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Nachrichten Wissen Die Welt vertagt den Klimaschutz
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11:43 28.11.2009
Von Margit Kautenburger
Trockenheit
Wann gelingt die Kehrtwende? Durch den Klimawandel drohen an vielen Orten der Welt Dürren mit unabsehbaren Folgen. Quelle: ddp
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Die warnenden Stimmen werden drängender: Die überwiegende Mehrheit der Klimaexperten sieht die Menschheit am Scheideweg. Mit dem Weltklimagipfel in Kopenhagen laufe die letzte Frist ab, die bedrohliche Erderwärmung noch aufzuhalten. Doch trotz der alarmierenden Prognosen des UN-Klimarats (IPCC), nach denen der Klimawandel schneller voranschreitet als erwartet, vertagt die Weltgemeinschaft die nötigen Gegenstrategien. Was Skeptiker längst geahnt haben, wird immer wahrscheinlicher: In Kopenhagen wird kein globales Klimaschutzabkommen zustande kommen.

Sogar der üblicherweise optimistisch auftretende Gastgeber, Dänemarks Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen, glaubt nicht mehr an einen Erfolg. Dabei war das Gipfeltreffen vom 7. bis 18. Dezember als der Höhepunkt jahrelanger Verhandlungen um ein verbindliches Nachfolgeabkommen zu dem 2012 auslaufenden Kyoto-Protokoll geplant. Mehr als 40 Staaten sollten dort konkret festlegen, wie viel schädliche Klimagase sie einsparen müssen – ein globales Emissionsbudget ist das Ziel, das nun kaum noch zu erreichen sein wird.

Schon seit einem Jahr zeichnet sich ab, dass die Klimadiplomaten keine Fortschritte mehr erzielen. Die Länder des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums (Apec) erklärten kürzlich, nur noch eine politische Absichtserklärung statt eines verbindlichen Vertrages anzustreben. Die USA und China betonen zwar, es müsse mehr herauskommen, wichtig sei ein Abkommen mit sofortiger Wirkung. Einen Durchbruch im Klimaschutz erreichten die größten Luftverpester bei ihren jüngsten bilateralen Gesprächen aber nicht. Und auch in der EU klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander.

Die Hoffnung, die die Klimaschützer auf US-Präsident Barack Obama setzten, war wohl verfrüht. Endlich steige auch die USA mit ins Boot, jubelten viele nach der Wahl Obamas vor einem Jahr. Die USA, die das Kyoto-Protokoll seinerzeit zwar unterschrieben hatten, ratifizierten es allerdings nie und lehnten mit Rücksicht auf die Ölindustrie jede Beschränkung ihrer Treibhausgase ab. Obama will eine Kurswende, kann sich aber im Senat nicht durchsetzen. Wichtiger ist ihm ohnehin zunächst ein Erfolg bei der Gesundheitsreform – bevor dieses Hindernis nicht aus dem Weg geräumt ist, wird er sich hüten, weitere Baustellen zu eröffnen. Und einen Fehler will Obama auf keinen Fall begehen: US-Präsident Bill Clinton hatte dem Kyoto-Protokoll zugestimmt, dann aber im Senat keine Mehrheit dafür bekommen. Dies erklärt das Zögern des amtierenden Präsidenten. Mit Zusagen der USA zur Reduzierung der Treibhausgase wird daher frühestens nächstes Jahr zu rechnen sein.

Auch vor der Kyoto-Konferenz 1997 waren die Prognosen nicht rosig. Und dann wurde doch überraschend eine bahnbrechende Einigung erzielt: Das am 16. Februar 2005 in Kraft getretene Abkommen legte erstmals völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern fest. Diese gelten als die hauptsächliche Ursache der globalen Erwärmung. Das Protokoll sieht vor, dass der jährlichen Treibhausgas-Ausstoß der Industrieländer bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 verringert wird. Es hat bislang aber nichts daran geändert, dass die Menschheit dem Klima weiter einheizt und der Treibhausgas-Ausstoß noch immer ansteigt. Trotz der Finanzkrise wurden 2008 zwei Prozent mehr Kohlendioxid beim Verbrennen von Öl, Kohle und Gas freigesetzt als im Jahr zuvor. Seit 2000 ist der Kohlendioxidausstoß um 29 Prozent gestiegen. Dieses Jahr, befürchtet die Internationale Energieagentur in Paris, könnten die Staaten sogar auf die Werte von 2007 zurückfallen.

