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Wissen Archäologische Sensationsfunde präsentiert
Nachrichten Wissen Archäologische Sensationsfunde präsentiert
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16:30 16.12.2008
Zwei rund 1800 Jahre alte Fundstücke von einem Schlachtfeld im Harz bei Kaleberg. Quelle: ddp
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Bisher waren Experten davon ausgegangen, dass sich die Römer nach ihrer verheerenden Niederlage in der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. hinter den Limes zurückgezogen und keine militärischen Expeditionen ins heutige Norddeutschland mehr unternommen hatten. Sensationelle archäologische Funde belegen nun offenbar das Gegenteil.

Am Montag präsentierten Wissenschaftler im Original und auf Fotos Fundstücke von dem kürzlich entdeckten antiken Schlachtfeld im niedersächsischen Landkreis Northeim: Eiserne Speer- und Pfeilspitzen, metallene Katapultgeschosse, aber auch Zeltheringe, Sandalennägel und eine „Hipposandale“ - ein spezieller Hufschutz für Pferde und Maultiere, wie er nur beim römischen Heer verwendet wurde.

Rund 1000 römische Legionäre könnten an der „ausgedehnten antiken Schlacht“ beteiligt gewesen sein, vermutet die Northeimer Kreisarchäologin Petra Lönne. Auf Seiten der Römer kämpften wohl auch syrische Bogenschützen - sie verwendeten damals dreiflügelige Pfeilspitzen, die ebenfalls in dem Wald bei Kalefeld gefunden wurden. Wie viele Germanen ihnen gegenüberstanden und wie der Kampf endete, wollen Lönne und ihre Kollegen in den kommenden Monaten erforschen.

Die Funde belegten, dass das Schlachtfeld etwa 1,5 mal 0,5 Kilometer groß gewesen sei, berichteten die Archäologen weiter. Sie konnten inzwischen einzelne Kampfszenen wie den Einschlag von Pfeilsalven oder Infanterieangriffe nachvollziehen. „Kein anderes antikes Schlachtfeld, das Archäologen bisher entdecken konnten, hat so eindrucksvoll ungestörte Hinterlassenschaften erbitterter Kämpfe geliefert“, sagte Lönne.

Nachdem die Archäologen die Schlacht nach ersten Funden noch auf die Zeit um Christi Geburt datierten, brachten spätere Entdeckungen die Gewissheit, dass der Kampf am Harzhorn mindestens zwei Jahrhunderte nach der Varusschlacht getobt haben muss. Sichere Hinweise darauf lieferten eine Münze mit dem Porträt des römischen Kaisers Commodus, der von 180 bis 192 n. Chr. regierte, sowie ein Messerfutteral, „das nicht vor dem ausgehenden zweiten Jahrhundert entstanden sein kann“, sagte der Archäologe und Historiker Günther Moosbauer.

Nach seinen Angaben ist in der Literatur für das Jahr 235 zwar ein Vergeltungsfeldzug der Römer gegen die den Limes berennenden Germanen überliefert. Doch seien diese Kämpfe von der Forschung in der Nähe des Grenzwalls angesiedelt worden, da ein neuerliches Vordringen der Römer viele hundert Kilometer nach Norden unwahrscheinlich erschien. „Die nun nachgewiesene römische Präsenz am Harzhorn bedeutet, dass wir einen neuen Blick auf die alten Quellen werfen müssen“, sagte Moosbauer.

Die Entdeckung des einzigartigen Römer-Schlachtfeldes geht auf zwei Kalefelder Sondengänger zurück, die das Areal im Frühjahr 2000 auf eigene Faust und ohne Genehmigung auf der Suche nach einer mittelalterlichen Burg mit ihren Detektoren erforscht hatten. „Wir sind mit unseren elektronischen Krückstöcken den Wald abgegangen und kamen aus dem Staunen nicht mehr raus. Das piepste andauernd, wohin wir uns auch drehten“, berichtete einer der Beteiligten.

Im Erdboden entdeckten die Hobbyforscher etliche Bolzen, Nägel und ein zunächst nicht zu identifizierendes Metallteil. Als sie in diesem Frühjahr ein Foto davon ins Internet stellten, bekamen sie den Hinweis, dass es sich um eine römische Hipposandale (Pferdeschuh) handelte: „Dann haben wir sofort die Northeimer Kreisarchäologin informiert.“ Im Juni begannen die Ausgrabungen. Um Raubgräber abzuhalten, wurden die Arbeiten bis zur vergangenen Woche vor der Öffentlichkeit geheim gehalten.