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Wissen Die „typisch deutsche“ Angst vor dem Kinderkriegen
Nachrichten Wissen Die „typisch deutsche“ Angst vor dem Kinderkriegen
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20:00 24.11.2010
Quelle: dpa (Archiv)
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Mutter sein ist schwer; zumindest wenn Frau perfekt sein will. Wie lange sollte man stillen? Welche Tragehilfe schadet dem Kind? Impfen – ja oder nein? Es gibt kaum eine Frage rund ums Kinderkriegen, die nicht zu hitzigen Debatten in gut besuchten Internetforen führt. Typisch deutsch, meinen die Autoren einer Studie mit dem passenden Titel „Die deutsche Angst vor dem Kinderkriegen“. Die Gelassenheit, die die Großmütter heutiger Mütter noch an den Tag legten, sei weg; die Verunsicherung sei groß. Nur zugeben wolle das keine, es sei denn, sie liegt auf der Couch und wird ausgefragt.

Dies hat nun das Kölner Marktforschungsinstitut rheingold getan. 1070 Frauen, Schwangere und junge Mütter, wurden nach ihren Ängsten, ihrem Selbstverständnis und ihren Wünschen befragt. Herausgekommen ist das Psychogramm einer Frauengeneration, die hohe Ansprüche stellt, aber von ihrem eigenen Ideal einer entspannten Mutter weit entfernt ist. Das Problem sei die innere Zerrissenheit, meint rheingold-Geschäftsführerin Ines Imdahl, die die Studie am Mittwoch in Berlin vorstellte. Viele wollten perfekt „funktionieren“ – als attraktive Partnerin, als erfolgreiche Frau im Beruf und als liebevolle Mutter. Gelingen könne dies kaum. Die demonstrative Gelassenheit einer Latte-macchiato-Mama werde zur Attitüde. Erwünscht, aber nicht erfüllbar. Denn eigentlich, so stellt die Studie klar, ist Mama sein anstrengend. Auch weil Mutter sein nicht mehr „völlig normal“ ist. So plagen sich viele Frauen nicht nur mit einem Perfektionszwang, sondern auch mit einem Rechtfertigungszwang. Sie wollen weder Rabenmutter noch Glucke ihrer Kinder sein. Und wenn man sich schon für Nachwuchs entschieden hat, dann muss er natürlich „besonders gelungen“ sein. Die Geburt wird zum „sinnlichen Event“; das Kind zum Rohdiamanten, der geschliffen werden muss. Selbstverständlich ist der Sprössling kein Störenfried, schläft schon nach wenigen Wochen die Nacht durch und lernt bereits in jungen Jahren Englisch.

Das idealisierte Kind, so meinen die Kölner Forscher, muss für andere Enttäuschungen herhalten: In einer Welt, in der Partnerschaften häufig nicht mehr ein Leben lang halten, in der die Politik das Elterngeld erfindet, um es nach wenigen Jahren wieder zu kürzen, bieten Kinder einen Rest an Verlässlichkeit.

Und was folgt daraus? Kinderkriegen, so meint Ines Imdahl, müsse wieder etwas Normales, Unspektakuläres werden – auch damit wieder mehr Frauen Mut zum Kinderkriegen fassen. Das Mutterbild müsse revolutioniert werden. Wenn es gelänge, dass auch die unperfekte Mutter in der Werbung und in den Medien positiv zu Ehren komme, dann sei schon viel getan. Den Frauen rät die Studie zu echter Gelassenheit und weniger Strenge mit sich selbst.

Notwendig sind selbstverständlich auch Vorbilder. Eine Frau wie die frühere Familienministerin Ursula von der Leyen eigne sich dafür allerdings nicht, hieß es gestern bei der Vorstellung der Studie. Wer sieben Kinder hat, die alle auch noch bestens geraten sind, sei einfach zu perfekt.

Gabi Stief