiver der Weg von der nationalstaatlichen hin zur internationalen Geschichtsschreibung beschritten wird. „Nationale Beschränkung ist heute weder thematisch noch methodisch sinnvoll“, betonte der Vorsitzende des gastgebenden „Verbandes der Historiker Deutschlands“, Werner Plumpe. So fand sich erstmals die Globalgeschichte als eigenständiges Thema auf einem Historikertag. „Wie schreiben wir eine Nationalgeschichte im Zeitalter der Transnationalität?“, fragte etwa Dieter Langewiesche. Die politisch geförderte Mode, europäische Geschichten zu schreiben, kommentierte Langewiesche süffisant: „Wir Historiker erledigen jetzt das, was wir immer erledigen. Wir geben der Gegenwart eine lange Vergangenheit.“

Der Berliner Historiker Michael Wildt, der bis 2006 in Hannover lehrte, wies in seinem Vortrag „Hitler googeln“ auf ein Problem hin, auf das die Geschichtswissenschaft mit der Etablierung der neuen Medien stößt. Historische Quellen in Schriftform würden in Zukunft immer seltener werden: „Mails und SMS ersetzen Briefe.“ Aber die archiviere niemand. So wird der Geschichtswissenschaft vielleicht schon bald eine neue Grenze aufgezeigt.