Ist es also bloß Kerosinverschwendung, wenn Tausende Klimadiplomaten, Politiker und Journalisten im Dezember nach Kopenhagen reisen? Vielleicht ist der Eiertanz fast aller Staaten im Vorfeld nur Taktik. Möglicherweise geht es darum, die Erwartungshaltung so stark herabzuschrauben, dass ein Minimalkonsens noch als Erfolg verkauft werden kann.

Klimaforscher und Umweltgruppen sehen all dies mit großer Sorge. Kopenhagen sei die letzte Chance, den Trend zu stoppen, warnen sie. Gelänge es, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, ließen sich nach dem heutigen Stand der Forschung die gefährlichsten Folgen des Klimawandels noch abwenden. Dafür müsste der Treibhausgas-Ausstoß weltweit bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts auf etwa die Hälfte des Niveaus von 1990 sinken. Gelänge es nicht, das Kippen des Gesamtgefüges zu vermeiden, könnte das dramatische Folgen haben: Das arktische Meereis würde schmelzen wie die Himalaja-Gletscher, auch ein sich selbst verstärkender Treibhauseffekt könne nicht ausgeschlossen werden. Alarmierend ist, dass ein wachsender Anteil des CO² in der Atmosphäre bleibt. Ozeane und Pflanzen an Land könnten immer weniger aufnehmen.

Diese Erkenntnisse erhöhen den Handlungsdruck. Auf das Zwei-Grad-Ziel haben sich die Staaten mittlerweile verständigt. Umstritten aber ist der Weg dorthin: Wie ist ein fairer Interessenausgleich zwischen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern hinzubekommen? Darüber wird hart gerungen. Kompliziert ist nicht nur die Frage, wer wie viele Treibhausgase vermindert, sondern auch die der Lastenverteilung. Aus Sicht der ärmeren Länder ist die Sache klar: Sie sehen die Industriestaaten in der Pflicht, die das Problem verursacht haben. Ihre Minimalforderung lautet: Senkung der Emissionen bis 2020 um 25 bis 40 Prozent, bis 2050 um 80 bis 95 Prozent. Kritikern ist das noch zu wenig: Gerecht sei, wenn jedes Land das Klima mit einer einheitlichen Menge Kohlendioxid pro Einwohner belasten dürfe.

Dieses Geschachere gehört zur Klimadiplomatie offenbar dazu. Wer sich zuerst bewegt, schwächt seine Verhandlungsposition, lautet die Befürchtung. So argwöhnt die Industrie, dass die Bundesregierung mit zu ehrgeizigen Zielen nach Kopenhagen reist. Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, bringt es auf den Punkt: „Wir wollen nicht naiv vorneweglaufen.“

Bewegung kommt in die Debatte, weil mehr Staatschefs nach Kopenhagen reisen als zunächst angekündigt. Obama will auf dem Weg zur Verleihung des Friedensnobelpreises vorbeischauen und nun doch ein konkretes Angebot vorlegen. 17 Prozent CO² gegenüber 2005 soll der größte Verschmutzer bis 2020 einsparen. Der Wert dieser von Fachleuten als zu schwach gewerteten Zusage wird von einer Mehrheit für das Klimagesetz im eigenen Land abhängen. Für China war sie jedenfalls ein Ansporn, ebenfalls durch feste Minderungsziele zu signalisieren, dass es Kopenhagen nicht scheitern lassen will. Indien will seine Klimaziele nachbessern. Kanadas Ministerpräsident Stephen Harper will doch noch nach Kopenhagen kommen. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die zunächst nicht am Gipfel teilnehmen wollte, hofft nun, mit möglichst konkreten Vereinbarungen das Abkommen mindestens so weit vorzubereiten, dass es 2010 unter Dach und Fach kommt.

Nach dem Getrommel vom angeblich historischen Gipfel bleibt der unschöne Beigeschmack des Zauderns. Die große Gefahr besteht darin, dass Glaubwürdigkeit und Ehrgeiz beim Klimaschutz auf der Strecke bleiben.