Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Wissen Das Zeitalter der Ökoenergien bricht an
Nachrichten Wissen Das Zeitalter der Ökoenergien bricht an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:43 11.12.2009
Von Ralf Volke
Sonnige Zukunft: Solarenergie
Sonnige Zukunft: Solarenergie hat das größte Potenzial bei den erneuerbaren Energien Quelle: ddp
Anzeige

Die Chinesen denken in anderen Dimensionen. Auf einer Fläche von 65 Quadratkilometern soll in den nächsten Jahren in der Inneren Mongolei ein Solarkraftwerk mit einer Leistung von 2000 Megawatt entstehen – das entspricht der installierten Leistung von zwei großen Atomkraftwerken. Das Solarkraftwerk in China soll 30-mal so groß werden wie die bisher weltweit größte Anlage dieser Art.

Damit werden die Chinesen nicht nur jede Menge klimafreundlichen Strom produzieren, sondern auch dazu beitragen, einen Irrtum zu beseitigen, der sich allen Fakten zum Trotz seit Jahrzehnten hartnäckig hält: Mit erneuerbaren Energien könne man den Bedarf nicht decken, sie taugten allenfalls als zusätzliche Energien, lautete das Credo von Politikern, Managern und zahlreichen Energiefachleuten – vor allem in den Chefetagen der großen Energieversorger. Und nie war diese Behauptung so falsch wie heute.

Allerdings hört man sie seit einiger Zeit immer seltener. Die Fakten lassen dafür auch kaum noch Spielraum. Denn nicht nur die Chinesen bauen Solarkraftwerke in der Dimension von Atomkraftwerken – weltweit erleben erneuerbare Energien, vor allem Sonne und Wind, einen gigantischen Boom. In den USA wurden im vergangenen Jahr 8300 Megawatt Windstrom installiert – fast fünfmal so viel wie im gleichen Zeitraum in Deutschland, wo die Windenergie seit Jahren relativ beständige Zuwachsraten auf hohem Niveau hat. Und hierzulande hat der große Windenergie-Boom gerade erst begonnen: mit dem Aufbau der großen Windparks in Nord- und Ostsee. 12 000 Megawatt sollen bis 2020 vor den deutschen Küsten außer Sichtweite installiert werden – bis 2030 soll sich diese Menge noch einmal verdoppeln. Das wäre mehr installierte Leistung als in allen deutschen Atomkraftwerken zusammen. Die tatsächliche Energieausbeute ist wegen des nicht zuverlässig wehenden Windes zwar geringer, aber in der Endstufe dürften diese Windparks ebenso viel Strom liefern wie sieben bis acht der größten Atomkraftwerke. Der erste Windpark „alpha ventus“, 45 Kilometer nördlich von Borkum, ist seit ein paar Tagen komplett aufgebaut und geht jetzt in Betrieb.

„Heute bestreitet niemand mehr, dass mit erneuerbaren Energien eine Vollversorgung möglich ist“, sagt Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre zeige eindeutig in diese Richtung. Der Anteil an der Stromerzeugung mit Sonne, Wind und Wasser wuchs in diesem Zeitraum in Deutschland von vier auf 16 Prozent – dies hätte vor zehn Jahren kaum jemand für möglich gehalten. Selbst im Koalitionsvertrag von Schwarz-Gelb ist nicht mehr wie früher von „additiven Energien“ die Rede. Im Gegenteil: Auch nach Ansicht der neuen Bundesregierung sollen Sonne, Wind und Co. auf Dauer den Hauptanteil an der Energieversorgung übernehmen.

Am gesamten Energieverbrauch in Deutschland haben die erneuerbaren Energien gegenwärtig einen Anteil von knapp zehn Prozent. Die Wuppertaler Energieforscher erwarten bis zur Mitte
des Jahrhunderts einen Anteil von 50 bis
60 Prozent der Ökoenergien; bis zum Jahr 2100 rechnen sie mit der Vollversorgung. Noch optimistischer ist die Umweltorganisation Greenpeace: Die hat eine Berechnung vorgelegt, wonach zumindest der Strombedarf bis 2050 komplett aus erneuerbaren Quellen stammen kann – worunter in 40 Jahren auch fast der gesamte Energiebedarf für die Autoflotte fallen würde, da diese zunehmend elektrisiert wird.

Nur die Wärmeversorgung wird nach den Greenpeace-Berechnungen zur Mitte des Jahrhunderts erst zu 70 bis 80 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen – obwohl sich die solare Wärmeversorgung für Neubauten schon heute rechnet. Aber anders als die Autoflotte erneuert sich der Gebäudebestand in diesem Zeitraum eben nicht komplett. Außerdem kann man mit einer solarthermischen Anlage auf dem Dach im Winter bisher noch nicht seinen kompletten Wärmebedarf decken. Aber wer sich heutzutage in Wohnsiedlungen umsieht, entdeckt auf immer mehr Dächern Solaranlagen, mit denen die Eigentümer Wasser erhitzen und sich so unabhängiger machen vom schwankenden Öl- und Gaspreis, der sich auf Dauer nur noch in eine Richtung bewegen dürfte: nach oben. Etwas anderes ist bei den zur Neige gehenden Ölreserven kaum denkbar.

