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Wissen Aids-Medikament wird als Droge beliebt
Nachrichten Wissen Aids-Medikament wird als Droge beliebt
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07:32 01.12.2010
Südafrika hat neue Probleme im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Quelle: ap
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Die Zeiten, in denen selbst der Staatspräsident Aids verharmloste und die Gesundheitsministerin „Knoblauch, Rote Rüben und Vitamine“ als Medizin empfahl, sind in Südafrika vorbei. Präsident Jacob Zuma misst dem Kampf gegen den Aids-Erreger HIV, mit dem fast jeder Achte im Land infiziert ist, hohe Priorität zu. Erste Erfolge von Aufklärungskampagnen, der Verteilung von Milliarden Kondomen und von Medikamenten sind erkennbar. Nun aber ist eine neue Gefahr aufgetaucht: Aids-Medikamente sind plötzlich auf dem Rauschgiftmarkt heiß begehrt.

Whoonga nennt sich die Mischung von antiretroviralen (ARV) Medikamenten mit Marihuana. Die neue Droge hat sich binnen eines Jahres vor allem in der Provinz KwaZulu-Natal verbreitet, inzwischen findet sie sich im ganzen Land. „Die Zahl der Süchtigen geht schon in die Hunderttausende, aber leider nimmt die Regierung das Problem nicht ernst genug“, sagte der Gründer von Projekt Whoonga, Thokozani Sokhulu, kurz vor dem Welt-Aids-Tag am Dienstag.

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Die Jagd nach den Stocrin-Tabletten droht das staatliche Anti-Aids-Programm ad absurdum zu führen. Etwa 700 000 Südafrikaner erhalten heute diese Medikamente, von denen eine Dosis zwischen 15 und 35 Rand (1,60 bis 3,70 Euro) kostet. Nun müssen die Patienten fürchten, Zielscheibe von Kriminellen zu werden. Auch Krankenschwestern sind in Hospitälern einem Bericht der „Sunday Times“ zufolge erwischt worden, wie sie Tabletten stahlen. Die Polizei fürchtet, dass Banden Überfälle auf Medikamententransporte und Kliniken organisieren. Zwar betont Südafrikas Polizeisprecher Vish Naidoo, dass die Sicherheitsbehörden sich der Probleme bewusst seien und sie „im Griff haben“. Aber Aids-Hilfe-Organisationen berichten von Hunderten von Überfällen in den vergangenen Monaten.

Das Absurde an Whoonga ist, dass manche Experten ihre Wirksamkeit bezweifeln: Es soll gar keine zusätzlich berauschende Wirkung – über den Effekt des Marihuanas hinaus – haben, berichtete die „Times“.

Die neue Gefahr für HIV-Infizierte trifft mit Südafrika ein Land, das ohnehin mehr als jedes andere Land mit der Immunschwächekrankheit ringen muss. Knapp sechs der 50 Millionen Einwohner sind mit HIV infiziert. Seit die Zuma-Regierung eine Kehrtwende in der Aids- Politik beschloss, hat sich zwar tatsächlich einiges geändert. Der Direktor des UN-Aids-Programms (UNAIDS), Michel Sidibé, lobte Zuma schon als einen „Architekten einer neuen Zukunft“.

Die Zahl der Neuinfektionen ist seit 2001 um mehr als 25 Prozent gesunken. Eine im Januar gestartete Kampagne hat zum Ziel, dass bis Juni nächsten Jahres 15 Millionen Menschen einen HIV-Test machen lassen. Die Zahl der von den Behörden verteilten Kondome soll von 450 Millionen auf 1,5 Milliarden pro Jahr gesteigert werden. Männliche Beschneidung, die ein Ausbreiten des Virus deutlich verringert, wird propagiert und kostenlos angeboten. Die Zahl der Infizierten, die mit Medikamenten versorgt werden, ist erheblich gestiegen – auch aus Sicht der Regierung noch immer weit weniger als notwendig, aber es ist deutlich besser geworden als in den Vorjahren.

Noch aber sind die Probleme gewaltig: Täglich sterben in Südafrika etwa 1000 Menschen an Aids, fast jede dritte Schwangere ist infiziert, die Zahl der mehr als eine Million Aids-Waisen wächst. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist durch Aids deutlich gesunken. Der Kampf gegen Aids stelle eine der „wichtigsten Herausforderungen“ für die weitere Entwicklung des Landes dar, betont Südafrikas Regierung. Whoonga bedeutet, dass es noch schwieriger wird.

dpa