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Nachrichten Wissen Bei den Eisbären herrscht Nachwuchsmangel
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11:20 08.12.2010
Von Nicola Zellmer
Eine Eisbärmutter trägt ihr Junges huckepack - ein ungewohntes Bild für die Polarforscher. Quelle: WWF/Angela Plumb
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Für die Eisbären in der Arktis wird es eng: Die Buchten bleiben durch den Klimawandel länger eisfrei, die Bären müssen dadurch immer weiter schwimmen, und das jährliche Zeitfenster für die Robbenjagd verkürzt sich. Zudem fürchten amerikanische Bioakustiker, dass der Lärm der immer zahlreicher werdenden Öl- und Gasbohrungen am Pol die Tiere bei der kräftezehrenden Aufzucht ihrer Jungen stören könnte.

Umweltschützer wie Brendan Cummings vom britischen Zentrum für Biodiversität fordern daher eine deutliche Ausweitung der Schutzzonen. Die gerade erst von der US-Regierung ausgewiesene 485.000 Quadratkilometer große Verbotszone in Alaska hält er für nicht ausreichend. Denn andernorts würden immer noch Rohstoffe abgebaut. „Wenn die Eisbären in der rapide abschmelzenden Arktis überleben sollen, müssen wir ihr Habitat schützen, statt es in eine verschmutzte Industriezone zu verwandeln“, sagte Cummings dem „Guardian“.

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Tatsächlich stimmen die neuesten Erkenntnisse über das Wohlergehen des grönländischen Wappentiers nicht gerade optimistisch. So rückten kanadische Experten Ende November zur offiziellen „Volkszählung“ der Eisbären in der arktischen Hudson Bay aus – und kamen besorgt zurück. Zwar sind ihre Ergebnisse noch nicht endgültig ausgewertet, doch die Beobachtungen zeigen einen alarmierenden Trend. „Die Geburtenraten nehmen offenbar ab“, erklärt Stefan Ziegler vom Umweltschutzverband WWF. Auch das Gewicht der Tiere sei rückläufig. „Wir haben jetzt Muttertiere gesehen, die statt der üblichen 300 bis 350 Kilogramm nur noch 180 Kilogramm wogen.“

Der WWF-Artenschutzexperte Ziegler hat die Wissenschaftler beim Zählen, Wiegen und Vermessen der Bären an der Hudson Bay begleitet und ist gerade erst nach Deutschland zurückgekehrt. Wie viele Tiere es in der kanadischen „Eisbärenhauptstadt“ Churchill noch gibt, vermag er noch nicht genau zu sagen. Nur so viel: Die noch vor wenigen Jahren gezählten 935 Individuen wird die Population wohl nicht mehr erreichen. „Ohnehin war die Zahl der Tiere schon von 1200 Exemplaren in den achtziger Jahren auf unter 1000 gesunken“, sagt er. Insgesamt leben weltweit noch schätzungsweise 20.000 bis 25.000 Polarbären in 19 abgegrenzten Populationen.

Der Grund für den Bärenschwund in Kanada dürfte der Rückzug des Eises aufgrund der zunehmenden Klimaerwärmung sein. „Die Hudson Bay ist inzwischen von Ende Juli bis November eisfrei. Erst dann gibt es das erste Eis der Saison“, sagt Ziegler. Die Eisbären, die den Sommer auf dem Festland verbracht haben, kommen im Spätherbst in Churchill zusammen und warten darauf, dass die Bucht zufriert. Denn erst dann ist die Jagd auf ihr Hauptnahrungsmittel, die fette arktische Robbe, möglich. Bis dahin müssen die Bären bis auf vereinzelt gefangene Vögel fasten – im Schnitt vier Monate lang.

Bei trächtigen Weibchen verlängert sich die Fastenzeit inklusive der Jungenaufzucht sogar auf acht Monate, nach denen sie regelrecht ausgezehrt wirken. „Die Befürchtung ist, dass die Weibchen die Fortpflanzung ganz einstellen, wenn sie zu wenig Fettreserven haben“, sagt Ziegler. „Wann dieser Punkt erreicht ist, wissen wir aber nicht.“ Zur hungerbedingten Sterilität könnte auch die zunehmende Lärmverschmutzung der Arktis durch den Abbau begehrter Rohstoffe wie Öl und Gas beitragen, fürchten die US-Bioakustikerin Ann Bowles vom Hubbs Sea World Institute im kalifornischen San Diego und die Ökologin Megan Owen aus dem Zoo San Diego. Sie untersuchen in einem umfangreichen Projekt, was Eisbären hören, welche Geräusche ihnen schaden und wie Lärm die Brutpflege beeinflussen könnte.

Um das Hörspektrum der Tiere zu entschlüsseln, lehrten die Forscherinnen die Zoo-Eisbären einen Knopf zu betätigen, sobald sie einen Ton hören konnten. Zur Belohnung gab es einen Fisch. Mehr als 4000 Hörversuche später stand für die Wissenschaftlerinnen fest, dass die Polarbären ein breites Hörspektrum haben und sogar besser hören können als ein Mensch. Dabei hörten die Bären in den Versuchen die tiefen Frequenzen deutlich besser als die hohen. Im Ultraschallbereich, den auch Menschen nicht wahrnehmen können, mussten sie allerdings ebenfalls passen.

Als Nächstes fragten sich Bowles und Owen, ob Lärm von außen die Weibchen stören könnte, die sich während der Geburt und Jungenaufzucht für vier bis sechs Monate in selbst gegrabene Erdhöhlen oder Schneeiglus zurückziehen. In der winterlichen Arktis gruben die Forscherinnen Nisthöhlen aus dem Schnee und versahen diese mit Mikrofonen. Frühere Messungen hatten zwar gezeigt, dass die Igluwände Lärm dämpfen können. „Aber das könnte sich durch die Klimaerwärmung geändert haben“, sagt Owen. Die gemessene Lautstärke durch verschiedene Maschinen- und Fahrzeuggeräusche speicherten sie und Bowles für weitere Versuche.

In deren Mittelpunkt steht Zoo-Eisbärin Chinook. Wird sie trächtig, wollen die Forscherinnen die Geräusche in ihrer Höhle messen und die Kommunikation von Mutter und Nachwuchs untersuchen. Mit Kameras und Mikrofonen wollen sie jeden Schritt der Bären überwachen, um deren Lärmempfindlichkeit besser einschätzen zu können. Fehlt nur noch die Mithilfe von Chinook. Die sollte längst trächtig sein, aber die Ultraschallbestätigung steht noch aus. Die Forscherinnen erhoffen diese nun noch vor Weihnachten.

07.12.2010
Margit Kautenburger 06.12.2010