Dabei steht auch der große Solar-Boom erst noch bevor. Und die Energieexperten wissen auch wann: in etwa fünf Jahren. Dann nämlich wird in Deutschland die sogenannte Netzparität für Solarstrom erwartet. Das bedeutet, dass man seinen Strom mit einer Photovoltaikanlage auf dem eigenen Dach zu den gleichen Kosten produzieren kann, die man für den Strom aus dem öffentlichen Netz zahlen muss. Sobald dieser Zeitpunkt eintritt, dürfte es für keinen Bauherrn mehr eine Frage sein, sein Haus mit einer eigenen Stromversorgung auszustatten. Der gegenwärtig noch eher bescheidene Anteil von etwa einem Prozent Solarstrom in Deutschland dürfte dann stark nach oben gehen. In einigen sonnigen Regionen Südeuropas ist die Netzparität bereits erreicht. Nicht umsonst sieht man auf immer mehr spanischen Dächern Solaranlagen.

Überhaupt hat Solarenergie das mit Abstand größte Potenzial bei den erneuerbaren Energien. Die Sonne schickt in einer Stunde mehr Energie auf die Erde, als weltweit im ganzen Jahr verbraucht wird. Dass die solare Energieversorgung bisher dennoch eine eher untergeordnete Rolle spielt, liegt an den Kosten – aber die sinken seit Jahren durch technischen Fortschritt und Masseneffekte bei der Herstellung. Allein in den vergangenen zwei bis drei Jahren sind die Kosten für Solaranlagen um durchschnittlich 30 Prozent gefallen.

Die stark gesunkenen Herstellungskosten sind auch ein wesentlicher Grund, weshalb Siemens, Deutsche Bank, RWE und einige andere Unternehmen das Gemeinschaftsprojekt „Desertec“ ins Leben gerufen haben. Sie wollen in der Wüste Nordafrikas zahlreiche Solaranlagen errichten und bis zum Jahr 2050 allein damit 15 Prozent des europäischen Stroms erzeugen, der über Fernleitungen ins hiesige Netz eingespeist werden soll. Dabei ist geplant, dass dies nur ein Teil der dort erzeugten Energie sein soll – der Hauptteil ist für die Verbraucher vor Ort gedacht. Auf diese Weise sollen etwa Anlagen zur Meerwasserentsalzung billigen und sauberen Strom erhalten und den trockenen Ländern einen nie geahnten Aufschwung in der Landwirtschaft bescheren. Das ist alles eine Frage der Energie und der Kosten.

Überhaupt entwickelt sich die grüne Energieversorgung zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor, der auch zum Jobmotor wird. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr 280 000 Jobs in dieser Branche – in zehn Jahren könnten es Prognosen zufolge eine halbe Million sein. In anderen Ländern sieht die Entwicklung ähnlich aus. So hatte beispielsweise die Windbranche in den USA im vergangenen Jahr einen Stellenzuwachs von 70 Prozent. Mit 85 000 Beschäftigten arbeiten dort jetzt mehr Menschen als in der amerikanischen Kohleindustrie(81 000).

„Das ist eine internationale Erfolgsgeschichte“, sagt Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling. Die Deutschen waren zwar die Vorreiter, aber immer mehr Länder steigen mittlerweile in die grüne Energiewende ein. Solaranlagen aus China machen deutschen Herstellern mittlerweile ernsthaft Konkurrenz. Die Anlagen aus Fernost sind zwar nicht so gut, dafür aber billiger, was den Absatz ankurbelt. „Die meisten Länder stellen sich strategisch auf klimafreundliche Energien ein“, sagt Energieexperte Fischedick. „Der Ölpreisschock hat offensichtlich gewirkt.“

Mehr zum Thema

Ein würziger Duft erfüllt die Luft der Lagerhalle. Aus den braunen Säcken, die in meterhohen Regalen bis unter die Decke gestapelt sind, riecht es nach Anis, Kreuzkümmel, Rosmarin und Hagebutte. Ein paar Schritte weiter summen moderne Maschinen vor sich hin.

14.12.2009
Brückentechnologien - Die Konkurrenz wird schwächer

Als „Brückentechnologie“ auf dem Weg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien bezeichnet der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag die Kernenergie. Energieexperten verweisen aber darauf, dass Atomenergie und Ökostrom direkte Konkurrenten sind – denn weder Sonne und Wind noch Atomenergie sind besonders flexibel.

Ralf Volke 11.12.2009

Prof. Harald Welzer ist Sozialpsychologe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen.

Margit Kautenburger 11.12.2009
11.12.2009
Wissen Klimageschäft - Der weite Weg zum Strom
Stefan Winter 09.12.2009