Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Wissen ESA sperrt Astronauten 520 Tage in Container ein
Nachrichten Wissen ESA sperrt Astronauten 520 Tage in Container ein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:11 01.06.2010
Ein Teilnehmer des Expermients beim Testen eines Raumanzuges. Quelle: ESA
Anzeige

So lange hat es selbst bei der TV-Show „Big Brother“ niemand im Container ausgehalten: 520 Tage sperrt die europäische Raumfahrtbehörde ESA zusammen mit Russland ab Donnerstag sechs Menschen in Moskau in einem Raumschiffnachbau ein. Damit sollen die Auswirkungen eines Fluges zum Mars auf Körper und Psyche von Astronauten simuliert werden.

Für das so genannte Mars500-Experiment werden drei Russen, zwei Westeuropäer und ein Chinese in fünf Modulen mit insgesamt 180 Quadratmetern Fläche leben, die in einer Halle am Rande von Moskau aufgestellt sind. Dazu gehören neben dem „Raumschiff“ auch eine Landefähre und eine nachempfundene Mars-Landschaft für Außenmissionen. Wie bei einem echten Flug dauert die Reise zum Roten Planeten 250 Tage, dann sind 30 Tage Aufenthalt geplant und schließlich 240 Tage für die Rückkehr. Am 8. Februar 2011 ist die „Ankunft“ auf dem Mars vorgesehen und am 5. November 2011 die „Rückkehr zur Erde“.

Anzeige

Bis dahin bekommen die Teilnehmer 520 Tage lang weder Freunde oder ihre Familie noch Tageslicht zu sehen. „Es wird für uns alle beschwerlich“, sagte der chinesische Teilnehmer Wang Yue Mitte Mai. Die Kommunikation per Funk zur „Bodenstation“ findet genauso wie im Weltraum mit wachsender Entfernung von der Erde zeitverzögert statt - im schlimmsten Fall bis zu 20 Minuten in eine Richtung. Bei Krisen - seien sie technischer, medizinischer oder psychologischer Natur - sind die Crew-Mitglieder erst einmal auf sich selbst gestellt. Wie bei „Big Brother“ im Fernsehen werden die „Versuchskaninchen“ aber ständig per Videokamera genauestens beobachtet.

Einen Test hatte die ESA zusammen mit dem russischen Institut für biomedizinische Probleme (IBMP) schon vergangenes Jahr gemacht. Das Experiment dauerte allerdings nur 105 Tage. „Ich muss zugeben, dass ich jegliche langfristige Wahrnehmung für Zeit verloren habe“, sagte danach der Bundeswehr-Offizier Oliver Knickel, der mit von der Partie war. Die 15 Wochen seien ihm wie „drei oder vier Wochen“ vorgekommen.

Der nun geplante Langezeit-Test werde den Weg für künftige Generationen ebnen, „die häufig zum Mars fliegen werden“, ist sich der italienisch-kolumbianische Teilnehmer Diego Urbina sicher. Um wie bei einem echten Raumflug kein Wasser zu verschwenden, dürfen die Teilnehmer nur alle zehn Tage duschen. Ihre Kleidung wird nicht gewaschen. „Wenn die Kleider dreckig sind, werfen wir sie raus in den Weltraum“, sagte der französische ESA-„Astronaut“ Romain Charles.

Um den Container-Koller zu verhindern, will der Chinese Yue seine Kollegen im asiatischen Schattenboxen Tai Chi unterrichten. Die ESA und das IBMP haben für die Astro-, Kosmo- und den Taikonauten zudem eine Reihe von Überraschungen auf Lager: von Unterbrechungen der Kommunikation bis zu simulierten Notfällen durch Systemausfälle.

Die ESA sieht das Experiment als wichtigen Schritt, um die Machbarkeit einer Mars-Mission zu belegen. Es werde “äußerst interessante Informationen über die menschliche Seite künftiger bemannter Missionen zu unseren Nachbarplaneten bringen“, sagte die ESA-Leiterin für bemannte Missionen, Simonetta Di Pippo. Zum Roten Planeten wird es aber kaum ein Teilnehmer des Container-Experiments in Wirklichkeit schaffen. Einen echten Mars-Flug werde es nicht vor dem Jahr 2030 geben, sagt der ESA-Vertreter in Russland, Rene Pischel. Dabei seien weniger technische Hürden das Problem. „Die größte Herausforderung ist Geld.“

afp